bedeckt München
vgwortpixel

Lenz-Verfilmung "Der Überläufer":Held, Verräter, Haltungsloser

Der Überläufer; Der Überläufer - Setvisit Krakau, Fotos, aktuelle Teaser/Trailer

Jannis Niewöhner als Walter Proska bei den Dreharbeiten für den aufwendigen ARD-Zweiteiler Der Überläufer in Krakau.

(Foto: Dreamtool Entertainment/Krzysztof Wiktor)

Oscar-Preisträger Florian Gallenberger verfilmt für den NDR einen Roman von Siegfried Lenz, für den das Nachkriegsdeutschland noch nicht bereit war. Die Dreharbeiten führen tief in die deutsch-polnische Geschichte.

Es ist ein schöner Tag in Krakau, dieser besonders schönen vom Krieg, zumindest äußerlich, verschont gebliebenen polnischen Stadt, die lange die Residenz der Könige war. Aber der Ort, an dem die deutsche Fernsehdelegation nun Station macht, ist nicht so, wie man das prachtvolle Renaissance-Krakau bisher kennengelernt hat. Ein graues, gewaltiges Industrie-Nachkriegsgebäude, nach langem Leerstand in schlechtem Zustand.

Nun könnte so eine Delegation, die dem deutschen Film alle Ehre macht, aus der Riege glänzender Charakterdarsteller wie Katharina Schüttler, Rainer Bock, Bjarne Mädel, Florian Lukas oder dem nur für einen Tag angereisten Ulrich Tukur bestehen, welche die jungen Hauptdarsteller prächtig ergänzen. Aber hier stehen der NDR-Intendant, der NDR-Filmchef, der für das Werk von Siegfried Lenz zuständige Literaturagent, der Chef einer der größten Filmvertriebsfirmen in Europa - und sie alle sind nach Krakau gekommen, um einen Tag lang den Dreharbeiten der sieben Millionen Euro teuren Verfilmung des Romans Der Überläufer beizuwohnen. Und während ein Ortskundiger alles Wissenswerte über das Nachkriegsgebäude vorträgt, ruft der sportlichste der gewichtigen Gruppe mit jugendlichem Übermut in eine Pause des Vortrags hinein: "Hier gibt es übrigens auch einen Atombunker!" Ein gieriges Jungenlachen. Hier will einer nicht nur was lernen, sondern auch was erleben.

Was so ein simpler Satz bewirken kann: Alle blicken sich mit neuer Energie um. Ein Atombunker? Wollte man doch schon immer mal sehen! Wo ist er denn, der Bunker?

Das komplett erhaltene Kalte-Krieg-Refugium, in dem eine bizarre Ausstellung mit Strahlenschutz-Kinderwagen aufgebaut ist, wird dann die Erinnerung an diesen Tag in Krakau nicht wirklich prägen. Was aber bleibt, ist der Atombunker-Satz. Der Produzent der Verfilmung von Der Überläufer hat die Runde mit seiner wenig tiefgründigen, dafür zupackenden Bemerkung aufgeweckt: Stefan Raiser hat bislang mit der Produktionsfirma Dreamtool Entertainment Filme wie Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer verantwortet. Arbeitsauftrag: pralle Unterhaltung.

Kino Leuchtpunkte im Grau
"Deutschstunde" im Kino

Leuchtpunkte im Grau

Heide und Christian Schwochow, das Mutter-Sohn-Duo des deutschen Films, haben Siegfried Lenz' "Deutschstunde" neu fürs Kino adaptiert. Eine Frage der Moral?   Von Fritz Göttler

Ausgerechnet dieser elanvolle, vom amerikanischen Popcorn-Kino geprägte Mann hat vor zwei Jahren die Rechte an einem Roman erworben, den der Schriftsteller Siegfried Lenz viele Jahrzehnte in seiner Schublade versteckt hatte und der erst nach seinem Tod 2014 veröffentlicht wurde. Ein Politikum ist dieses vorgeblich unterhaltsame Buch - und so etwas wie ein deutscher Krimi, was seine Entstehungsgeschichte angeht. Lenz-Bücher laufen in Deutschland in der Kategorie "wertvolles Bildungsgut". Würde ihr Inhalt nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern in Pappkartons aufbewahrt, stünde darauf: Vorsichtig behandeln. Nicht werfen. Nicht schütteln.

