Süddeutsche Zeitung

Lenz-Verfilmung "Der Überläufer":Held, Verräter, Haltungsloser

Oscar-Preisträger Florian Gallenberger verfilmt für den NDR einen Roman von Siegfried Lenz, für den das Nachkriegsdeutschland noch nicht bereit war. Die Dreharbeiten führen tief in die deutsch-polnische Geschichte.

Es ist ein schöner Tag in Krakau, dieser besonders schönen vom Krieg, zumindest äußerlich, verschont gebliebenen polnischen Stadt, die lange die Residenz der Könige war. Aber der Ort, an dem die deutsche Fernsehdelegation nun Station macht, ist nicht so, wie man das prachtvolle Renaissance-Krakau bisher kennengelernt hat. Ein graues, gewaltiges Industrie-Nachkriegsgebäude, nach langem Leerstand in schlechtem Zustand.

Nun könnte so eine Delegation, die dem deutschen Film alle Ehre macht, aus der Riege glänzender Charakterdarsteller wie Katharina Schüttler, Rainer Bock, Bjarne Mädel, Florian Lukas oder dem nur für einen Tag angereisten Ulrich Tukur bestehen, welche die jungen Hauptdarsteller prächtig ergänzen. Aber hier stehen der NDR-Intendant, der NDR-Filmchef, der für das Werk von Siegfried Lenz zuständige Literaturagent, der Chef einer der größten Filmvertriebsfirmen in Europa - und sie alle sind nach Krakau gekommen, um einen Tag lang den Dreharbeiten der sieben Millionen Euro teuren Verfilmung des Romans Der Überläufer beizuwohnen. Und während ein Ortskundiger alles Wissenswerte über das Nachkriegsgebäude vorträgt, ruft der sportlichste der gewichtigen Gruppe mit jugendlichem Übermut in eine Pause des Vortrags hinein: "Hier gibt es übrigens auch einen Atombunker!" Ein gieriges Jungenlachen. Hier will einer nicht nur was lernen, sondern auch was erleben.

Was so ein simpler Satz bewirken kann: Alle blicken sich mit neuer Energie um. Ein Atombunker? Wollte man doch schon immer mal sehen! Wo ist er denn, der Bunker?

Das komplett erhaltene Kalte-Krieg-Refugium, in dem eine bizarre Ausstellung mit Strahlenschutz-Kinderwagen aufgebaut ist, wird dann die Erinnerung an diesen Tag in Krakau nicht wirklich prägen. Was aber bleibt, ist der Atombunker-Satz. Der Produzent der Verfilmung von Der Überläufer hat die Runde mit seiner wenig tiefgründigen, dafür zupackenden Bemerkung aufgeweckt: Stefan Raiser hat bislang mit der Produktionsfirma Dreamtool Entertainment Filme wie Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer verantwortet. Arbeitsauftrag: pralle Unterhaltung.

Ausgerechnet dieser elanvolle, vom amerikanischen Popcorn-Kino geprägte Mann hat vor zwei Jahren die Rechte an einem Roman erworben, den der Schriftsteller Siegfried Lenz viele Jahrzehnte in seiner Schublade versteckt hatte und der erst nach seinem Tod 2014 veröffentlicht wurde. Ein Politikum ist dieses vorgeblich unterhaltsame Buch - und so etwas wie ein deutscher Krimi, was seine Entstehungsgeschichte angeht. Lenz-Bücher laufen in Deutschland in der Kategorie "wertvolles Bildungsgut". Würde ihr Inhalt nicht zwischen zwei Buchdeckeln, sondern in Pappkartons aufbewahrt, stünde darauf: Vorsichtig behandeln. Nicht werfen. Nicht schütteln.

Christian Granderath, Leiter der NDR-Abteilung Film, Familie und Serie, lässt in Krakau keinen Zweifel, wie stolz er ist, dass nun wieder ein Werk von Siegfried Lenz zum Verfilmungskanon des NDR gehören wird. Aber er ist auch stolz auf die NDR-Tradition der letzten vier "eher konservativen, werkgetreuen, sehr respektvollen Lenz-Verfilmungen", die Produzent Markus Trebitsch verantwortet hat. Trebitsch, erzählt Granderath, hatte sich auch um die Rechte bemüht, sie aber nicht bekommen. Danach gefragt, wie es ihm denn mit Raisers Stil gehe, wiegt Granderath den Kopf und sagt: "Wir haben uns ja bewusst zu der Zusammenarbeit mit Stefan Raiser entschlossen. Hollywood wollen wir nicht imitieren, das Buch hat keine herzerweichende Happy-End-Moral. Man kann einen Film über die Filmmusik natürlich auch verkitschen. Aber Film ist Teamwork, und darüber entscheidet man dann gemeinsam im Schneideraum. Ich bin da sehr entspannt."

