Netflix-Zensur Saudi-Arabien vergisst den Streisand-Effekt

Saudi-Arabien hätte gute Chancen gehabt, dass die Worte des Komikers Hasan Minhaj einfach untergehen - doch es wählte einen anderen Weg.

(Foto: AP)
Von Moritz Baumstieger

Wie viele Millionen Dollar seiner Öl-Einnahmen das Königreich Saudi-Arabien seit der Ernennung von Mohammad bin Salman zum Kronprinzen für die Dienste von Medienberatern ausgegeben hat, kann nur geschätzt werden. Tendenz: sehr, sehr viele. "Prince of PR" nennt etwa der britische Spectator den Mann, der Berichten zufolge schon seinen Beinamen MbS als Teil einer internationalen Imagekampagne lancieren ließ, die ihn als modernen Monarchen, als Reformer im weißen Thawb zeichnen sollte.

So viele Millionen es auch gewesen sein mögen, den sogenannten Streisand-Effekt hat den saudischen Auftraggebern wohl keiner erklärt. Die Sängerin verklagte 2003 einen Fotografen, der unter Tausenden anderen Fotos der kalifornischen Küste auch eines mit ihrem Anwesen anbot. Was in der Flut der Informationen untergegangen war, zog durch die Klage Aufmerksamkeit auf sich.

Ähnliches hat Saudi-Arabien nun mit seinem Vorgehen gegen eine Comedy-Sendung des US-Komikers Hasan Minhaj erreicht: In der zweiten Folge seiner Show Partiot Act regt sich Minhaj über den saudischen Kronprinzen auf, dessen Rolle im staatlich organisierten Mord an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi zumindest zweifelhaft ist, leitet über zum Jemen-Krieg, den MbS als Verteidigungsminister Saudi-Arabiens befehligt. Schon mit seinem ersten Satz der Show zieht Minhaj das Fazit: "Jetzt wäre ein sehr guter Zeitpunkt, um unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien zu überdenken. Und das sage ich als Muslim und Amerikaner."

Absolut unerhört waren diese Sätze, die Minhaj in der Ende Oktober veröffentlichten Folge äußerte, nicht. Zuletzt war Ähnliches sogar im Hohen Haus des engsten Verbündeten Saudi-Arabiens zu hören, von Politikern beider Parteien im US-Kongress. Saudi-Arabien hätte also gute Chancen gehabt, dass Minhaj' Worte einfach untergehen - doch es wählte einen anderen Weg.

Die Kommission für Kommunikation und Informationstechnologie der saudischen Regierung wies den Anbieter von Hasan Minhaj' Show im Dezember an, die Sendung im Königreich aus dem Programm zu nehmen. Als Begründung führte sie Artikel sechs des saudischen Anti-Cybercrime-Gesetzes an, der Inhalte verbietet, die die "öffentliche Ordnung, religiöse Werte und Moral der Gesellschaft" untergraben. Der Anbieter kam dem nach und sperrte die Folge - und weil er Netflix heißt und in den Glitzermetropolen am Arabischen Golf genau wie an der amerikanischen Westküste und im alten Europa als Synonym für die neue, bessere Unterhaltungswelt von morgen gilt, war die Aufregung groß, als die Financial Times an Neujahr darüber berichtete.

Menschenrechtler nahmen den Vorfall zum Anlass, um daran zu erinnern, wie es um die Pressefreiheit in Saudi-Arabien steht: Reporter ohne Grenzen führt das Königreich auf dem 169. Platz seiner 180 Länder umfassenden Rangliste zur Pressefreiheit, fühlte sich nun aber veranlasst darauf hinzuweisen, dass Saudi-Arabien 2019 "sehr wahrscheinlich noch tiefer fallen wird wegen der Schwere der Gewalt und des Missbrauchs gegenüber Journalisten". Die Organisation "Komitee zum Schutz von Journalisten" CPJ, stellt eine wachsende Unterdrückung von Journalisten seit der Ernennung von MbS zum Kronprinzen 2017 fest. Saudi-Arabien sei das Land mit der drittheftigsten Zensur weltweit.

Human Rights Watch appelliert jetzt an Künstler, deren Werke bei Netflix erscheinen

Dass sich mit Netflix nun ein international operierendes Unternehmen den Zensurwünschen der dünnhäutigen Saudis unterwirft, zumal eines, das als Versprechen auf eine bessere Fernsehzukunft gilt, erregte nun User, Aktivisten und Medienschaffende. Human Rights Watch rief zur Solidarität mit Minhaj auf, "jeder Künstler, dessen Werke auf Netflix erscheinen, sollte außer sich sein, dass die Firma einer Zensur einer Comedy-Show zustimmt", sagte ein Sprecher. In der Zielgruppe von Netflix überwogen Enttäuschung und Ernüchterung: "Viele von uns Arabern waren begeistert, als Netflix seinen Mittelost-Ableger an den Start brachte", schrieb der Blogger Iyad al-Baghdadi, der als liberaler Kommentator des Zeitgeschehens über Hunderttausend Twitter-Follower hat. "Wir dachten, das wäre ein Weg, die Zensur zu umgehen. Aber Geld sticht Prinzipien." Netflix veröffentlichte ein Statement, in dem der Anbieter davon sprach, "weltweit starker Unterstützer künstlerischer Freiheit" zu sein, der in dem Fall "lokalen Gesetzen" folgen müsse. Genauer wollte das Unternehmen, das sich grundsätzlich verschwiegen gibt, nicht auf den Fall eingehen.

Wie Netflix produziert auch die Deutsche Welle (DW) ein Programm für den arabischen Markt in Landessprache, das den Machthabern der großteils autokratisch regierten Ländern der Region nicht immer gefällt. "Bei uns können die Behörden nur versuchen, die Nutzung auf technischem Wege zu unterbinden", sagt Christoph Jumpelt, Sprecher des Auslandssenders, in Iran oder China etwa sei man "komplett geblockt und nur über Umwege zu erreichen". Ansonsten kann es sich die DW als eines mit deutschen Steuermitteln finanziertes Angebot leisten, bei Beschwerden von Regierungen darauf zu verweisen, ein sauber recherchiertes und faktisch korrektes Programm anzubieten und in Kauf zu nehmen, dass Visums- und Interviewanfragen im jeweiligen Land erst mal "abschlägig oder gar nicht beschieden" werden, so Jumpelt. Ähnlich sieht es bei anderen Medien aus, die auf Abo- oder Werbeeinnahmen angewiesen sind, diese aber in ihren Heimatländern erwirtschaften.

Netflix aber will für seine Regionalangebote Abo-Gebühren bei Kunden vor Ort einsammeln. Informationen zur Organisationsstruktur gibt das Unternehmen nicht heraus, Branchenkenner vermuten aber, dass es dazu auf lokale Tochterfirmen angewiesen sein dürfte, die den Landesgesetzen unterliegen. Eine solche Struktur für China zu finden, gelang Netflix nicht, es beteiligte sich stattdessen 2016 an einem lokalen Portal.

Während Peking selbst VPN-Verbindungen blockiert, die nationale Sperren im Netz umgehen, finden sich in Saudi-Arabiens Schlupflöcher, durch die der Streisand-Effekt einsickern kann: Auf Youtube ist die betreffende Folge von Patriot Act weiter verfügbar - sogar kostenlos.

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