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"Maybrit Illner" zur GroKo:Aufhören, auf Peer Steinbrück zu hören

Sophie Passmann bei Maybrit Illner

Sophie Passmann bei Maybrit Illner.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Bei Maybrit Illner kann man die Autorin Sophie Passmann beim rhetorischen Schattenboxen beobachten. Das ist unterhaltsam, wirft aber die Frage auf: Was müssen die Jüngeren eigentlich tun, damit man ernsthaft mit ihnen diskutiert?

Die Sendung ist kaum richtig angelaufen, da unterbricht die Autorin und Moderatorin Sophie Passmann den Publizisten Wolfram Weimer schon. Weimer hatte gerade laut darüber nachgedacht, wen er sich für den SPD-Parteivorsitz vorstellen könnte: Manuela Schwesig und, nun ja, Sigmar Gabriel.

"Sigmar Gabriel - wirklich?", platzt es aus der Fünfundzwanzigjährigen heraus. Das mit der Erneuerung hatte sie sich wohl anders vorgestellt. Sie schaut Weimer an wie den angetrunkene Großonkel Hans-Dieter auf der Familienfeier, der gerade einen rassistischen Witz erzählt hat. Fassungslosigkeit liegt in ihrem Blick. Es ist nicht das letzte Mal, dass man ihn an diesem Abend an ihr sehen wird.

Besonders gefasst kommt die Bundespolitik derzeit auch nicht daher: Nahles ist weg, die Grünen sind so was von da wie noch nie und die CDU braucht all ihre Energie dafür, so zu tun, als würde sie nicht über die K-Frage diskutieren. In dieser aufgeregten Gemengelage hat sich die Maybrit-Illner-Redaktion entschieden, zum dritten Mal in Folge eine Sendung zur Krise der großen Koalition zu veranstalten. Nach "Das GroKo-Desaster - falsche Themen, falsche Antworten?" und "GroKo in der Sackgasse - letzte Ausfahrt Neuwahl?" folgt nun also "SPD kopflos, CDU planlos - GroKo grün vor Neid?". Ein Titel, der in seinem engagierten Gebrauch von Stilmitteln wie dem Parallelismus und der Personalisierung jede Deutschlehrerin erfreuen würde, ansonsten aber ein bisschen nach einer Telenovela klingt, die ihre besten Zeiten schon hinter sich hat.

Was zu der Frage führt: Wie lassen sich die unsicheren Berliner Verhältnisse noch originell diskutieren? Und vor allem: mit wem?

Zumindest was letzteren Punkt angeht, hat das Illner-Team einen vielversprechenden Ansatz gewählt: Mit der Gästeauswahl fügte es den üblichen Verdächtigen (neben Weimer sind da Manuela Schwesig, eine von drei kommissarischen Parteivorsitzenden der SPD und Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, und der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans von der CDU) nämlich genau das hinzu, was nach Meinung vieler den alten Volksparteien zur Glaubwürdigkeit fehlt: die Jungen und die, die sich wegen des Klimawandels Sorgen machen. Für die erste Fraktion sitzt die 25-jährige Passmann an Illners Ufo-Tisch, für die zweite Gruppe der Astrophysiker und Moderator Harald Lesch.

Lesch ist einer breiteren Öffentlichkeit nicht so sehr wegen seiner Forschung bekannt, sondern wegen seines Talents für Wissensvermittlung. Für die ZDF-Reihe "Terra X" beantwortet er in heiter-plauderndem Ton Fragen wie "Brauchen wir den Mond?" oder "Ist vegane Ernährung Unsinn?". Leschs vielleicht größtes Talent ist es, den Eindruck zu erwecken, als würde man ihm gerade ganz spontan beim Nachdenken zuschauen. Auch dieser Authentizitätsstrategie wegen umweht ihn seit Jahren die Aura des verlässlichen Erklärers der Nation. Genauso agiert er nun bei Illner, er erläutert gewissenhaft seine Ansichten: Politiker hätten grundsätzlich mehr Anerkennung verdient ("das ist ein Knochenjob"), die SPD habe sich durch die Durchsetzung vieler ihrer Forderungen praktisch selbst abgeschafft ("Das ist wie beim Navigationssystem: Sie haben Ihr Ziel erreicht") und der Klimawandel müsse nun endlich ernsthaft bekämpft werden ("Es wird darum gehen: weniger von allem"). Die anderen Gäste lassen das meistens einfach so stehen.

