Kieler Tatort: "Borowski und der Himmel über Kiel" Alles, was geil ist, wird noch geiler

Erst fühlt sich alles gut an, doch die verführerische Kraft der Drogen hat ihren Preis.

(Foto: dpa)

Ein abgeschlagener Kopf führt Kommissar Borowski in die Kieler Drogenszene. Zu Jugendlichen, die sich mit Crystal Meth berauschen, die lieben und töten. Doch dieser harte "Tatort" ist keine Moralpredigt.

Von Holger Gertz

Kommissar Borowski ist in dieser Episode immer auch derjenige, der etwas Druck rausnimmt. Er kann sehr echt den Ruf von Saatkrähen nachmachen, Saatkrähen in der Balz. Und er ist ein hartnäckiger Feilscher, das Huhn beim Bauern handelt er runter, elf Euro statt fofftein, Hand drauf.

Solche Alltagsminiaturen sorgen für Zerstreuung in einem harten Tatort, der damit anfängt, dass ein Mensch einem anderen mit dem Beil den Kopf abschlägt, es hört sich an wie ein Hieb in mürbes Holz. Der Kopf liegt danach auf der Bahre in der Gerichtsmedizin, ein Kopf ohne Körper sieht sehr einsam aus. "Angegriffene Zähne, ungewöhnlich bei einem jungen Mann", sagt die Pathologin, das kommt wohl von den Drogen. Borowski bleibt Borowski, lakonisch und pragmatisch. "Können Sie das Gesicht ein bisschen herrichten? Wir brauchen Fotos."

Aus Menschen werden Gespenster

Der Kieler Tatort behandelt das Thema Crystal Meth: wie die Billigdroge aus Menschen Gespenster macht, deren Gesichter keiner mehr herrichten kann. Aber das ist es ja nicht allein, das Zeug lässt einen erst mal durchhalten, man funktioniert besser damit, auf dem Acker, im Büro, sogar im Politikbetrieb. Und abends wird mit Meth dann alles, was geil ist, noch geiler. Die Geschichte von Regisseur Christian Schwochow und Autor Rolf Basedow über Jugendliche, die sich berauschen und lieben und töten, ist keine Moralpredigt.

Der Film behauptet nicht, er zeigt: Bilder voller Ambivalenz. Der grauweiße kalte Atem der Straße gegen den Schweiß beim Tanzen und Vögeln, das Kontrolliertsein im Alltag gegen die Hemmungslosigkeit nachts. Man sieht, was für ein Verderben diese Drogen sind. Aber, man kriegt auch eine Ahnung davon, wie cool es sich anfühlen kann, dieses Zeug zu nehmen.

Ein mutiger und berührender Tatort mit einer sehr tollen Hauptdarstellerin, Elisa Schlott, in deren Spiel sich Verderben aus Verführung entwickelt und Tod aus Tanz. Sie fühlt sich clean, aber die Erinnerungen sind stark, und dann schaut sie mit diesem verhangen sehnsuchtsvollen Blick unter ihrer Wollmütze hervor. Sie ist so unwirklich lieb und warm, wenn sie auf Droge ist: "Du siehst so schön aus", sagt sie zu ihrer Mutter, "du riechst so nach Mami." Und dann hüpft sie kichernd weiter, während Mami, lautlos weinend, den Kopf gegen die Tür lehnt.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

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