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"Jane Eyre" auf Arte:Aufwendig, opulent, betörend

Es wird Herbst, und Historiendramen sind längst nicht mehr nur kinnmuskelanspannende Männer und reifrockrauschende Frauen. Arte erkennt den Trend zum attraktiven Eskapismus und zeigt eine vierteilige Verfilmung von "Jane Eyre".

Es ist zwar nicht so, dass man gerade dringend nach einer Jane Eyre-Miniserie gerufen hätte; aber die Stimmung des Serienzuschauers - der in Zeiten der DVD-Box ja immer häufiger auch Serieneinkäufer ist - ist auf jeden Fall gerade pro Historiendrama. Zum einen wird es Herbst. Zum anderen sind Historiendramen nicht mehr so, wie wir sie aus den 80er Jahren kennen, mit starrer Kamera, trostlosen Requisiten, ansonsten vielen kinnmuskelanspannenden Männern und reifrockrauschenden Frauen. Im Gegenteil: Qualität und Aufwand sind heute hoch wie noch nie, was sich im Fall von Downton Abbey mehr als bezahlt machte; so viel internationale Quote, crossmediales Interesse und Hype gab es noch nie in diesem Genre.

Jane Eyre - Episode 1

Jane Eyre (Ruth Wilson, li.) und Mr. Rochester (Toby Stephens, re.) - mehr als nur ein Arbeitsverhältnis.

(Foto: BBC/Mike Hogan)

Dazu zählen mittlerweile gar nicht mehr nur Korsettfilme, sondern auch hochglanzlackierte Produktionen wie Mad Men. Es scheint massiven Bedarf zu geben nach eskapistischen Trips in jene Zeitalter, als die sozialen Hürden das Leben übersichtlicher machten; ohne überraschende Aufstiegschancen, aber auch ohne mediales Dauerfeuer. Kurioserweise erscheinen einem manche viktorianische Heldinnen und Plots sogar moderner und näher als die Nicht-Abenteuer einer Betty Draper in Mad Men, die irritierend elegisch bleibt, wenn Männer sie betrügen, die Pillen wirft, auf Nachbars Tauben schießt oder ihre Kinder quält, während eine Jane Eyre oder die Charaktere bei Jane Austen gegen Erwartungen aufbegehren.

Nuanciert und selbstbestimmt

Es ist schon die sechste Jane-Eyre-Adaption der BBC. Gleich vorweg: Sie ist gelungen. Drehbuch und Regie, beides in weiblicher Hand, sind an der Vorlage orientiert und am Tempo interessiert. Ruth Wilson spielt die Titelheldin, Fans der Serie Luther kennen sie bereits als psychopathische Serienkillerin. Die nimmt man ihr genauso ab wie hier die Jane Eyre, der sie ein frisches, modernes Gesicht gibt. Klar wirkt ihre Jane, nuanciert und sehr selbstbestimmt.

Kamera, Musik, Ausstattung Landschaftsaufnahmen, alles an dieser Produktion ist aufwendig, opulent, betörend; eben State of the Art und ein Beispiel dafür, wie das Fernsehen in gewissen Sparten wächst und das Kino überflügelt. Auf die Spuk-Effekte der schauerverliebten Charlotte Brontë hat man verzichtet; vernünftig, 165 Jahre nach Erscheinen und nach der x-ten Verfilmung hat sich rumgesprochen, dass auf Thornfield kein Gespenst umgeht, sondern nur die geistesverwirrte Frau von Mr. Rochester.

Dramaturgie und Dialoge des Buches wurden hier und da respektvoll gestrafft und modernisiert, sicherlich auch im Hinblick auf die Zielgruppe, denn die ist nicht anders als die Zielgruppe fast aller Historiendramen: Frauen von 35 an. Und die finden die Liebesgeschichte zwischen der erwachsenen Jane Eyre und dem mysteriösen Mr. Rochester sicherlich fesselnder als Janes entbehrungsreiche Jugend. Und, wenn alles gut geht, sogar interessanter als das Wi-Fi; zumindest diese vier mal 52 Minuten lang.

Jane Eyre, Arte, 20.15 Uhr; Teil drei und vier am 7. September, 20.15 Uhr.

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