Kriegsfotograf Horst Faas ist tot Schleusenwärter des Grauens

Seine Bilder des Vietnamkriegs machten ihn bekannt, Krieg und Elend bestimmten seine Arbeit. Horst Faas setzte mit seinen bemerkenswerten Reportagen Maßstäbe in der Fotografie. Nun ist der zweifache deutsche Pulitzerpreisträger in München verstorben.

Von Stefan Kornelius

Wenn es stimmt, dass die Kriegsfotografie in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre beste, künstlerisch ausdrucksvollste, natürlich ihre politischste Zeit erlebte, dann war das nicht zuletzt einem Mann wie Horst Faas zu verdanken.

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Faas wurde nachgesagt, dass er seine eigene Armee unterhalte. Eine Armee im Krieg, aber auch eine Armee gegen den Krieg - Horst's army. Horst Faas selbst war diese Stilisierung fremd, weil er einen Job tat, einen gefährlichen zwar, aber einen, den er leidenschaftlich ausübte, über den er nicht ständig räsonierte.

Kriegsberichterstatter, Front-Fotografen - das gab es, seitdem Bilder auf Platten gebrannt wurden. Aber die Zeit von Horst Faas schrieb neue Spielregeln. Das Bild wurde zum Massenmedium, die Aufnahmen wurden unmittelbar, schmerzhaft, die Fotografen zu Schleusenwärtern des Grauens.

Vietnam und Kambodscha - das waren auch unkontrollierte Kriege. Der Krieg kam nach Hause, in die USA und nach Europa, weil die Kriegsberichterstattung keinen Regeln unterlag. Kein Vertrag regelte die Arbeit der Fotografen an der Front, und niemand verpflichtete sich freiwillig, das Übel zu dosieren - auch die Zeitungen und Magazine nicht, die heute oft aus Rücksicht auf ihre Leser die Bilder der Verbrannten und Verstümmelten (so am vergangenen Donnerstag die Bilder des Bombenanschlags in Damaskus) nicht drucken.

Horst Faas hat das Grauen in all seinen Facetten gesehen, er hat diese Bilder selbst gemacht, und er hat dafür gesorgt, dass sie in die Welt kamen. 1960, mit 27 Jahren, begann er als Front-Reporter für die Nachrichtenagentur AP, zunächst in Kongo, später in Algerien. 1962 verpflichtete ihn sein Arbeitgeber für den Vietnam-Krieg, den er bis zum Ende begleitete.

Auch gegen den Widerstand seiner Kollegen

Einen seiner zwei Pulitzer-Preise gewann er mit einem dramatischen Bild einer startenden Hubschrauber-Staffel, der zweite wurde ihm 1972 für erschütternde Aufnahmen von Terror und Folter in Bangladesch verliehen. Im selben Jahr hatte er auch die maskierten Olympia-Attentäter von München auf dem Balkon im Olympiadorf aufgenommen.

1967 wurde Faas durch Granatsplitter verletzt, er blieb aber in Vietnam und dirigierte als Fotochef für AP seine Armee aus freien und fest angestellten Fotografen. Faas war ihr Schleusenwärter, ihre Bilder liefen über seinen Tisch, er entschied über die Visualisierung des Krieges. Wer heute den Vietnam-Krieg sieht, sieht ihn mit den Augen von Faas.

Das von Napalm verbannte Mädchen, mit ausgebreiteten Armen schreiend die Straße hinablaufend - aufgenommen von Huynh Thanh My, den Faas für AP entdeckt und ausgebildet hatte. Faas war es auch, der das Foto gegen starken Widerstand verbreitete. Kollegen meinte, dass Leser von der Nacktheit des Mädchens peinlich berührt sein könnten.

Ikonografische Argumente gegen den Krieg

Doch das Bild sollte zu einem der stärksten Argumente gegen diesen Krieg werden - ebenso wie das (von Eddie Adams fotografierte) Bild des vietnamesischen Polizeichefs, der einen Vietcong mitten in Saigon per Kopfschuss exekutiert.

Heute würde man von der Ikonographie eines Krieges sprechen. Horst Faas, der die Bildsprache steuerte, hätte wohl eher Worte wie Pflicht und Qualität gebraucht. Er war geschätzt und geachtet von den Kollegen, ein unermüdlich arbeitender Planer, Perfektionist, Pedant.

Wie viele aus der Vietnam-Generation (seine deutschen Freunde Carl Weiss, ZDF, oder der verstorbene Christian Roll) entwickelte er eine große Kunstsinnigkeit, einen ganz persönlichen Zugang zu Geschichte und Kultur von Südostasien - vielleicht auch ein Ausgleich für die Überdosis an Brutalität, der diese Männer ausgesetzt waren. Horst Faas, geboren 1933 in Berlin, starb an diesem Donnerstag im Alter von 79 Jahren in München, wo er seit 2005 lebte.

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