Münchner "Polizeiruf" Wie ein Gedanke zwei Menschen schweben lassen kann

Barbara Auer und Matthias Brandt sind in Wölfe grandios - und berührend.

(Foto: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb)

Christian Petzolds zweiter "Polizeiruf" aus München hätte ein furchterregend relevantes Stück über Problemwölfe werden können. Stattdessen ringen seine beiden Ermittler mit der Problemwelt.

TV-Kritik von Holger Gertz

Irgendwann sitzt Hanns von Meuffels mit Constanze Hermann in einem Gasthof, die Küche ist zu, aber Apfelschorle und kleines Wasser gehen immer noch. Der Kommissar und die Kommissarin prosten sich zu, dann erzählen sie sich Geschichten, die sie aus Büchern oder aus Liedern kennen, und jede Geschichte ist auch ihre eigene. "Da gibt es diese Geschichte von Henry Miller", sagt Kommissarin Hermann: "Da sind sie so pleite, dass sie keinen Wein mehr haben, und sie müssen Wasser trinken. Sie trinken das aus Weingläsern. Und am Ende sind sie furchtbar betrunken." Hmm, sagt Meuffels. "Geht das auch mit Apfelschorle?"

Eine kleine Szene, in der alles zusammengeführt wird, was auch diesen Münchner Polizeiruf besonders macht. Das Beobachtungstalent von Regisseur Christian Petzold, der alle Geräusche und Geheimnisse des Alltags in seine Filme überführt: das Zischen der Wasserflasche, die von der Kellnerin geöffnet wird. Die ranzigen Bierdeckel auf dem Gasthoftisch. Stumme Zeugen einer Liebesszene, die von Matthias Brandt und Barbara Auer mit hinreißender Beiläufigkeit gespielt wird. Zwei angeknockte Menschen, die nicht mehr 27 sind, werden nachts im Wirtshaus auf leise Art immer berauschter, vom Wasser und vom Glück des Augenblicks, und sie hören aus der Jukebox "Rain" von Martin Stephenson.

Man möge sich bei Youtube schon mal eingrooven in die Stimmung dieses Krimis, der vor allem ein Schauspielerfilm ist. Meuffels und Hermann haben sich vor einem Jahr in der Episode "Kreise" kennengelernt, ein dritter Teil ist in Arbeit.

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In der Folge "Wölfe" tauchen Wölfe in verschiedenen Daseinsformen auf, als Tier, als Fiebertraum; als Täter und Opfer; als Name, Verkleidung und Symbol. Man hätte ein furchterregend relevantes Stück über die Rückkehr der Wölfe daraus machen können, Meuffels sagt: "Ich seh' diese Arschgeigenexperten schon dasitzen, einer vom Agrarverband und so ein bezopfter Naturfreund." Zum Ende hin wird der Spannungsbogen ein bisschen überdehnt, aber grundsätzlich ironisiert Petzold jedes küchenphilosophische Geplapper über Problemwölfe sehr schön und lässt keinen Zweifel daran, dass Menschen - jedenfalls die interessanteren - auch nur Problemwölfe sind, und ihr Biotop ist die Problemwelt.

Der Problemwelt warme Augenblicke abzuringen, das ist Lebenskunst. Brandt und Auer sind grandios; sie sitzen sich als Kommissar und Kommissarin im Gasthof gegenüber, ein gemeinsamer Urlaub ist nicht in Planung, aber im Bereich des Möglichen. Vertrautes Rüberreichen von Feuerzeug und Zigarette. Hanns von Meuffels legt sich beschwingt den Mantel über den Arm, Constanze Hermann schließt still die Augen. Der Urlaub ist nur ein Gedanke. Aber es ist berührend zu sehen, wie ein Gedanke allein zwei Menschen schweben lassen kann.

Polizeiruf 110, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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