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WDR:"Quote wollen sie dann nämlich schon immer gern"

Echt? Die angebliche Manuela und der angebliche Oli in der Folge "Ehe aus Vernunft - geht es wirklich ohne Liebe?" der WDR-Doku "Menschen hautnah".

(Foto: WDR)
  • Der WDR will nicht mehr mit der Autorin dreier in die Kritik geratener Dokus zusammenarbeiten.
  • In den Filme der Dokureihe Menschen hautnah kommen unter anderem falsche Jahreszahlen und Altersangaben vor. Zwei Protagonisten wurden über eine Komparsenwebseite angeheuert.
  • Die Autorin nennt alles die "Summe unglücklicher Umstände". Die Praxis, Protagonisten über Webseiten wie komparse.de zu gewinnen sei durchaus üblich.

Der WDR zieht Konsequenzen: Die Autorin dreier umstrittener Dokus soll nicht weiter beauftragt werden. Der Sender ist nach eigenen Angaben vom Freitag nach weiteren Überprüfungen dreier Filme der Dokureihe Menschen hautnah auf neue Unstimmigkeiten gestoßen. Im Laufe der Woche wurde bekannt, dass in den Dokus Ehe aus Vernunft - Geht es wirklich ohne Liebe? und Liebe ohne Zukunft - Heimliche Affären und ihre Folgen sowie einer weiteren falsche Jahreszahlen und Altersangaben vorkamen. Darüber hinaus wurde nicht kenntlich gemacht, dass zwei Protagonisten nicht mit ihrem echten Namen aufgetreten waren und zwei weitere über eine Komparsenwebseite angeheuert worden waren. "Für ein dokumentarisches Format wie Menschen hautnah nicht akzeptabel", lautet das Urteil des WDR. Das Vertrauensverhältnis zur Autorin sei zerstört.

Einer der Protagonisten heißt Sascha. Er hat sich auf eine Anzeige der Autorin bei komparse.de für die "Vernunftehe" beworben. Seine Frau wurde gleich mitgebucht. Der Straßenreiniger und sie sind, so erzählt es die Sendung, seit den Teenagerjahren zusammen, mit 17 wurde sie schwanger. Dann folgte eine Vernunftehe - so suggeriert der Film -, geschlossen und geführt, weil es seine Mutter so wollte. Nun schreibt der WDR, dass die Beziehungsgeschichte in unzulässiger Weise zugespitzt worden sei; bei der Sichtung des Rohmaterials sei man auf gegensätzliche Aussagen der Protagonisten gestoßen. Ein weiteres Paar tritt in den Dokus jeweils mit unterschiedlichen Namen auf. Das sind nur zwei von mehreren Ungereimtheiten, denen der WDR derzeit nachgeht.

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Die Autorin, die namentlich nicht genannt werden möchte, sagte der SZ am Freitag: "Das Ganze ist eine Summe unglücklicher Umstände." Die Fehler, die falschen Zahlen, die unstimmigen Namensangaben seien das Resultat ihrer eigenen Unachtsamkeit. Dass nicht immer deutlich wurde, dass die drei Filme von 2014, 2016 und 2018 aufeinander aufbauten, dass die gleichen Protagonisten mehrmals aufgetreten seien, sei unglücklich gelaufen. Aber das sei nicht nur ihr Fehler, sondern auch der Fehler der Redaktion. Auf die Frage, ob es nicht grundfalsch sei, für Reportage- und Doku-Formate, deren wichtigste Währung Authentizität ist, Komparsen zu engagieren, sagt die Autorin: "Das ist üblich. Viele TV-Sender und Produktionsfirmen suchen ihre Protagonisten bei komparse.de." Nicht alle Leute auf der Plattform seien Schauspieler, auf der Webseite werde offiziell nach Darstellern für Fernsehreportagen gesucht.

"Quote wollen sie dann nämlich schon immer gern"

Komparse Sascha habe sich für den Film über Vernunftehen beworben, sagt die Autorin, mit seiner echten Geschichte. "Dass er von komparse.de kam, spielt ja keine Rolle, weil er authentisch ist. Alle drei Filme sind authentisch." Daran hält sie fest, trotz des nicht genau zu verifizierenden Hintergrunds der Protagonisten sei an den Geschichten der Menschen in ihren Filmen nichts gefälscht. Sascha Mahlberg trat laut einem Artikel der Zeit von September 2018 in 169 Produktionen für Film, Fernsehen und Werbung auf.

Die Autorin ist nach eigenen Angaben seit 25 Jahren "gut im Geschäft", macht Filme für private und öffentlich-rechtliche Produktionen. Sie habe nicht gewusst, dass das laut ihrer Aussage branchenübliche Vorgehen der Komparsenanheuerung beim WDR nicht geduldet werde. Menschen zu finden, die sich für Themen wie Affären und lieblose Ehen von einem Kamerateam zu Hause begleiten lassen wollen und offen über ihr Intimleben sprechen, sei schwierig und dauert lange, sagt die Autorin. Die Zeit, die man für diese Recherche aufwende, bezahle niemand.

Was für die Sender zähle, seien gute Quoten. Alle drei Filme hätten das erreicht, sagt die Autorin der Dokus, "Quote wollen sie dann nämlich schon immer gern".

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