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Journalismus:Wie stehen öffentlich-rechtliche Sender zu kommerziell vermittelten Protagonisten?

Sascha Mahlberg ist seit 2007 in mehr als 170 Scripted-Reality-Sendungen, Serien und Shows aufgetreten. Neben seinem Hauptberuf als Straßenreiniger bei der Stadt Bonn ist das ein guter Zuverdienst. Oft spielt er in Scripted-Reality-Formaten Drogendealer und Zuhälter, manchmal, wie in der RTL-Dokureihe Reich trifft Arm, sich selbst, seine Familie dreht oft mit. Für die drei Drehtage für Menschen hautnah bekam seinen Angaben zufolge jeder Protagonist 150 Euro.

Ob bezahlt oder nicht, die Grundsätze der Recherche und Sorgfalt müssten auf jeden Fall eingehalten und Sachverhalte überprüft werden, sagt Amour vom BJV. "Sonst wird daraus eine Fantasiegeschichte." Und wie stehen öffentlich-rechtliche Sender zu kommerziell vermittelten Protagonisten in Dokumentationen?

Zum Thema Vernunftehe sei in Foren nach Protagonisten gesucht worden, sagt Ellen Ehni, Chefredakteurin vom WDR-Fernsehen. Dass die Autorin dazu auch Komparse.de gezählt hat, sei nicht bekannt gewesen. "Wir erzählen bei Menschen hautnah emotionale und der Faktenrecherche nur bedingt zugängliche Geschichten", sagt sie. Man müsse ausschließen können, dass Protagonisten aus finanziellem Interesse aus ihrem Leben erzählen. Für Menschen hautnah schließe sie Recherchen über Komparse.de deshalb für die Zukunft aus.

Rechtlich mag eine Bezahlung erlaubt sein, medienethisch ist sie fragwürdig

Andere öffentlich-rechtliche Sender antworten ähnlich. "In dem Moment, wo man sich Menschen über Agenturen vermitteln lässt, die zu bestimmten Dingen alles sagen, ist das ein Schlag ins Gesicht der Glaubwürdigkeit", sagt Kai Henkel, Leiter Dokumentation und Gesellschaft beim SWR-Fernsehen. Konfrontiert mit Gesuchen für die jeweiligen Sender auf Komparse.de, zeigen sich MDR, NDR und RBB überrascht. Das Inserat zu Mietern mit Radonbelastung auf Komparse.de sei der Redaktion nicht bekannt, heißt es etwa vom MDR. Ein Auftragsproduzent habe die Plattform wohl genutzt. Oft haben in der Tat externe Produktionsfirmen oder freie Mitarbeiter die Gesuche eingestellt.

Rechtlich mag eine Bezahlung von Protagonisten erlaubt sein, medienethisch ist sie fragwürdig. Das sieht man auch bei den kontaktierten ARD-Anstalten und dem ZDF so. "Protagonisten bekommen keine Gage oder Honorar", sagt Ehni vom WDR. "Wenn sie sich länger für einen Dreh zur Verfügung stellen, sich möglicherweise Urlaub nehmen, zahlen wir eine Aufwandsentschädigung." Henkel vom SWR spricht bei Aufwandsentschädigungen von "maximal dreistelligen Summen im unteren Bereich", oft würden diese aus Essenseinladungen oder Fahrtkostenerstattungen bestehen.

Wenn die Geschichte steht, bevor der Mensch gefunden ist - dann verschwimmt oft die Realität

Über Plattformen wie Komparse.de und finanzielle Anreize für Protagonisten können freie Mitarbeiter im umkämpften Medienmarkt schnelle Ergebnisse liefern, auch für Menschen hautnah, ein Prestigeformat des WDR mit teils sensiblen Themen und aufwendigen Recherchen. "Die Zeit, die man für diese Recherche aufwendet, bezahlt niemand", sagte die Autorin vergangene Woche der SZ. Die Recherche beginnt für freie Mitarbeiter in der Regel vor der bezahlten Arbeitszeit. Bei den Sendern will man davon nichts wissen. "Wenn wir es mit einer komplizierten Realisierung zu tun haben, wird natürlich auch der Mehraufwand der Recherche bezahlt, in enger Rücksprache zwischen Autorin und Redaktion", erklärt Ehni vom WDR. Auch die anderen Sender betonen, beim Honorar den Rechercheaufwand zu berücksichtigen.

Dennoch hat der Fall Konsequenzen. Ehni sagt, künftig solle beim WDR der Rechercheweg komplett offengelegt werden. Die Protagonistenakquise will man in vielen Sendern transparent machen, manche führen bereits, teils stichprobenartig, Rohschnittabnahmen durch.

Nur: Das Problem beginnt schon vorher. Wenn Redaktionen sich quotenbringende Themen ausdenken und dann Protagonisten suchen, die zur Geschichte passen, verschwimmen Erwartungen und Realität. Im Journalismus geht es aber nicht um Geschichten, die in etwa so stattgefunden haben könnten. Sondern um die, die stimmen, zu 100 Prozent. Egal, ob sie Quote bringen oder Preise.

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