Musikmagazine Das Internet, es scheint an allem Schuld zu sein

Die erste Ausgabe der Spex, aus dem September 1980.

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  • Nach Groove wird nun auch Spex eingestellt, der Printmarkt verliert auf einen Schlag zwei der wichtigsten deutschen Musikmagazine.
  • Grund dafür sind ein "immer schwierigeres Umfeld am Kiosk" und "massive Einbrüche in der Anzeigenvermarktung", wie der Verlag mitteilt.
Von Jan Kedves

Muss man gedruckten Musikmagazinen unbedingt nachtrauern? Oder ist es auch in Ordnung zu sagen: Nun gut, sie hatten ihre Zeit, keine Wiederbelebungsmaßnahmen bitte? Die Frage stellt sich gerade dringlich, denn im März wurde nicht nur der honorige, 1952 gegründete britische NME (New Musical Express) eingestellt und im Juli nach 26 Jahren auch die Kölner Popzeitschrift Intro. Auch der Münchner Verlag Piranha Media meldete kürzlich, er werde sein Magazin für elektronische Musik, Groove , ab 2019 nur noch in einer Online-Ausgabe weiterführen. Und dabei wird es nicht bleiben: Wie der Verlag nun ankündigt, wird nach einer letzten, im Dezember erscheinenden Ausgabe auch bei Spex Schluss sein.

Pardauz! Mit Spex und Groove verschwinden auf einen Schlag zwei der wichtigsten deutschen Musikmagazine vom Printmarkt. Magazine, die beide auf ihre Weise den Diskurs um Pop und innovative Musik in Deutschland seit beinahe vier (Spex) beziehungsweise drei (Groove) Dekaden bestimmt und die Lebensentwürfe ihrer Leserschaft geprägt haben, durch Höhen und Tiefen des coolen Wissen und der allerneuesten Sounds, durch steile Thesen und irrste Reflexionsschleifen hindurch. Das bedeutet auch: Der Markt für den Traumberuf Popjournalist, der schon lange kein Traumberuf mehr ist, wird in Deutschland noch härter. Am Berliner Redaktions-Standort, einer sanierungsbedürftigen alten Telegraphenschule in Kreuzberg, gehen bei Spex zwei feste und drei freie Stellen verloren, bei Groove eine feste und eine freie. Das bedeutet auch: Axel Springer hat vorerst gewonnen. Wer sich künftig in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Magazin über Pop, Rock und Artverwandtes kaufen will, hat zwei Optionen: Rolling Stone und Musikexpress. Beide aus dem Axel Springer Mediahouse.

Auch "Intro" und "NME" wurden eingestellt. Aber bei ein kleines Berliner Heft läuft gut

Trotz des Schocks ließe sich im Fall Spex wohl fragen: Warum eigentlich erst jetzt? Zumindest seit Ende 2015 konnte man mit der Einstellung eigentlich rechnen. Seitdem meldete Piranha Media keine Zahlen mehr an die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, kurz: IVW. Die dort quartalsmäßig erfassten Auflagenzahlen dienen der werbetreibenden Industrie - Filmverleihe, Plattenfirmen, Getränkemarken - als Gradmesser dafür, in welchen Printmedien sich Anzeigen lohnen. Ist ein Magazin nicht mehr in der IVW-Prüfung, wird es schwerer, Anzeigen zu verkaufen.

Spex meldete 2014 und 2015 in zwei Quartalen eine verkaufte Auflage von weniger als 10 000 Heften, eine Halbierung innerhalb weniger Jahre. In der noch aktuellen September/Oktober-Ausgabe sind gerade mal sechs Anzeigenseiten zu finden.

Gemütlich in der Retrofalle

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Beim Groove-Magazin hingegen, dessen Einstellung der Verlag schon in der vorvergangenen Woche mit einem "immer schwierigeren Umfeld am Kiosk und den massiven Einbrüchen in der Anzeigenvermarktung" begründete, überraschte die Nachricht von der Print-Einstellung eher: Die Abonnements und Kiosk-Verkäufe waren laut IVW stabil, letztere wuchsen zuletzt sogar leicht. Im zweiten Quartal 2018 verkaufte Groove 15 800 Hefte.

Ließe sich daraus vielleicht schließen, dass Spex schon seit mindestens drei Jahren defizitär war und nun das Schwesterblatt mit in den Abgrund reißt? Eine Deutungsmöglichkeit. Herausgeber Alexander Lacher war am Montag nicht mehr zu einer Stellungnahme zu erreichen. Er übernahm Spex 1999 von der damals insolventen Kölner Spex Verlagsgesellschaft und kaufte fünf Jahre später das Groove-Magazin dessen Gründer, dem Frankfurter Thomas Koch alias DJ T., ab. Die Hintergründe der Magazine hätten kaum unterschiedlicher sein können: Groove war 1989 als anzeigenfinanziertes Umsonst-Magazin für die neue Rave-Kultur gestartet und hatte zu seiner goldene Phase Ende der Neunziger eine Auflage von 100 000 Heften, manchmal über 200 Seiten dick. Spex, immer deutlich dünner, verkaufte selbst zu besten Zeiten selten mehr als 20 000 Hefte.

