Online-Spiel zum ARD-Tatort Das Web steht schwarz und schweiget

Ein "Tatort" ohne Mörder, die Auflösung gab es erst anschließend im Netz: Die ARD feiert ihr Online-Spiel "Tatort+" mit über 100.000 Teilnehmern als Erfolg. Dabei sind die Macher von einem wirklich crossmedialen Erzählkonzept noch weit entfernt.

Von Matthias Huber

Ein Täter, keine Auflösung. Der Tatort "Der Wald steht schwarz und schweiget" verheimlichte die Identität des Mörders. Im Tatort+ konnten die Zuschauer online weiter ermitteln.

(Foto: SWR/Peter A. Schmidt)

Schlagworte gibt es immer viele, am Anfang einer solchen Entwicklung: Crossmedia, Second Screen, Social TV. Dass Talk- und Spielshows ihr Publikum daheim auf die eine oder andere Weise in die Sendung miteinbeziehen, ist nicht neu. Ob Emails vorgelesen werden, oder ob der Zuschauer per SMS oder Hotline die Millionenfrage auch beantworten darf (und dabei seine Kontaktadresse in Werbedatenbanken hinterlässt) - all das sind simple interaktive Konzepte. Mit echter Verknüpfung mit anderen Medien - Crossmedia eben - hat das aber wenig zu tun.

Echtes crossmediales Erzählen hat jetzt die ARD versucht. Der Tatort "Der Wald steht schwarz und schweiget" blieb seinem Publikum nämlich die Identität des Mörders schuldig. Diese galt es, nach der Ausstrahlung im Internet herauszufinden. Dazu stellte die ARD unter dem schmissigen Namen Tatort+ ein Point-and-Click-Adventure online bereit, in dem die User Beweise sichten und auswerten mussten, um auf die Identität des Mörders zu kommen. Inzwischen, nach einer Woche, löst ein "Video" (genauer: ein Standbild mit Tonspur) die Tätersuche auf, das Spiel selbst ist aus dem Netz verschwunden, wie auch der entsprechende Tatort turnusgemäß aus der Mediathek.

Ein wenig Unmut unter traditionsbewussten Fernsehzuschauern, die vom "Second Screen" Internet für ihren Krimigenuss nichts wissen wollen, hat sich die ARD mit der Auslagerung der Mörder-Identitätssuche schon zugezogen. Dabei, so betont die ARD, habe doch niemand etwas durch dieses Experiment verloren. Der entsprechende Tatort sei ohnehin so und nicht anders geplant gewesen, die Idee zum Online-Spiel entstand erst nach dem fertigen Drehbuch. Hätte es den Tatort+ nicht gegeben, so hätte überhaupt niemand je erfahren, wer denn nun der Mörder war. Das Online-Spiel also als reiner Bonus, ohne rückwärtigen Effekt auf die Sendung? Crossmedial sieht dann doch wieder anders aus.

Müssen die Drehbuchautoren in Zukunft also solche Zweitverwertungsmodelle bei ihren Geschichten im Hinterkopf haben, sie bald gar als Standard einbauen? Immerhin, mehr als 100.000 Leute haben sich am Spiel beteiligt - für einen Pilotversuch keine schlechte Bilanz. Auch, dass darunter nicht einmal jeder fünfte auf die richtige Lösung kam, klingt für Liebhaber anspruchsvoller Krimis vielversprechend - wenn man denn davon ausgehen will, dass ein Großteil der 100.000 Teilnehmer überhaupt bis zum Ende mitgespielt hat. Grundsätzlich ist so eine Zahl für ein Spiel zum Krimi jedenfalls eine wünschenswerte Aufklärungsquote.

Know your audience! Will man sein Publikum zur Interaktion anregen, dann ist diese Maxime wichtiger denn je. Die Macher der Rundshow im Bayerischen Fernsehen, ein weiteres Experiment mit besagten Schlagworten, begreifen den Fernsehzuschauer grundsätzlich als träge. Von der Überwindung dieser Trägheit - also seiner Beteiligung im Netz - hängen aber die weiteren Geschäftsmodelle solcher crossmedialer Erzählungen ab, auch wenn die öffentlich-rechtlichen Sender darauf kaum angewiesen sind.

Durchaus denkbar also, dass in Zukunft der ein oder andere Krimi das ein oder andere Detail vom Rande oder Zentrum seiner Geschichte bewusst im Dunkeln lässt. Dann muss das Gesamtkonzept aber ausgereifter werden: Wenn irgendwann nämlich ein solcher Tatort auf DVD erscheint, ist das zugehörige Online-Spiel längst wieder der öffentlich-rechtlichen Unsitte der Depublikation zum Opfer gefallen. Das Web steht schwarz und schweiget. Der Unmut der Zuschauer ist dann wirklich gerechtfertigt. Sie wurden nämlich tatsächlich um die Auflösung ihres geliebten Sonntagabendkrimis gebracht.