"Die Schlange" auf Netflix:Auf der Jagd nach Hippies

"Die Schlange" auf Netflix: Tahar Rahim spielt Charles Sobhraj voll wächserner Eitelkeit, Jenna Coleman seine Geliebte Marie-Andrée Leclerc fast ebenso gruselig.

Tahar Rahim spielt Charles Sobhraj voll wächserner Eitelkeit, Jenna Coleman seine Geliebte Marie-Andrée Leclerc fast ebenso gruselig.

(Foto: Roland Neveu, Netflix/BBC/© Mammoth Screen)

Eine Netflix-Krimi-Serie zeichnet die Morde von Charles Sobhraj nach sowie die jahrelange Fahndung nach ihm. Das ist Spannung und Eskapismus für Streaming-Gestrandete zugleich.

Von David Pfeifer

Wer Fernweh hat, sollte Die Schlange eher nicht ansehen - oder aber doch, je nach aktueller Gemütslage. Denn die heimlichen Stars der Mini-Serie sind ihre Schauplätze, Bangkok und das Südostasien der Sechziger- und Siebzigerjahre, als man auf dem sogenannten Hippie-Trail noch über Land nach Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien bis nach Thailand reisen konnte. Damals wurde man unterwegs weder von Terroristen noch Warlords getötet, es war günstig, abenteuerlich, frei. Wenn man nicht in die Fänge von Charles Sobhraj geriet, dem "Bikini-Killer", auch "Die Schlange" genannt.

Sobhraj, halb Vietnamese, halb Inder, mit französischer Nationalität, war das, was man heute einen narzisstischen Psychopathen nennen würde. Er war ein Dieb und handelte mit Edelsteinen. Vor allem aber betäubte und ermordete er grausam Hippies, um seinen Machtrausch zu befriedigen und um ihre Travellerschecks und Pässe zu stehlen, mit denen er später unerkannt von einem Land ins andere wechseln konnte. Die Schlange zeichnet die Taten von und die Fahndung nach dem echten Charles Sobhraj in acht spannenden Teile nach. Wie viele Psychopathen manipulierte er sein Umfeld und kam über Jahre mit dreisten Lügen davon. Zum Unglück von mindestens zwölf Reisenden, ihren Familien und Freunden. Wie viele Sobhraj tatsächlich umbrachte, weiß man nicht, der 76-Jährige schweigt bis heute dazu. Doch eine der großen Stärken der Serie ist, dass sie nicht in eine visuelle Gewaltorgie abgleitet, bei der man dicht am Täter bleibt, sondern den Opfern viel Erzählraum widmet. Denn die Hippies waren damals sicher etwas naiv und nicht nur sympathisch, sie schnorrten und kifften sich durch bettelarme Länder, angeödet vom Überfluss daheim, aber sie waren auch lieb.

Ehepaar Knippenberg ist eigentlich zu anständig und langweilig für die Serie

Da die Opfer nicht nur als Opfer, sondern als geliebte Menschen gezeigt werden, hofft man sehr, dass Sobhraj bald gefasst wird. Es dauert allerdings quälend lang. Sein Antagonist ist der niederländische Botschaftssekretär Herman Knippenberg, der beharrlich zwei verschwundenen Holländern hinterherrecherchiert. Ansonsten kommen die Diplomaten in Bangkok eher schlecht weg, sie treffen sich lieber im Klub zum Tennisspielen, als sich um vermisste Landsleute zu kümmern, die im Zweifel pleite sind und zu viele Drogen nehmen. Auch die korrupten Beamten in Thailand machen, bis auf wenige Ausnahmen, eine unrühmliche Figur. Knippenberg (Billy Howle) hingegen ist ein zwanghafter Bürohengst, eine Nervensäge und trotzdem Held der Serie. Wäre sie weniger gut geschrieben und inszeniert, würde man mit Charles Sobhraj mitfiebern, der aufgrund seines Aussehens beliebig die Identität wechseln kann, schillernde Partys in Bangkok feiert und sich genauso lässig in Hongkong wie in Karatschi bewegt. Dass man die Serie so gerne sieht, liegt auch an den Schauspielern. Der Franzose Tahar Rahim ("Ein Prophet") spielt den Killer mit einer wächsernen Eitelkeit, die an sich schon sehr furchtbar ist. Jenna Coleman ist als seine Geliebte und Komplizin, die sich selbst als Opfer begreift, auf ihre somnambule Weise ebenso gruselig. Knippenberg und seine deutsche Frau hingegen sind klug und anständig, offen miteinander und gleichberechtigt untereinander. Eigentlich zu langweilig für eine Serie, die so viele spektakuläre Momente, Szenerien, sexy Garderoben und sinistre Charaktere bietet.

Doch spätestens nach dem ersten wirklich bösartigen Mord schätzt man den spröden Charme der Knippenbergs, den Glamour der Integrität in einem verkommenen Umfeld. Man geht also mit den Knippenbergs und Sobhraj auf eine bizarre Reise in die Vergangenheit, in ein Bangkok ohne Mobiltelefone und Instagram, in exotische Länder vor Massentourismus und Billig-Airlines. Und erlebt ein Asien, das doppelt unerreichbar ist - das der vorpandemischen Reisefreiheit und das der verklärten Erinnerung.

Die Schlange, acht Folgen, auf Netflix

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