"Gegen langsam, aber doch stetig sinkende Verkaufs- und Abonnementzahlen haben wir ebenso wenig ein Mittel gefunden wie gegen die zunehmend prekäre Marktlage", schreibt der scheidende Spex-Chefredakteur Daniel Gerhardt im Editorial der neuen, vorletzten Ausgabe. "Immer mehr Unternehmen ziehen sich vollständig aus dem Printgeschäft zurück und investieren ihre Marketinggelder stattdessen vermehrt in Social-Media-Werbung - ein Trend, der sich 2018 nochmals verschärft hat."

Ja, das Internet, es scheint an allem Schuld zu sein. Schuld war es vor allem daran, dass der Informationsvorsprung, aus dem Magazinredaktionen lange einen Großteil ihrer Autorität zogen, zunehmend schwand. Über ein neues Album weiß seit dem digitalen Wandel die ganze Welt zeitgleich Bescheid. Im Falle von Spex ließe sich sogar sagen, dass der legendäre Status des 1980 gegründeten Magazins noch komplett in analogen Zeiten gründet. Spex schrieb 1983 als erstes deutschsprachiges Medium über Madonna und beförderte eine Riege seiner Autoren (und wenigen Autorinnen) trotz oder gerade wegen ihrer dezidiert anti-akademischen Schreibe in den Neunzigern an die Akademien, in die Professuren und hohe Posten des Kulturbetriebs hinein. Jutta Koether, Tom Holert, Mark Terkessidis, Dietmar Dath. Dass der Mythos "Köln in den Neunzigern" bis heute in die USA ausstrahlt, liegt eben nicht nur an Martin Kippenberger und dem Kunstmagazin Texte zur Kunst, sondern auch an Spex. Das Heft war gefürchtet für den teils arrogant-kryptischen Duktus, und wurde gefeiert für luzide Gegenwartsanalysen wie "The Kids Are Not Alright". Einen Text, in dem sich Diedrich Diederichsen 1992 unter dem Eindruck der rassischen Angriffe in Rostock-Lichtenhagen verabschiedete von der Gleichsetzung von Popkultur mit Zuschreibungen wie "subversiv" oder "emanzipatorisch".

Inhaltliche Marken wie diese konnte Spex in den vergangenen Jahren, über wechselnde Redaktionen hinweg, kaum mehr setzen. Impulse kamen da eher von Groove. 2017 stieß das Magazin mit einer Reportage über das Weimarer DJ-Kollektiv Giegling eine Diskussion über Sexismus und Misogynie in der Szene an: Der Kopf des Kollektivs hatte der Autorin gegenüber behauptet, Frauen würden häufig schlechter auflegen als Männer. Der Text ging in englischer Übersetzung um die Welt. Im Groove-Abschiedsheft, das am Donnerstag den Abonnenten zugestellt wird, gibt es einen Plausch zwischen dem Künstler Wolfgang Tillmans und der Techno-DJ Caroline Hervé alias Miss Kittin - über Esoterik, Sexismus, Kunst-Wollen und Kunst-einfach-geschehen-Lassen sowie die gemeinsame Sorge um die Zukunft Europas.

Trotz alldem ist es kaum zu glauben, dass das gedruckte Musikmagazin so gar keine Zukunft mehr haben soll. Neben erwähnten Springer-Titeln, die von den Einstellungen profitieren könnten, feiert das bislang weniger breit vertriebene Berliner Musikmagazin Das Wetter gerade seinen fünften Geburtstag. Es erscheint quartalsweise im Selbstverlag, ist mit 8,50 Euro vergleichsweise teuer, erreicht eigenen Angaben nach eine verkaufte Auflage von 2500 Heften - und trägt sich. Dabei verzichtet es ganz auf den Anachronismus, mit dem mittelständische Verlage wie Piranha Media noch ein Verkaufsargument mitliefern wollten: die eingeklebte CD.

Im Editorial der neuen Ausgabe, die voller Anzeigen steckt und unter anderem mit einem Text von Maxim Biller glänzt, schreibt Chefredakteur Sascha Ehlert, dass man den Autorinnen und Autoren neuerdings sogar kleine Honorare zahlen könne: "Wir nennen es Aufwandsentschädigung". Im Musikjournalismus ist das erfrischende Ehrlichkeit. Wer zuletzt für Groove schrieb, erhielt 200 Euro Honorar für eine mehrseitige Titelgeschichte. Bei Spex wird es zuletzt kaum anders gewesen sein. Auch wenn es hart klingt: Diese Selbstausbeutung hat nun auch ein Ende.

Der Autor arbeitete einige Jahre in den Redaktionen von Groove und Spex. Bei Spex von 2010 bis 2012 als Chefredakteur. Sein letzter Beitrag in Groove erschien im Herbst 2017.

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