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Digitalisierungs-Bootcamp:Fröhliches Pauken fürs Netz

Wolfgang SchâÄ°uble mit Smartphone; jetzt Julia Schubert Bundestag

Schon fit in Sachen Digitalisierung? Wolfgang Schäuble

(Foto: dpa/Michael Kappeler; Bearbeitung: SZ)
  • CDU-Politiker bekommen auf der Online-Plattform "Milla" Nachhilfe für Internet und soziale Medien, inklusive Quizfragen und Erklärvideos.
  • Probleme und Anlässe zur Kritik werden darin eher am Rande benannt - man möchte ja die digitaleuphorische Stimmung nicht kaputt machen.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat wieder einmal eine Diskussion um politische Werbung, Meinungsfreiheit und Fake News am Hals. Jener Zuckerberg, der vor Zensur auf dem chinesischen Teenie-Netzwerk (und Facebook-Konkurrenten) Tiktok warnt. Und dem Online-Versandhändler Zalando werfen Mitarbeiter digitale Dauer-Überwachung vor. Ach, die Digitalisierung. Sie hätte so schön sein können. Ist sie aber nicht. So etwa ist der Stand der öffentlichen Debatte.

Dass so der Stand ist, ist allerdings ganz normal. So lernen es seit einigen Tagen jedenfall ausgewählte Mitglieder und Funktionsträger der CDU, die auf dem Parteitag in Leipzig einen Zugang zum E-Learning-Programm "Milla" (kurz für: "Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle") bekommen haben, ein Online-Bootcamp, das die Parteifunktionäre fit in Sachen Digitalisierung machen soll.

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Milla ist eine Plattform mit Erklärvideos und Quizfragen, ein bisschen wie Schulunterricht. Irgendwann soll es so ein Programm für alle Deutschen geben, so jedenfalls lautet die Vorstellung der CDU.

In einem der Videos erzählt Mark Bosold, Daten- und Analysechef beim Smartphone-Portal DeinHandy.de, den lernbereiten CDU-Politikern: Nach dem "Gipfel der überzogenen Erwartungen" (das Internet macht alle frei!) komme bei allen Neuerungen zunächst das "Tal der Enttäuschung". Danach aber gehe es wieder bergauf, auf dem "Pfad der Erleuchtung" bis auf das "Plateau der Produktivität". Bosold spricht darüber, warum "Daten nicht das unheimliche Schreckgespenst sind, als das die Medien sie gerne darstellen". Und darüber, wie Unternehmen wie Apple, Google, Amazon, Facebook Daten nutzen, nämlich "um echte Kundenmehrwerte zu schaffen und den Kunden besser zu verstehen".

Nun, das liegt in jedem Fall quer zum derzeitigen Diskurs, der sich viel um die Risiken der Digitalisierung dreht - und es ist nicht das einzige Mal, dass das Angebot namens Milla diesen Eindruck hinterlässt. Das CDU-Lernprogramm verrät damit mitunter viel darüber, wie die Kanzlerinnenpartei CDU Deutschlands Rolle in der Digitalisierung sieht.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Digitalexperte Thomas Heilmann hat das Projekt in der Partei initiiert. Er sagt, Deutschland habe sich in Digitalisierungsfragen in mancherlei Hinsicht verhalten wie "die katholische Kirche bei Erfindung des Buchdrucks", sodass heute amerikanische und chinesische Unternehmen den Markt dominierten. Umso wichtiger sei es, dass das Land zukünftige Entwicklungen nicht verschlafe, um dem eigene Modelle entgegenzusetzen.

Der Erfolg des Rezo-Videos war ein Tiefschlag. Nun sollen Politiker digital fitter werden

Das ist ein Appell, der sich durch den ganzen "Grundkurs Digitalisierung" bei Milla zieht. Dabei geht es natürlich auch darum, wie die Digitalisierung Politik verändert - ein Bereich, in dem die CDU durchaus noch ein bisschen Nachhilfeunterricht nötig hat. Stichwort: Rezo-Video. Nachdem Youtuber Rezo im Mai einen erfolgreichen Clip gedreht hatte, in dem es ihm um die Zerstörung der Union ging, blamierte sich die CSU - Monate später - mit ihrem Youtuber Armin, den man als Antwort ins Netz schickte. Die Kritik reichte von lächerlich über anbiedernd bis populistisch. Deshalb also Milla.