Für das Fernsehspiel mit den ganz leisen Tönen steht Stefan Raiser jedenfalls nicht. Aber warum ist das so wichtig? Warum ist Lutz Marmor kurz vor seinem Abschied als NDR-Intendant zum ersten Mal zu einer Filmproduktion gereist? Und warum ist der legendäre Filmproduzent Jan Mojto (Beta Film) extra zum Dinner und zum Dreh eingeflogen?

Der Überläufer soll in zwei 90-minütigen Teilen zu jenem Tag gesendet werden, an dem sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal jährt. Einen symbolisch aufgeladeneren Termin als den 8. Mai 2020 gibt es für einen Kriegsfilm kaum. Zumal Der Überläufer die Geschichte des 25 Jahre alten Wehrmachtssoldaten Walter Proska erzählt, der kurz vor dem Ende des Krieges im besetzten Polen die Seiten wechselt. Die Nazis bestraften jeden, der sich dem Dienst an der Waffe entzog, mit äußerster Grausamkeit. Als sei es die Pflicht eine Staatsbürgers, für ein verbrecherisches Regime bis in den Tod zu kämpfen.

Als der junge Lenz diesen zweiten Roman 1951 anbot, stieß das Manuskript bei Hoffmann und Campe auf Ablehnung. Lenz, der selbst in Dänemark desertiert war, legte das überarbeitete Manuskript dann 1952 für immer weg. Als es 2016 in seinem Nachlass entdeckt wurde, wusste auch seine Frau nichts davon; das Buch wurde posthum veröffentlicht und mit positiven Kritiken überhäuft, auf der Spiegel-Bestsellerliste erreichte es Platz eins.

Und dann hagelte es Anfragen für die Verfilmungsrechte.

Literaturagent Günter Berg, der den Nachlass von Lenz im Auftrag der Erben verwaltet und seine gesammelten Werke herausgibt, lächelt sein freudigstes Siegerlächeln, als er beim Abendessen im Krakauer Hotel erzählt, wie Stefan Raiser und der Drehbuchautor Bernd Lange das Rennen gemacht haben. Sieben Bewerber hätte es gegeben, "aber Raisers Konzept war einfach das mit Abstand beste, fesselndste, engagiertste. Jede unserer Nachfragen zum Konzept löste sofort neue Ideen aus. Diese Begeisterung für Lenz' Roman war ansteckend." Also erhielt das Duo Raiser/Lange den Zuschlag, obwohl Raiser, 47, vorher noch nie ein Lenz-Buch gelesen hatte, nein, noch nicht mal Deutschstunde. Den Roman hatte ihm seine Frau in die Hand gedrückt. Er verschlang das Buch an einem Wochenende. Das Fesselnde liegt für ihn auch in dem Zwiespalt der Hauptfigur, die Entscheidung gegen die Kameraden, gegen das Vaterland zu treffen - wer wisse denn, wie man selbst damals entschieden hätte?

Großes, grenzüberschreitendes (Fernseh-)Kino

Das ist der eine Teil der Geschichte. Die relevante Idee. Der andere Teil ist die Art, wie Lenz diesen Stoff erzählt, nämlich als packendes Soldatendrama, als klaustrophobisches Kammerspiel im Niemandsland des Krieges, ein letzter Posten, im sumpfigen, düsteren Wald, umgeben von polnischen Freischärlern, die entschlossen sind, die verhassten wie gefürchteten Wehrmachtssoldaten zu besiegen. Lenz erfindet komplexe, pralle Figuren und surreale Apocalypse-Now-hafte Szenen, schreibt brillante Dialoge - und erzählt obendrein die raue, schroffe Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Wehrmachtssoldaten und der polnischen Widerstandskämpferin Wanda, womit klar sein dürfte, was Raiser auch in diesem Stoff gesehen hat: richtig großes, grenzüberschreitendes deutsch-polnisches (Fernseh-)Kino.

An diesem Drehtag in Krakau steht eine Massenszene auf dem Programm. Der gewaltige Versammlungssaal des leer stehenden Verwaltungsgebäudes ist jetzt ein Saal in der Ostberliner Sowjetkommandantur. Dorthin hat es Walter Proska und seinen vom Kommunismus weitaus mehr beseelten Kameraden Kürschner verschlagen. Der Saal ist voll, ein hochrangiger Funktionär aus Moskau stimmt die sozialistischen Freunde und die Sowjet-Soldateska im bleiernen Technokraten- Stakkato ein, das Ulrich Tukur als Redner wegen Uneinprägbarkeit in die Verzweiflung treibt und ihm ein leises "Scheiß Text" entfahren lässt.