SPD-Mitglied - für ihre Altersgruppe nicht gerade mainstreamig

Bleibt also noch Passmann, um den etablierten politischen Betrieb mit dem viel beschworenen frischen Wind zu konfrontieren. Passmann ist bekennendes SPD-Mitglied, was in ihrer Altersgruppe nicht gerade mainstreamig ist. Für das Zeit-Magazin macht sie eine Kolumne und einen Podcast, sie moderiert im Radio und tritt regelmäßig bei Jan Böhmermann auf. Auf Twitter folgen ihr mehr als 86 000 Menschen. Es wäre also keine schlechte Idee, ihr zuzuhören.

Fragen stellt ihr Maybrit Illner dann auch genug: Kann Kevin Kühnert SPD-Parteivorsitz? Kann Annegret Kramp-Karrenbauer Kanzlerin? Und was will denn nun eigentlich die junge Generation von der Politik?

Passmann ist sich nicht zu schade dafür, im Generationen-Wir zu sprechen. Pflichtschuldig erläutert sie, dass die alten Volksparteien kein klares Image bei den Jüngeren hätten, dass die Strukturen in der SPD sich ändern müssten, bevor mal wieder jemand erfolgreich Parteivorsitzender werden könne. Dass sie Annegret Kramp-Karrenbauer "stramm reaktionär" finde und Kevin Kühnert sehr wohl die SPD-Führung zutraue.

Hier spricht also eine junge Frau streitbar, aber doch argumentativ klar und meinungsstark über politische Inhalte - und was passiert? So gut wie nichts, muss man leider sagen. Schwesig und Hans zeigen sich zwar reuig. Schwesig gibt Schwachstellen bei der Klimapolitik zu ("Da ist eine große Schwäche auch der SPD"), Hans meldet Lernbedarf in Sachen Digitales an ("Wir haben gar nicht verstanden, was sich im Internet abspielt"). Ansonsten perlen Passmanns Debattierversuche aber wundersam an ihren Gesprächspartnern ab.

An einer Stelle übergeht der Verleger Weimer Passmanns kritische Einwürfe, wonach sie das Gleichsetzen von Grünen und AfD in Sachen Populismus schäbig finde, einfach stoisch, den Blick immer auf seinen Gegenüber Hans gerichtet. Nach dem Motto: Wenn man sie ignoriert, hört die vorlaute Göre vielleicht auf mit ihren Aufmüpfigkeiten. Das tut sie natürlich nicht und man kann sie für ihre Ausdauer in diesem rhetorischen Schattenboxen eigentlich nur bewundern.

Zweimal gelingt es ihr auch beinahe zu streiten. Einmal nennt der saarländische Ministerpräsident Kevin Kühnert "neokommunistisch". Ein andermal lässt sich Hans dazu verleiten, Passmann "Halbwahrheiten" vorzuwerfen, als sie Kramp-Karrenbauers viel diskutierte Überlegungen zu neuen Regeln im digitalen Bereich kritisiert. Jedes Mal schießt Passmann prompt zurück, aber jedes Mal scheint damit die Debattierlust beim Gegenüber schon aufgebraucht zu sein.

Und so zeigt sich an diesem Abend etwas Symptomatisches: Die Krise der Volksparteien hat zwar zu einem neu aufgeflammten Interesse an der Jugend im Land geführt. Sie sitzt jetzt mit am Tisch, man hört ihr sogar zu. So ernst, dass man wirklich inhaltlich mit ihr diskutieren würde, scheint man sie aber noch nicht zu nehmen.

Als Trotzreaktion verlegt sich Passmann irgendwann immer mehr auf die humoristischen Störfeuer. "Der Tag, an dem wir aufhören auf Peer Steinbrück zu hören", lautet wohl ihr bester Aphorismus des Abends, "wäre ein guter Tag für die SPD." Dabei twitterte Passmann noch Anfang Mai, dass sie, seit sie SPD-Mitglied sei, Burn-out in Sachen Satire habe. Zumindest dieser Befund hat sich an diesem Abend als Fehldiagnose herausgestellt.

© SZ.de/ebri
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