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Neue BR-Intendantin Wildermuth:"Dieses München ist auch ein Heimkommen"

Katja Wildermuth zur Intendantin des Bayerischen Rundfunks gewähl

Katja Wildermuth ist in einer Wohnung aufgewachsen, die davor Torwart Sepp Maier bewohnt hatte.

(Foto: Steffen Junghans/dpa)

Katja Wildermuth machte beim MDR und beim NDR Karriere. Wer glaubt, die neue Senderchefin des Bayerischen Rundfunks komme von weit her, täuscht sich aber.

Von Claudia Tieschky

Katja Wildermuth war nach der Wahl zur Intendantin an diesem Donnerstag in Unterföhring weder besonders aus dem Häuschen noch war sie cool. Sie hatte einen Blumenstrauß in der Hand und wirkte bewegt.

Zum ersten Mal wird der BR nun von Februar 2021 an von einer Frau geführt. Allein diese Tatsache poliert den einst als biederen Schwarzfunk verschrienen Münchner Sender auf. Das war das erklärte Ziel einer Allianz im Rundfunkrat, die sich aufmachte und, wie man hört, in der halben Bundesrepublik geeignete Kandidatinnen ansprach. Bis nach Hamburg führte die Suche, und die entschlossenen Headhunterinnen und Headhunter des BR fragten offenbar nicht nur Rundfunkfrauen. Nun zieht die erste Intendantin des BR von Halle aus nach München.

Wildermuth, 55 Jahre alt und bislang Programmdirektorin beim MDR, ist eine der erfolgreichsten Programm-Macherinnen nicht nur in der ARD. Sie hat beim MDR preisgekrönte Dokumentarfilme ermöglicht wie Hubert Seipels Putin-Porträt oder Night Will Fall über den nie vollendeten Film Alfred Hitchcocks über die befreiten Konzentrationslager 1945 in Deutschland. Unter ihrer Verantwortung entstand eine App, mit der man durch die Städte Mitteldeutschlands gehen konnte und sehen, wie sie sich seit der Wende verändert haben, oder das crossmediale Projekt "Breaking News Völkerschlacht", bei dem - ganz ähnlich wie beim BR-Projekt "Ich, Eisner" - ein historisches Ereignis noch einmal durchgespielt wird, allerdings mit den medialen Möglichkeiten der Gegenwart.

2016 ging sie als Kulturchefin zum NDR nach Hamburg, 2019 kehrte sie als Programmdirektorin zum MDR zurück. In der Corona-Krise ließ sie die Orchester des Senders durchs Land ziehen und Ständchen spielen, die sich die Hörer für ihre Alltagshelden wünschen konnten.

Wer aber denkt, der BR importiere nun eine Spitzenkraft von weit her, der irrt. Bestenfalls kann man von einem Re-Import sprechen. Denn Wildermuth ist in Anzing bei München aufgewachsen. "Ein ganz normales Dorfleben", sagt sie. Ins Gymnasium ging sie in Markt Schwaben, studiert und promoviert hat sie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Danach ging die Althistorikerin Wildermuth, anstatt eine aussichtsreiche Universitätskarriere mit einer Habilitation weiter zu verfolgen, in den Journalismus und in den Osten. 1994 kam sie als freie Autorin zum MDR. Denn "die Vorstellung, mich mit 2000 Jahre alten Quellen zu befassen, wo alles jetzt in der Gegenwart so spannend ist", schien ihr auf einmal absurd. "Dieses München ist auch ein Heimkommen", sagt sie. Über eine Kandidatur bei einem Sender in einer anderen Himmelsrichtung hätte sie gar nicht nachgedacht.

Wildermuth weiß, was sie für den BR will: Veränderungen ohne Verletzungen

Ihre Familie war, als Katja Wildermuth drei Jahre alt war, nach Anzing gekommen und bezog dort eine Wohnung, die davor der Torwart Sepp Maier bewohnt hatte, wie Wildermuth vorige Woche via Skype der SZ erzählte. Ob es mit dem früheren Bewohner, der "Katze von Anzing" zu tun hat oder nicht, hier fing sich Wildermuth eine solide Leidenschaft für Fußball ein: Erst immer Sportschau mit dem Papa, später war sie bei den Spielen ihres Sohnes - beide Kinder sind heute erwachsen - oft die einzige fußballvernarrte Mutter neben vielen Vätern am Spielfeldrand.

