Fall Relotius beim "Spiegel" Was sich gegen das Misstrauen tun lässt

Verlierer im Fall Relotius sind nicht nur die Verantwortlichen beim Spiegel, sondern alle Reporterinnen und Reporter im Land.

(Foto: dpa)

Claas Relotius' erfundene Geschichten untergraben nicht nur das Vertrauen in den "Spiegel", sondern in die gesamte Medienbranche. Leserinnen und Leser verdienen nun Antworten.

Kommentar von Laura Hertreiter

Der erste Bericht über den Betrug des Spiegel-Reporters Claas Relotius an seinen Lesern und seiner Redaktion war gerade auf der Website der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, da kamen die ersten Reaktionen. "Lügenpresse, wir haben es schon immer gewusst", schrieb ein Leser aus München. Es sollten einige solcher Vorwürfe folgen. Sie zeigen, wie massiv der Schaden ist, den der Fall Relotius nicht nur dem Spiegel zufügt, sondern allen Qualitätsmedien im Land.

Der Spiegel hat am Mittwoch offengelegt, dass der preisgekrönte Redakteur Claas Relotius, 33, viele seiner Reportagen für das Magazin teils bis ganz erfunden hat. Bevor er beim Spiegel Reporter wurde, hatte Relotius in anderen Medien publiziert. Auch die taz, die Welt und das Magazin der Süddeutschen Zeitung begannen sofort mit der erneuten Überprüfung. Bei zwei Interviews, die Relotius im SZ-Magazin veröffentlicht hatte, stellte sich am Donnerstag laut Chefredaktion heraus, dass diese nicht einwandfrei geführt worden waren, deshalb wurden sie von der Website genommen. Die Spiegel-Chefredaktion spricht von einer "Katastrophe". Zu Recht. Das Nachrichtenmagazin hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Weil diese für Qualitätsmedien das höchste Gut ist, kennt der Fall nur Verlierer.

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SZ-Magazin

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Auch das "SZ-Magazin" hat im Jahr 2015 zwei manipulierte Interviews von Claas Relotius veröffentlicht, der umfangreiche Fälschungen im "Spiegel" eingestanden hat.

Dazu gehören die Verantwortlichen, die jene Texte veröffentlicht haben, und die Dokumentationsabteilung der Zeitschrift, die als zusätzliche Kontrollinstanz wirkte. Dazu gehört Relotius, der vor den Scherben seiner beruflichen Existenz steht. Verlierer sind auch all die Reporterinnen und Reporter im Land, die unter bisweilen schwierigen oder gefährlichen Umständen sauber recherchieren, sowie alle Redaktionsmitglieder, die Texte auf Qualität und Richtigkeit überprüfen. Gegen sie alle richtet sich der Zorn von Leuten wie dem Leser aus München.

Diesen Zorn haben rechte Populisten mit "Lügenpresse"-Rufen gegen ihnen unliebsame Berichterstatter strategisch geschürt. So klar wie unanständig also, dass AfD-Politiker den Einzelfall Relotius sofort als Beleg für die angebliche Dysfunktionalität der Qualitätspresse werteten.

Was bleibt, ist Verunsicherung. In Zeiten, in denen anonyme Websites mit Servern auf fernen Kontinenten, aber auch Meinungsmacher und politische Akteure Propaganda, Hetze und Hass verbreiten, sind Qualitätsmedien als Garanten für saubere Recherchen, transparente Quellen und strenge Kontrollen wichtiger denn je. Diese Mechanismen haben im Fall Relotius versagt. Es wird die Aufgabe eines nun vom Spiegel einberufenen Gremiums sein, dieses Scheitern aufzuarbeiten, Konsequenzen zu ziehen und öffentlich zu vermitteln, wie ein solcher Fall verhindert werden kann. Nur so lässt sich der unfaire, ja verleumderische Vorwurf entkräften, der Fall Relotius sei typisch für die Medienbranche.

Leserinnen und Leser verdienen Antworten auf ihre Fragen: Wo haben Ressortleiter, Korrekturleser, Faktenchecker geschlampt? Hat sein Arbeitsumfeld Relotius in seinem Tun bewusst oder unbewusst befördert? Ist die auf Journalistenpreisen gründende Aura der Genialität, die Reporter wie Relotius umweht, Teil des Problems? Viele dieser Fragen weisen über den Spiegel hinaus. Wenn die Redaktionen Antworten finden und diese den Lesern vermitteln, kann der Fall, der gerade nur Verlierer kennt, den Journalismus ein Stück voranbringen.

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