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Kika-Affäre: ZDF attackiert MDR:Einzelfall oder Systemfehler?

Nach dem Revisionsbericht zum Kika-Skandal, kritisiert ZDF-Intendant Markus Schächter den MDR. Der Sender sei mitverantwortlich für den Millionenbetrug beim Kinderkanal.

Wer mit Augenzeugen spricht, die ein und dasselbe Ereignis beobachtet haben, stellt zuweilen fest, dass sich ihre Wahrnehmungen diametral unterscheiden - als wären sie auf verschiedenen Veranstaltungen gewesen. So verhält es sich derzeit mit den Intendanten Udo Reiter vom MDR und Markus Schächter vom ZDF: Die beiden Fernsehgewaltigen legten ihren jeweiligen Kontrollgremien kürzlich Kurzberichte einer gemeinsamen Revisionsprüfung von MDR und ZDF vor, in welcher der ungeheuerliche Millionenbetrug untersucht wird, der seit Monaten den von ARD und ZDF gemeinsam betriebenen Erfurter Kindersender Kika erschüttert. Was die Intendanten jedoch aus der über 100 Seiten starken Fleißarbeit ihrer Revisoren über den wohl größten Betrugsfall der deutschen TV-Geschichte extrahierten, liest sich völlig unterschiedlich.

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"Mangelndes Bewusstsein für die Risiken der Wirtschaftskriminalität": ZDF-Intendant Markus Schächter sieht die Kontroll-Ebene des MDR als mitverantwortlich für die Veruntreuungen beim Kika an. Ein ehemaliger Herstellungsleiter soll den von ZDF und ARD gemeinsam betriebenen Kindersender um rund 8,2 Millionen Euro betrogen haben.

(Foto: dpa)

Da legt Reiter ein Hauptaugenmerk auf die "kriminelle Energie" des mutmaßlichen Täters: Die dem ehemaligen Kika-Herstellungsleiter Marco K. zur Last gelegten Betrugsmanöver seien so clever eingefädelt gewesen, dass sie "ohne spezifische Fachkenntnis offenbar kaum zu entlarven" gewesen seien. Hingegen lenkt Schächter den Blick auf die Kontroll-Ebene des MDR, wo er ein "mangelndes Bewusstsein für die Risiken der Wirtschaftskriminalität" als mit ursächlich für die Veruntreuungen sieht. Fast zehn Jahre lang soll der heute 43-jährige K. insgesamt 8,2 Millionen Euro beiseite geschafft haben. Im Sender war dies nie aufgefallen, erst durch die Selbstanzeige des Chefs einer beteiligten Zulieferfirma in Berlin flog der Schwindel auf.

Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft. Das Muster der Tatabläufe scheint nach Darstellung des ZDF jedoch weitgehend geklärt. So soll Herstellungsleiter K. vor einer Transaktion jeweils die beteiligte Firma telefonisch über die Parameter der zu stellenden Rechnung instruiert haben. Dann habe er einen Mitarbeiter aus seinem Controlling-Bereich gebeten, einen Auftrag in der anvisierten Rechnungshöhe zu schreiben, die ins elektronische Rechnungssystem des Kika eingegeben worden sei.

Wenn die Firma daraufhin eine entsprechende Rechnung, als "persönlich/vertraulich" adressiert, an K. gesandt habe, sei dieser wieder zu dem Controlling-Mitarbeiter gegangen, der nun ein Formular "Prüfnachweis" ausgedruckt habe. Kurz darauf habe die Erste Sachbearbeiterin des Herstellungsleiters die Rechnung ohne weitere Prüfung abgezeichnet, und "direkt in Anschluss" habe sich K. die Rechnung zur Zahlungsanweisung vorlegen lassen. Das Geld soll oft in bar per Kurier an ihn gesandt worden sein.

Schon aufgrund seiner Funktion müsse zumindest der Controlling-Mitarbeiter "einen tiefen Einblick in die Gesamtheit der Vorgänge" gehabt haben, glaubt man beim ZDF. Überdies habe er von der Spielleidenschaft seines Vorgesetzten gewusst, die heute als eine Triebfeder für die Veruntreuungen gilt. Mithin müsse der Controller "zumindest stillschweigend eingeweiht" gewesen sein. Auch die Erste Sachbearbeiterin hält das ZDF für mitverantwortlich: Sie habe "die unmittelbar entscheidende Ursache für das Gelingen der Betrügereien gesetzt", weil sie die Rechnungen ohne Prüfung als sachlich richtig gezeichnet habe. Die Frau wurde vom MDR inzwischen fristlos gekündigt, bei dem Controller sah man dazu bisher keine rechtliche Möglichkeit.