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Stade in Niedersachsen:Tod eines Asylbewerbers wirft Fragen auf

NRW-Polizei setzt auf Transporter und mehr Platz

Weil der afghanische Asylbewerber der Polizei "bereits aus anderen Vorfällen bekannt" gewesen sei, habe man "vorsorglich" zwei Streifenwagen entsandt.

(Foto: dpa)
  • Vor einer Woche ist in Stade in Niedersachsen ein junger Afghane von einem Polizisten erschossen worden.
  • Die offizielle Version lautet, dass die Beamten in Notwehr handelten, als sie angegriffen wurden.
  • Niedersachsens Innenminister Pistorius spricht von einem "tragischen Fall".

Irgendwann in diesen Tagen, wenn die Behörden seine Leiche freigeben, wird in der Nähe von Hamburg ein junger Mann aus Afghanistan bestattet. Er kam als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter nach Deutschland, aus einem Land im Bürgerkrieg in eines der sichersten und wohlhabendsten Länder der Welt. Er fand hier den Tod, durch Kugeln aus der Dienstwaffe eines deutschen Polizisten. Am vergangenen Samstagabend wurde der 19-Jährige von einem Beamten der Polizei Stade erschossen, seither stellen sich Fragen.

Warum musste dieser Mensch sterben, getötet von der Staatsgewalt in Uniform? Das soll die Polizeiinspektion Cuxhaven herausfinden, die Stader Polizisten sollen ja nicht gegen sich selbst ermitteln.

Die offizielle Version geht laut Staatsanwaltschaft Stade bisher so: Per Notruf sei "eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen" in einem Mehrfamilienhaus in Stade-Bützfleth an der Elbe gemeldet worden. Weil der Verursacher, ein afghanischer Asylbewerber, der Polizei "bereits aus anderen Vorfällen bekannt" gewesen sei, habe man "vorsorglich" zwei Streifenwagen entsandt. Auf Ansprache durch ein offen stehendes Fenster habe der Mann nicht reagiert, und als die Besatzung des zweiten Polizeiwagens die Erdgeschosswohnung betrat, sei er mit einer "Hantelstange aus Eisen" auf die Beamten losgegangen. Der Einsatz von Pfefferspray "durch mehrere Polizisten" habe "keine Wirkung gezeigt", worauf ein Polizist "zur Unterbindung des Angriffs auf den Angreifer schoss". Noch im Notarztwagen sei er seinen Verletzungen erlegen.

"Hatte das Pfefferspray das Auge erreicht?"

Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Totschlag wurde routinemäßig eingeleitet. "Wir werden ein besonderes Augenmerk darauf richten, ob der Polizeibeamte in Notwehr gehandelt hat", sagte ein Sprecher der Stader Staatsanwaltschaft. Viele Beobachter sind mindestens irritiert, unter ihnen auch der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer. "Ich habe mich sofort gefragt, was hier abgelaufen ist", sagt er.

So würde Pfeiffer gerne wissen, aus welcher Entfernung die tödlichen Schüsse fielen. Wie viele Schüsse waren es? Und: "Wie groß war das Angriffsobjekt?", also die Hantel, offenbar eine Kurzhantel. Und: "Hatte das Pfefferspray das Auge erreicht?" Wie soll jemand mit einer Hantel in der Hand dem Pfefferspray mehrerer Beamter widerstehen und dann noch angreifen? Gewöhnlich macht Pfefferspray vorübergehend nahezu blind. Außerdem sind Polizisten angehalten, wenn schon, dann auf die Beine zu zielen, um einen Angreifer zu stoppen, sofern sie nicht mit einem Messer oder einer Schusswaffe attackiert werden. Obendrein heißt es, dass sechs Afghanen in der Wohnung gewesen seien, aber fünf von ihnen hinausgeschickt worden seien, als die Polizei eintraf. Ein Afghane mit Kurzhantel, allein mit vier Polizisten und dann erschossen?

Innenminister Boris Pistorius sprach von einem "sehr tragischen Fall"

Auch soll es vorher keinen körperlichen Streit der Bewohner gegeben haben, es ging anscheinend um nervige Lautstärke, Musik und Selbstgespräche. Und strafrechtlich war der Migrant nicht aufgefallen, ein früheres Verfahren wegen Nachstellens wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Von einer abgebrochenen Tischlerlehre ist die Rede, von psychischen Problemen, einem Trauma, die Behandlung soll indes eine Zeit lang zurückliegen.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius sprach von einem "sehr tragischen Fall". Der Flüchtlingsrat Niedersachsen ist betroffen und verlangt Aufklärung. Man müsse das alles "ziemlich genau erklären", findet auch der Bützflether Ortsbürgermeister und künftige Stader Bürgermeister Sönke Hartlef (CDU), der mit seiner Frau seit 2015 in der Flüchtlingshilfe tätig ist. Hartlef hatte dem Zuwanderer am frühen Samstagmorgen noch im Zuge eines traditionellen Schützenumzugs die Hand geschüttelt. Jetzt muss man sehen, wo der von einem deutschen Polizisten erschossene Muslim beerdigt werden kann. Zuletzt lag der Tote bei der Hamburger Gerichtsmedizin.

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