Christian Granderath, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie und Serie, lässt in Krakau keinen Zweifel, wie stolz er ist, dass nun wieder ein Werk von Siegfried Lenz zum Verfilmungskanon des NDR gehören wird. Aber er ist auch stolz auf die NDR-Tradition der letzten vier "eher konservativen, werkgetreuen, sehr respektvollen Lenz-Verfilmungen", die Produzent Markus Trebitsch verantwortet hat. Trebitsch, erzählt Granderath, hatte sich auch um die Rechte bemüht, sie aber nicht bekommen. Danach gefragt, wie es ihm denn mit Raisers Stil gehe, wiegt Granderath den Kopf und sagt: "Wir haben uns ja bewusst zu der Zusammenarbeit mit Stefan Raiser entschlossen. Hollywood wollen wir nicht imitieren, das Buch hat keine herzerweichende Happy-End-Moral. Man kann einen Film über die Filmmusik natürlich auch verkitschen. Aber Film ist Teamwork, und darüber entscheidet man dann gemeinsam im Schneideraum. Ich bin da sehr entspannt."

Für das Fernsehspiel mit den ganz leisen Tönen steht Stefan Raiser jedenfalls nicht. Aber warum ist das so wichtig? Warum ist Lutz Marmor kurz vor seinem Abschied als NDR-Intendant zum ersten Mal zu einer Filmproduktion gereist? Und warum ist der legendäre Filmproduzent Jan Mojto (Beta Film) extra zum Dinner und zum Dreh eingeflogen?

Der Überläufer soll in zwei 90-minütigen Teilen zu jenem Tag gesendet werden, an dem sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal jährt. Einen symbolisch aufgeladeneren Termin als den 8. Mai 2020 gibt es für einen Kriegsfilm kaum. Zumal Der Überläufer die Geschichte des 25 Jahre alten Wehrmachtssoldaten Walter Proska erzählt, der kurz vor dem Ende des Krieges im besetzten Polen die Seiten wechselt. Die Nazis bestraften jeden, der sich dem Dienst an der Waffe entzog, mit äußerster Grausamkeit. Als sei es die Pflicht eine Staatsbürgers, für ein verbrecherisches Regime bis in den Tod zu kämpfen.

DER ÜBERLÄUFER

Regisseur Florian Gallenberger (links) und Produzent Stefan Raiser beim Dreh in den polnischen Wäldern.

(Foto: Dreamtool Entertainment/Krzysztof Wiktor)

Als der junge Lenz diesen zweiten Roman 1951 anbot, stieß das Manuskript bei Hoffmann und Campe auf Ablehnung. Lenz, der selbst in Dänemark desertiert war, legte das überarbeitete Manuskript dann 1952 für immer weg. Als es 2016 in seinem Nachlass entdeckt wurde, wusste auch seine Frau nichts davon; das Buch wurde posthum veröffentlicht und mit positiven Kritiken überhäuft, auf der Spiegel-Bestsellerliste erreichte es Platz eins.

Und dann hagelte es Anfragen für die Verfilmungsrechte.

Literaturagent Günter Berg, der den Nachlass von Lenz im Auftrag der Erben verwaltet und seine gesammelten Werke herausgibt, lächelt sein freudigstes Siegerlächeln, als er beim Abendessen im Krakauer Hotel erzählt, wie Stefan Raiser und der Drehbuchautor Bernd Lange das Rennen gemacht haben. Sieben Bewerber hätte es gegeben, "aber Raisers Konzept war einfach das mit Abstand beste, fesselndste, engagiertste. Jede unserer Nachfragen zum Konzept löste sofort neue Ideen aus. Diese Begeisterung für Lenz' Roman war ansteckend." Also erhielt das Duo Raiser/Lange den Zuschlag, obwohl Raiser, 47, vorher noch nie ein Lenz-Buch gelesen hatte, nein, noch nicht mal Deutschstunde. Den Roman hatte ihm seine Frau in die Hand gedrückt. Er verschlang das Buch an einem Wochenende. Das Fesselnde liegt für ihn auch in dem Zwiespalt der Hauptfigur, die Entscheidung gegen die Kameraden, gegen das Vaterland zu treffen - wer wisse denn, wie man selbst damals entschieden hätte?