"Kill Zone USA" auf Arte:Blutspur aus Gier

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Kill Zone USA - Spurensuche in einer waffenverrückten Nation

Weiße Kreuze erinnern an die Opfer des Amoklaufs in Newtown. Schärfere Waffengesetze gibt es trotzdem noch nicht.

(Foto: NDR/Vincent TV)

Wenn es um Waffen geht, sind die Vereinigten Staaten gar nicht so vereint. Die sehenswerte Doku "Kill Zone USA" zeigt, wie nach Amokläufen Diskussionen um schärfere Gesetze entbrennen - und wie die Waffenlobby sie verhindert.

Von Daniel Lehmann

Michael Barber sitzt in der Küche und nestelt an seiner Pistole herum. Eine gefühlte Ewigkeit versucht er, das Magazin der Waffe zu entnehmen. Um die peinliche Stille zu unterbrechen, sucht der US-Amerikaner immer wieder Ausflüchte dafür, warum er so lange braucht. Als Zuschauer tut einem die offensichtliche Bloßstellung fast schon leid. Schließlich schafft er es doch und lächelt zufrieden. Michael Barber ist vollkommen blind. Trotzdem pocht er auf sein Recht, im amerikanischen Bundesstaat Iowa eine Schusswaffe zu besitzen - und diese notfalls einzusetzen, selbst ohne Sehvermögen. Für ihn hat das auch mit Gleichberechtigung zu tun.

Mit Beispielen wie diesem zeigt die Arte-Dokumentation Kill Zone USA eindrucksvoll den Waffenwahnsinn in den Vereinigten Staaten, in denen jährlich 30.000 Menschen durch Schusswaffen ums Leben kommen. Regisseur Helmar Büchel präsentiert eine Nation, die zwar nach Amokläufen wie dem an der Sandy-Hook-Grundschule mit 28 Toten Schock und tiefe Trauer vereint. Die Frage aber, welche Konsequenzen aus der Tat erwachsen, spaltet das Land.

Die einen, vor allem Hinterbliebene der Opfer, sind für schärfere Kontrollen und Gesetze, um die Zahl der Schusswaffen zu regulieren. Es sind bewegende Aufnahmen, wenn sie mit Bildern ihrer verstorbenen Kinder demonstrieren.

Auf der anderen Seite fordern Waffenlobbyisten und Verbände wie die NRA (National Rifle Association of America) das Gegenteil. Nur mit Waffen könne man Sicherheit gewährleisten, heißt es da. Schließlich fänden auch die meisten Massaker in Bundesstaaten mit strengen Waffengesetzen statt. Ginge es nach ihnen, hätte jede Schule eigenes Wachpersonal. Zu Wort kommen in dem Film unter anderem Lehrer aus Texas, die Schießübungen für den Ernstfall machen. Die Doku bemüht sich um Ausgewogenheit bei den Protagonisten.

Actionfilmpathos als Kulturbestandteil

Präsident Barack Obama setzt sich seit Jahren für striktere Vorschriften bei Waffen ein. Bisher ohne Erfolg. Die Geldgier der Waffenhersteller und die tief in den Köpfen der Menschen verankerte amerikanische Historie sind stärker als er.

Die glorifizierte US-Geschichte lebt vom Bild des Mannes, der um sein Land und seine Freiheit kämpft. Der zweite Verfassungszusatz, der US-Bürgern das Tragen einer Waffe erlaubt, geht zurück auf die Revolutionäre des Unabhängigkeitskrieges. Damals ergab das durchaus Sinn. Heute findet man dieses hochstilisierte Pathos auch noch in Actionfilmen, wenn der tragische Held in einem glorreichen Kugelhagel untergeht. Waffen sind Teil der Kultur und des amerikanischen Selbstverständnisses.

Und so sind sie auch sehr leicht zu bekommen, wie der Selbstversuch eines Reporters zeigt. Von kugelsicheren Westen bis zu Sturmgewehren kann man hier alles erwerben, was in vielen anderen Ländern nur das Militär benutzt. In lizensierten Geschäften reichen dafür der Führerschein und ein paar Formulare. Wer das umgehen will, besorgt sich die Dinge privat oder schwarz.

Profiteure sind am Ende die Hersteller, Waffen sind ein Milliardengeschäft. Das wissen auch ausländische Unternehmen, die teilweise nur für den US-Markt produzieren. Und in Frauen und Kindern inzwischen neue Zielgruppen sehen. Kill Zone USA macht deutlich, dass die Geldgier der Firmen unersättlich ist. Blutvergießen wird leichtfertig in Kauf genommen. Politische Manipulation sowieso.

Kill Zone USA - Spurensuche in einer waffenverrückten Nation, Arte, 20.15 Uhr

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