Mitten unter den gehorsam stürmischen Beifall spendenden Versammelten steht Jannis Niewöhner, der den Überläufer Proska spielt. Um ihn herum in langen Reihen all die polnischen Statisten, die ostdeutsche Sozialisten und sowjetrussische Soldaten spielen. Wenn Regisseur Florian Gallenberger vom Raum nebenan "Stop" ruft, dann wird es weitergetragen wie auf einem Segelschiff vom Kapitän über den Maat zum Matrosen, weil die Entfernungen so groß sind. Und manchmal wird auch ein polnisches Wort daraus. Dass in Polen gedreht wird, hat zum einen mit kostengünstigen Original-Locations zu tun; zum anderen damit, dass die Finanzierung des Films laut Stefan Raiser nur geschafft wurde, weil seinem Team als erster deutscher Filmproduktion von der neugegründeten polnischen Cash-Rebate-Förderung eine Million Euro zuteil wurde. "Ohne dieses polnische Geld", sagt Raiser, "wäre der Film nicht zu realisieren gewesen."

Was für eine deutsch-polnische Geschichte: Deutsche schlagen sich auf die Seite der Polen, die polnischen Freischärler tragen den Sieg davon, eine Polin verliebt sich in einen Wehrmachtssoldaten. Ein deutscher Hauptdarsteller und Małgorzata Mikołajczak als beeindruckende polnische Hauptdarstellerin. Der Überläufer wurde teilweise in einer wunderschönen Stadt gedreht. In der an jeder Ecke Schilder stehen, die für Touren nach Auschwitz werben. Die Gedenkstätte des deutschen Vernichtungslagers ist eineinhalb Stunden entfernt.

Eine zerrissene Welt, deren Spiegelbild dieser Walter Proska ist, so wenig ein Held wie ein Verräter, ein Schicksalsgetriebener, einer, der den Tod vor Augen, die Seiten wechselt, als die siegreichen polnischen Widerstandskämpfer ihm keine andere Wahl lassen, Proska ist ein Überlebensläufer. Der noch mal das System wechseln und nach Westberlin gehen wird. Für Grimmepreisträger Jannis Niewöhner ist es eine große Herausforderung, jemanden zu spielen, der keine Haltung hat. Aber dieses Ambivalente der Romanvorlage macht für den 27-Jährigen gerade die Qualität der Geschichte aus. "Damit wir bei einer Begegnung Liebe erkennen, gehen wir oft von der falschen Annahme aus, dass alles richtig sein muss. Es ist gut, dass die Rohheit und Härte, die Lenz bei dieser Liebesgeschichte beschreibt, dringeblieben sind."

Über die Umsetzung des Stoffs gab es im Vorfeld offenbar erhebliche Meinungsunterschiede: Regisseur Florian Gallenberger stieg erst vier Monate vor Drehbeginn ein, weil Hans Steinbichler und die Produktion keinen Konsens fanden. So kam ein Oscarpreisträger ins Team (2001 bester Kurzfilm), der mit einer Polin verheiratet ist.

Trotz der Belastung von fast 60 Drehtagen am Stück erzählt er begeistert, wie toll er den Mut von Lenz findet, eine aus Sicht der damaligen Zeit Verräterfigur in das Zentrum eines Romans zu stellen. "Da schreibt einer kurz nach dem Krieg ein Buch, und es wird erst 65 Jahre später veröffentlicht. Das zeigt ja, dass das Nachkriegsdeutschland für eine solche Figur nicht bereit war. Da war keine Toleranz dieser Figur gegenüber, das hätte man nicht angenommen." Nicht, weil Proska ein Überzeugungstäter wäre, sondern weil "ambivalente Verhaltensweisen beim Zuschauer Angst auslösen. Im Nachkriegsdeutschland wollen die Leute eindeutige Haltungen und eindeutige Überzeugungen. Da hätte dieses Buch sie überfordert."

Und heute? Wie wird das alles zusammenpassen, das große spannende mitreißende Erzählkino und die ambivalenten, in ihrer Verlorenheit und Zerrissenheit verstörenden Lenz-Figuren, die subtilen Zwischentöne und die wuchtige Filmmusik?

So schlecht scheint sich das alles nicht zu fügen: Raiser und die Lenz-Erben stehen kurz vor einer Einigung, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Sie soll in mehrere Verfilmungen aus dem Werk münden.

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Quelle:
SZ vom 09.11.2019/cag
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