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TV-Kritik zu Maischberger:Schmerzpatient Scholz übersteht mit gekonnter Selbstnarkose

Scholz bei Maischberger

Mit dem surrealen Satz "Ich will mich jetzt aber gar nicht auf Umfragen ausruhen" schüttet Scholz das tiefe Wähler-Loch zu.

(Foto: Oliver Ziebe/WDR)

Der SPD-Kanzlerkandidat schleudert in Maischbergers Behandlungszimmer mit verwirrenden Relativsätzen um sich und CSU-Chef Söder zeigt sich als frommer Laschet-Apostel.

Von Marlene Knobloch

Es zieht kräftig durch die Bundesrepublik. Als bayerischer Aiolos verteilt Markus Söder, Gott der Lüfte, großzügig Rückenwind. Er schickt ihn Richtung Berlin, nach Sachsen-Anhalt und sogar die deutsche Nationalmannschaft bekommt unterstützende Böen aus München für die Europameisterschaft. Eine Brise scheint auch ins Studio von Sandra Maischberger gelangt zu sein. Die Antworten der Gäste Söder und Scholz wirken vom ganzen Rückenwind verweht.

Maischberger hofft zunächst auf Schlamm zu stoßen, als sie den bayerischen Ministerpräsidenten mit seiner monophonen Lobeshymne auf Reiner Haseloff konfrontiert und dem sanften Übergehen der Personalie Laschet nach der erfolgreichen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Die Moderatorin bringt zu den schwierigen Bohrungen allerdings die Sandbuddel aus dem Sylt-Urlaub mit: "Also ist Armin Laschet auch in Bayern der Kanzlerkandidat der Herzen?", fragt die Moderatorin auf der Suche nach Missgunst. Doch um auf Söder'schen Schmutz zu stoßen, braucht es schon andere Werkzeuge. Denn der beherrscht sowohl den perfekten Unschuldsblick (Kopf leicht gesenkt, von links unten) wie das gespielte Erstaunen: "Ja, auf jeden Fall. Wieso zweifeln Sie da?"

Nur eine einzige, aus den Tiefen der reinen CSU-Seele stammende Bitte vertraut Söder Maischberger an diesem Abend an: "Die Programmatik wär mir scho' wichtig."

"Ich will mich jetzt aber gar nicht auf Umfragen ausruhen", sagt ausgerechnet der SPD-Kanzlerkandidat

Vom frommen geht es zum zitternden Lamm, wobei Maischberger gleich alle Schaufeln fallen lässt, sich den Arztkittel umhängt und den SPD-Patienten im Behandlungszimmer begrüßt. Olaf Scholz darf sich erst mal was aussuchen aus der Erinnerungskiste. Ob er Gitarre gespielt habe damals bei den Jusos (nein, Flöte und später Oboe) oder mal einen Joint geraucht (natürlich nicht). Die Antworten gehen Scholz noch leicht von den Lippen.

Dann wird die Moderatorin ernster, sie muss mit ihm über die schlechten Werte reden: 8,4 Prozent für die SPD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Wie groß Scholz' persönlicher Anteil an der Niederlage sei? "Ich bin nur einer von 400 000 Sozialdemokraten", dividiert der Kanzlerkandidat seine Parteiverantwortung bis zum letzten Genossen.

Auch die anderen Werte seien unterirdisch, seit Jahren, argumentiert Maischberger. Sie zeigt ihm eine Grafik mit den stetig schlechten Wahlergebnissen, aber da bockt Scholz schon. Er verweigert sich der klaren Sprache, schleudert mit verwirrenden Relativsätzen um sich (lange Kostprobe: "Wenn wir die Wahlen der letzten Zeit angucken, die drei, die wir uns gerade angeguckt haben, aber auch, wenn wir noch welche weiter nach hinten gucken, dann hat sich in Zeiträumen, die viel kürzer sind, als die, die wir jetzt noch vor uns haben, manches verändert bei der Frage, wer soll nun wirklich die Regierung führen und zwar in den Dimensionen, die wir brauchen, um vorne zu liegen ...").

Und der amtierende Bundesfinanzminister schüttet das tiefe Wähler-Loch mit dem surrealen Satz zu: "Ich will mich jetzt aber gar nicht auf Umfragen ausruhen."

Scholz weicht nicht vom Kanzlertraum ab

Kurz schreckt der Zuschauer aus der Scholz-Narkose auf, als er plötzlich verkündet, er wolle jetzt doch mal Maischbergers Frage beantworten, "weil mir das sehr am Herzen liegt". Der Kanzlerkandidat steigt spannend ein: Wird es Deutschland gelingen, den Wohlstand in den kommenden Jahren zu halten? Das erfährt man nicht, denn Scholz verwischt sorgfältig den Spannungsbogen: Es müssten Weichen richtig gestellt werden, Pläne her, die Schlagworte "technologische Modernisierung" und "soziale Stabilität" fallen. Mit diesen Plänen hat die SPD ein ähnliches Alleinstellungsmerkmal bei der Bundestagswahl wie Mischbrote in deutschen Kleinstadt-Bäckereien.

Als Maischberger wissen will, ob die Opposition eine Option für die SPD sei, falls die Ergebnisse bei der Wahl "wider Erwarten", und das betont sie mehrmals einfühlsam, nicht zum Regieren reichten? Scholz spult trotzig seine Wahlkampfparolen ab ("Modernisierungsschub", "neue Arbeitsplätze").

Und wie Maischberger sagt, sie verüble es ihm wirklich nicht, jetzt Wahlkampf zu machen, wirkt die Szene, als versuche sie Scholz zur Vorsorge zu überreden, auch wenn niemand davon ausgehe, dass jemals etwas Schlimmes passieren könnte. Krankheit, Tod - sowieso absolute Ausnahmen. Aber Scholz weicht keinen Millimeter vom Kanzlertraum: "Es geht darum, dass wir jetzt das Ziel haben, die Regierung zu führen."

Bevor die nächste Sendung im August ausgestrahlt wird, findet die Europameisterschaft statt. Da ist der Ball rund, und das Spiel dauert 90 Minuten, hat Sepp Herberger, der Weltmeistertrainer von 1954, gesagt. Vielleicht wäre das kein schlechtes Format für einen Wahlkampf.

Marlene Knobloch ist freie, streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffel schälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.

© SZ/saul/cat
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