NDR-Doku über Christian Wulff Was hängen bleibt

Am 17. Februar 2012 trat Christian Wulff als Bundespräsident zurück. Der NDR dokumentiert 67 Tage bis dahin.

Die NDR-Doku "Absturz - Die Akte Christian Wulff" zeichnet die 67 Tage zwischen der Veröffentlichung über einen Kredit von Wulff und dessen Rücktritt als Bundespräsident nach. Dass die Medien sich dabei selbst referieren, wirkt komisch. Vor der Kamera spricht nur ein Politiker - und das überraschend naiv.

Von Ralf Wiegand

67 Tage lagen zwischen der ersten Veröffentlichung über einen Kredit, den ihm ein befreundeter Unternehmer gewährt hatte, und dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident. 67 tolle Tage waren das, mit neuen sogenannten Nachrichten fast im Stundentakt: Wo Wulff wann war, mit wem, was er aß, wo er schlief, wie viel er bezahlte. Oder ob er überhaupt bezahlte.

Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen, aber erst von diesem Donnerstag an wird vor dem Landgericht Hannover die rechtliche Würdigung des beispiellos tiefen Falls erfolgen. Der NDR hat den Weg vom Schloss Bellevue dorthin nachgezeichnet, Absturz - Die Akte Christian Wulff läuft an diesem Dienstag im Ersten. Vom Staatsmann zum Angeklagten in 30 Minuten, danach kommt Maischberger zum Thema.

Was den Fall Wulff für Medien so besonders macht, ist freilich auch die Tatsache, dass sie immer auch über sich selbst referieren müssen, wenn sie über die Sache berichten. Das wirkt bisweilen komisch, denn auch die ARD-Doku drückt Distanz aus zu den Bildern des von Kamerateams und Mikrofonen verfolgten Politikers, benutzt dabei aber unvermeidlich exakt jenes Material vom in die Enge getriebenen Staatsmann. Sind das Ergebnisse einer Recherche oder Produkte einer Hetzjagd?

Unwürdige Schnüffelei

Für Wulff dürfte auch diese Bewertung vom Urteil des Gerichts abhängen. Stellt sich dort heraus, dass er sich juristisch nichts hat zuschulden kommen lassen, wird sich die Beweissuche in seinem intimsten Umfeld für ihn als das bestätigen, als was er sie schon immer empfunden hat: Als unwürdige Schnüffelei. Das Urteil im Prozess würde Wulff die Freiheit geben, das beim Namen nennen zu dürfen. Bisher hat er sich jeden Versuch verkniffen, die Deutungshoheit seiner Geschichte zurück zu erobern. Auch der NDR bekam für seine Dokumentation nur Wulffs Anwälte für kurze Statements vor die Kamera.

Andere reden gerne, sehr offen zum Teil, und je ausführlicher, umso ferner ihnen der mutmaßliche Delinquent ist. Der ehemalige Justizminister Bernd Busemann, ein Parteifreund, gilt als Intimfeind Wulffs. Er findet die Vorgänge um den Ministerpräsidenten, dem er einst gedient hat, "peinlich". Auch Busemanns ehemaliger Referatsleiter im Ministerium, der heutige Celler Generalstaatsanwalt Frank Lüttig, äußert sich wenig empathisch.

Wulff-Freunde fanden die NDR-Reporter hingegen wenige, und es redet (außer Busemann) überhaupt nur ein Politiker - auf überraschend naive Art. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust erzählt, wie ihm Journalisten in Berlin erklärt hätten, warum es ausgerechnet Wulff derart abbekomme. Die Erklärung habe gelautet: "Tja. Eigentlich mag den keiner."

Schön für den NDR, unter CDU-Parteifreunden Wulffs noch jemanden gefunden zu haben, der so etwas für hilfreich hält, warum auch immer. Für Wulff dürfte es lediglich eine weitere Bestätigung dessen sein, was er in den vergangenen zwei Jahren erlebt hat. Denn wie schließt doch die NDR-Doku? Egal, wie das Urteil lauten wird, "irgendwas bleibt hängen".

Absturz - Die Akte Christian Wulff, ARD, 22.45 Uhr.