Das Kandidatenfeld wurde vor der BR-Wahl etwas grobmotorisch so aufgeteilt: Hier Wildermuth, die Frau vom Programm, dort Albrecht Frenzel, der Verwaltungsdirektor des Senders, der Zahlenmensch, was eigentlich beiden nicht gerecht wird. Und dann noch Christian Vogg, ein weitgehend unbekannter Außenseiter. Wenn Wildermuth über den BR spricht, wird sehr schnell klar, dass sie als Managerin deutliche Vorstellungen davon hat, wo sie hin will mit dem viertgrößten Sender der ARD. Zusammenfassen lässt sich das ungefähr so: Veränderungen ohne Verletzungen. Ob das geht?

Die längere Version, die sie selber formuliert, klingt so: "Alle werden weiter sparen müssen, weil die Rücklagen aufgebraucht sind und weil wir weiter Geld ins Digitale stecken wollen und müssen, um andere Zielgruppen zu erreichen." Mit Arbeitsverdichtung, sagt sie, komme man da an seine Grenzen, "da muss man aufpassen, dass die Qualitätsstandards bleiben". Sie spricht von einer "Priorisierungsdiskussion", die alle in den nächsten Jahren führen müssten "und die große Kunst wird darin bestehen, dass wir das konstruktiv und zuversichtlich tun". Das Corona-Jahr habe gezeigt, wie viel sich sehr schnell in einem Sender bewegen lasse: "Darauf können alle im BR sehr stolz sein. Aber ich höre hier und da eher Angst, dass man weggespart wird, wenn man etwas zusammen macht. Da gibt es auch wider besseres Wissen auf Seiten der Macher ein Gefühl: Wenn ich mich jetzt bewege, dann weiß ich nicht, wo das endet."

"Das Wichtigste ist, dass der Ton stimmt"

"Kopf hoch!", würde sie da am liebsten rufen wollen, sagt sie. Es klingt wie ein Trainer am Spielfeldrand, wenn die Mannschaft beim Dribbeln zu sehr auf die eigenen Füße schaut. "Priorisierungsstrategien entwickelt man am besten im Team. Das sind ja lauter kluge Leute in dem Sender. Das Wichtigste ist, dass der Ton stimmt."

Man darf annehmen, dass die BR-Mitarbeiter das gerne hören nach der Ära von Ulrich Wilhelm, unter dem der BR erst eine Verjüngungs-Kur für das Fernsehen und fast gleichzeitig ein rigides Sparprogramm zugemutet bekam. Einen österreichischen Fernsehdirektor, einen baldigen Umzug nach Freimann und den radikalen Umbruch aller gewachsenen Strukturen hin zu einer rein nach Inhalten und nicht mehr nach den Welten Radio oder Fernsehen organisierten Arbeitsweise. Die interne Kommunikation kam oft erst später als es gut gewesen wäre.

Wilhelms große Linien waren von einer großen Belesenheit geprägt, sie gingen weit und sehr grundsätzlich in die Zukunft, so grundsätzlich, dass es gelegentlich neben dem Neubau des BR auch noch um den Neubau einer europäischen Plattform für digitale Öffentlichkeit ging. Es dürfte im Sender jetzt aufmerksam registriert werden, wenn jemand eine gute Unternehmenskultur und gegenseitiges Vertrauen zum Regierungsprogramm macht.

In Halle lässt Wildermuth unter anderem eine Yogagruppe zurück und einen Literaturkreis, in dem einmal im Monat Theaterstücke gelesen werden. Als Intendantin hat sie jetzt ihre eigene Spielstätte. Am Abend vor der Wahl hat sie selbstverständlich das Champions League-Spiel geschaut.

© SZ/khil/biaz
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