Kika-Affäre: ZDF attackiert MDR:"Stillschweigend eingeweiht"

Unterdessen fährt das ZDF weitere Geschütze auf. So wird festgestellt, dass zumindest in den vergangenen Jahren das angenommene Tatmuster des Herstellungsleiters K. vermutlich nicht mehr hätte greifen können, wenn im Kika die Ergebnisse einer früheren Revision von ZDF und Hessischem Rundfunk umgesetzt worden wären, deren Resultat 2009 vorgestellt wurde. Nach Darstellung von Reiter waren darin nur "eine Reihe von Details moniert" worden. ZDF-Intendant Schächter hingegen behauptet, dass bereits damals die "internen Probleme im Kontrollsystem" genau benannt worden seien.

Schon eine "Verlagerung der Zuständigkeit für die Sachlich-richtig-Zeichnung auf eine Institution außerhalb der Herstellungsleitung" hätte laut ZDF die Manipulationen verhindert. Nichts dergleichen sei jedoch geschehen. Die "Verantwortlichen in MDR und Kika" hätten mit der Umsetzung der Prüfempfehlungen ausgerechnet den Mitarbeiter beauftragt, dessen Bestellpraxis von den Revisoren kritisiert worden war: Marco K.

Statt für die Trennung der Verantwortlichkeiten zu sorgen, soll dieser das Rechnungswesen des Kika den ZDF-Ausführungen zufolge zunehmend "informationstechnisch abgeschottet" haben im MDR. So seien die Beschaffungsvorgänge des Kindersenders nicht ins MDR-System überspielt worden, sogar die Kika-Programmmacher hätten keinen Einblick in das Kostensystem gehabt - mithin wussten sie offenbar nicht, welche Kosten sie mit was verursachten. Die "lückenhafte Produktionskostensteuerung" der Kika-Leitung ist aus Sicht des ZDF-Intendanten ein "wesentlicher Grund" dafür, dass so lange unbemerkt Millionenbeträge abgezweigt werden konnten.

Harte Vorwürfe. Sie zielen direkt auf die Leitung von MDR und Kika. Konkret benennt Schächter den inzwischen zurückgetretenen MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser, den einstigen Programmgeschäftsführer des Kika Frank Beckmann sowie den Leiter der Kika-Programmplanung. Beckmann, heute Fernsehdirektor beim NDR, war bis 2008 Kika-Chef. In diese Zeit fällt das Gros der Veruntreuungsfälle. So betrafen beispielsweise von 123 Rechnungen, die von einer Berliner Produktionsfirma an den Kika gestellt wurden, nach den Feststellungen der Revisoren ganze vier Rechnungen tatsächliche Leistungen - der Rest bestand aus Scheinrechnungen.

Beckmann will von allem nichts gewusst haben. ZDF-Intendant Schächter aber insistiert, es habe bereits zu Beckmanns Amtszeit Veranlassung gegeben, den "fundierten Gerüchten" über die Spielleidenschaft von Marco K. nachzugehen. Allein das Erfurter Casino habe der Herstellungsleiter "drei- bis viermal pro Woche aufgesucht", und dort "jeweils circa 20 000 Euro verspielt". Den Kika-Kollegen sei das "nicht verborgen geblieben".

© SZ vom 16.04.2011/fort
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