In kurzen Videos erklären dort Experten aus der Wirtschaft wichtige Begriffe und Aspekte der Digitalisierung - von künstlicher Intelligenz über New Work bis hin zu Big Data. Anschließend stellen Vertreterinnen und Vertreter der Union einen Bezug zur Politik her: Da spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über lebenslanges Lernen, Ursula von der Leyen über Digitalisierung in der Bundeswehr und Jens Spahn über die Bedeutung von Daten für Ärzte, Wissenschaftlerinnen, Patienten.

Entwickelt hat das Programm das Unternehmen Masterplan, das auch mit Firmen wie VW, Siemens oder Otto zusammenarbeitet. "Die Welt verändert sich dank des technologischen Fortschritts sehr schnell", sagt Gründer Stefan Peukert. "Die Halbwertszeit von Wissen nimmt ab." Seine Firma möchte daher eine Art "Netflix fürs Lernen" sein: Wer abends nach der Arbeit auf dem Sofa sitzt, der solle sich so leicht für ein Lernvideo entscheiden, wie er sonst eine Serie abruft. Derzeit also können sich Funktionsträger der CDU abends auf dem Sofa bei Milla neben Begriffserklärungen zur Digitalisierung auch praktische Tipps anschauen. "Wie verhalte ich mich auf Social Media?", zum Beispiel. Alles sehr einfach erklärt. Das Quiz am Ende eines jeden Kapitels liefert dem Nutzer daher sicher meist reihenweise Erfolgserlebnisse.

Allerdings bleiben nach dem ein oder anderen Video auch Fragen. Denn dass Unternehmen wie Facebook mit den Daten ihrer Nutzer eben nicht nur "echte Kundenmehrwerte" schaffen, dass in der Regel völlig intransparent ist, wo Kundendaten landen, das dürfte inzwischen auch dem unkundigsten Digital-Muffel und auch dem größten Digital-Euphoriker klar sein.

In einer Lektion werden unhinterfragt die Vorzüge von von Amazon gepriesen

Da ist zum Beispiel die Milla-Lektion, die sich mit der Funktionsweise von Plattformen beschäftigt. Ein Ex-Manager des Fahrdiensts Uber preist dort deren Vorzüge an. Er erklärt, wie auf Amazon jeder zum Verleger werden könne - ohne, dass er oder sie vorher an einem "Gatekeeper", einer Auslese, einem Verlag vorbeimüsse. Über seinen Erfolg entscheide allein das Feedback der anderen Nutzer. Der Mann schwärmt von der Effizienz und Reichweite der Ferienwohnungsplattform Airbnb und davon, wie in die Enzyklopädie Wikipedia nicht mehr extra dafür bezahlte Experten Wissensartikel schreiben, sondern die Crowd, die Masse, - die wiederum auch für die Qualitätssicherung zuständig sei. Kritik, Probleme? Kommen nicht vor. Ein Schweigen, das im Kopf der kritischen Zuschauerin laut nachdröhnt. Im Milla-Kapitel "New Work" heißt es: Entscheidend für moderne Unternehmen sei nicht mehr die Anwesenheit im Büro - sondern die Leistung der Mitarbeiter. Ganz egal, um welche Tages- und Uhrzeit und an welchem Ort. So manchem Betriebsrat dürfte an dieser Stelle kurz die Luft wegbleiben.

Es ist nun nicht so, dass die CDU diese Probleme ignoriert. Es gibt zum Beispiel ein Milla-Video von Gesundheitsminister Spahn, in dem dieser sagt, es sei verständlich, dass die Nutzung von Daten von vielen Menschen kritisch gesehen werde: "Weil große Konzerne damit manchmal nicht verantwortungsvoll umgehen." Bei allem Nutzen, den Daten zum Beispiel in der Gesundheitsvorsorge und Diagnostik hätten, gelte daher stets der Grundsatz: "Meine Daten gehören mir." Dass nicht nur "viele Menschen", sondern auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber die Nutzung von Patientendaten kritisch sieht, ist da eine interessante Tangente.

Und so versucht die CDU mit Milla einen Spagat: die Probleme gerade ausreichend zu benennen, um nicht als weltfremd dazustehen - aber gleichzeitig nicht so deutlich, dass die grundsätzlich digitaleuphorische Stimmung verloren geht. Um grundlegende Kritik am digitalen Kapitalismus und seinen Auswüchsen, gar um eine Vision einer völlig anderen Digitalisierung geht es also nicht. Die CDU verfolgt den Ansatz: Wer etwas ändern will, der muss erst einmal so weit kommen, bei den Großen mitspielen zu können. Schritt für Schritt, Lektion für Lektion.

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