Muppets auf Disney+:Anarchie und Plüsch

The Muppets Now, jetzt auf Disney+

Das Puppenspiel ist nach wie vor perfekt, trotzdem ist das Wiedersehen mit den Muppets bei Disney eher bittersüß.

(Foto: Disney)

Die neue "Muppet-Show" erreicht bei Disney+ nicht mehr den Charme der Serie aus den Siebzigern.

Von Holger Gertz

In der alten Muppet-Show der Siebzigerjahre gab es diesen wunderbaren Ballsaal, in dem die Puppen tanzten. Und während sie tanzten, redeten sie in anspruchsvollen Mini-Dialogen miteinander. Wer zum Beispiel wusste, dass "Bacon" nicht nur Frühstücksspeck ist, sondern auch ein alter Philosoph, dem erschloss sich der Sinn des Gesprächs zwischen der Schweinediva Miss Piggy und ihrem Tanzpartner, ebenfalls ein Schwein. "Do you prefer Shakespeare to Bacon?", fragte Piggy, und das andere Schwein sagte: "I prefer anything to bacon." Wer das übersetzt, zerstört leider den Witz. Dann tanzten die zwei aus dem Bild, wobei die Rüssel sich berührten, als würden die Schweine sich schüchtern küssen.

Die alten Muppets, von 1976 bis 1981 in Amerika auf Sendung (und ab 1977 im ZDF), verbanden alles mit allem. Flauschexistenzen mit echten Menschen; die Niedlichkeit des Plüschschweins mit dem Intellekt ihres Erfinders Jim Henson: Die Muppets taugten als Kinderprogramm, waren aber eigentlich Erwachsenenunterhaltung. Wenn das Gesangsduo "Wayne and Wanda" seine Heile-Welt-Beschwörungen vortrug und am Ende von der Bühne krachte oder vom Kunstschnee verschüttet wurde - das sah für die kleinen Fans lustig aus und war für die Größeren zugleich dechiffrierbar als Kommentar auf die Verlogenheiten der Unterhaltungsindustrie. So waren ja die Muppets konstruiert: Als Varieté-Theater, bei dem das Publikum zugleich auf die Bühne, aber immer auch hinter die Bühne schauen konnte, zum gestressten Conferencier Kermit, zum Laufbuschen Scooter, schließlich rauf zur Loge, wo Waldorf und Statler brüteten. Nichts gefiel denen, sie bespöttelten jeden Auftritt - der vorausschauende Jim Henson hatte das Twitterverhalten der Gegenwart in diesem Meckerrentnerpaar komplett vorausempfunden.

2004 haben die Muppets beim Disney-Konzern Unterschlupf gefunden, das sicherte ihre Existenz, ließ sie aber auch gewöhnlich werden, glatt. Es gab immer wieder mal neue Produktionen und Reboots, das Puppenspiel ist ja nach wie vor perfekt - aber der anarchistische Charme von damals lässt sich nicht wiederbeleben, auch nicht in der Serie Und jetzt: Die Muppets, ab diesem Freitag auf Disney+. Miss Piggy gibt Lifestyle-Tips, der schwedische Koch tritt zum Kochduell in einer Kochshow an. Janice, die wilde Gitarristin der Muppet-Band Electric Mayhem, taucht schwer gezähmt in einem kleinen Bildschirmfenster beim Videocall auf. Die Figuren persiflieren nicht wie früher die Unterhaltungsindustrie, sie sind Teil der Unterhaltungsindustrie geworden. Und so ist es ein bittersüßes Erlebnis, ihnen wieder oder neu zu begegnen. Sicher, der in der aktuellen Staffel auftretende Howard Tubman ist ein wunderbares Schwein, die Muppets haben sich um die Popularisierung dieser herrlichen Tiere immer schon verdient gemacht. Aber nichts geht natürlich über die alten Muppet-Weltall-Schweine von damals, mit Dr. Julius Strangepork als Wissenschaftsoffizier.

Was gepflegten Irrsinn angeht, sind die Siebziger unerreicht. Das zeigt sich nicht nur bei den Muppets.

Und jetzt: Die Muppets, bei Disney+*

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