Ultrarechte US-Plattform Der Mann, der Hillary Clinton für eine Kindermörderin hält

Gelöscht: Der Infowars-Podcast des Verschwörungstheoretikers Alex Jones.

(Foto: Alamy/mauritius images)
  • Alex Jones, Gründer und Betreiber der ultrarechten Plattform Infowars, verbreitet mit TV- und Radiosendungen Verschwörungstheorien.
  • Jetzt gehen große Technologiekonzerne wie Facebook und Apple wegen Hetze gegen seine Kanäle vor.
  • In den USA, wo die Meinungsäußerungsfreiheit so weit ausgelegt wird wie nirgendwo sonst, ist das eine heikle Entscheidung.
Von Alan Cassidy, Washington

Es kommt gerade einiges zusammen bei Amerikas größtem Verschwörungstheoretiker. Bisher lebte Alex Jones, Gründer und Betreiber der ultrarechten Plattform Infowars, ganz gut davon, dass er seine Sendungen und Kommentare nicht nur über seine Website verbreiten konnte, sondern auch über soziale Netzwerke wie Facebook oder Youtube - und über Streaming-Plattformen wie Apples iTunes oder Spotify. Er erreichte so ein beachtliches Publikum, das von ihm Sätze hörte wie diesen: "Wenn ich daran denke, wie viele Kinder Hillary Clinton persönlich ermordet, zerstückelt und vergewaltigt hat, habe ich null Angst, gegen sie aufzustehen."

Er sagte dies in einem Beitrag, der später von Youtube gelöscht wurde, doch insgesamt ließen die großen Technologiekonzerne Jones bei der Verbreitung seiner Inhalte relativ freie Hand. Das ändert sich jetzt - und wie. Am Montag bestätigte Facebook, dass man aufgrund von "wiederholten Verstößen gegen Community-Standards" die Hauptseite von Infowars sowie drei weitere von Jones betriebene Seiten dauerhaft gelöscht habe. Der Schritt folgte eine Woche, nachdem das Unternehmen bereits Jones' persönliches Facebook-Profil für 30 Tage entfernt hatte. Jones hat bei Facebook 1,6 Millionen Follower.

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Einem Sprecher zufolge hätten Facebook seither weitere Meldungen erreicht über Inhalte, die Gewalt verherrlichten und eine menschenverachtende Sprache gegenüber Transgender-Menschen, Muslimen und Einwanderern verwendeten. Die Löschung erfolgte also wegen Hetze - und nicht etwa wegen der Verbreitung von offensichtlichen Falschnachrichten.

Wenn Apple und Spotify Infowars-Podcasts löschen, bedeutet das großen Reichweitenverlust für Jones

Auch Apple geht nun gegen Jones vor. Der Konzern hat am Wochenende fünf von sechs Infowars-Podcasts von seiner Medienplattform iTunes entfernt. "Apple duldet keine Hassrede", sagte ein Sprecher gegenüber dem Nachrichtenportal Buzzfeed zur Begründung. Gelöscht wurden dabei nicht nur einzelne Beiträge, sondern gleich das ganze Archiv der betroffenen Infowars-Sendungen. Jones' Reichweite dürfte dieser Schritt empfindlich einschränken: Apples Podcast-Plattform ist der größte Anbieter auf dem Markt, insgesamt wurden darüber bis dato mehr als 50 Milliarden Downloads und Streams registriert.

Nummer zwei unter den Podcast-Anbietern ist Spotify. Dort wurde die Alex Jones Show mit allen bisher ausgestrahlten Episoden ebenfalls entfernt, wie das Unternehmen am Montag bestätigte. Vorige Woche hatte Spotify bereits einzelne Sendungen aus seinem Streamingdienst genommen. Einigermaßen schadfrei kam Jones bisher bei Youtube davon. Die zum Google-Konzern gehörende Videoplattform hat zwar zuletzt einzelne Kommentare und Sendungen entfernt, sein Kanal mit 2,4 Millionen Abonnenten besteht aber weiterhin.

Der großflächige Bann der Technologiefirmen ist wohl auch eine Reaktion auf die zunehmenden Proteste, die Jones und seine Infowars-Plattform in den sozialen Medien zuletzt auf sich gezogen haben. Es ist auch nicht schwierig, sich über ihn aufzuregen. Jones ist ein bulliger Mann mit krächzender Stimme und einer fanatischen Anhängerschaft. Seine täglichen Kommentare zum aktuellen politischen Geschehen trägt er in seiner TV- und Radiosendung im Stile eines Nachrichtensprechers vor - mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass er dabei laut schreit und mit den Fäusten auf den Tisch haut.

Der heikle Punkt: Wie sehr sollen und dürfen die Technologiekonzerne inhaltlich eingreifen?

Neben bizarren Theorien wie der eingangs genannten über Hillary Clinton verbreitet Jones auch gern die These, wonach sich der Amoklauf an der Grundschule von Sandy Hook 2012 gar nicht zugetragen habe. In Texas haben ihn die Eltern eines getöteten Kindes deshalb wegen Verleumdung angeklagt. Zuletzt nannte er Robert Mueller, den Sonderermittler in der Russland-Untersuchung, einen "Pädophilen" und ein "Monster" und wedelte dabei mit einer imaginären Pistole in der Luft herum.

Für viele sind die Maßnahmen gegen Jones und Infowars überfällig, doch sie berühren auch einen heiklen Punkt: die Frage nämlich, wie sehr die Technologiekonzerne inhaltlich eingreifen sollen und dürfen. In den USA, wo die Meinungsäußerungsfreiheit so weit ausgelegt wird wie nirgendwo sonst, sind die Hürden für solche Schritte hoch. In jüngster Vergangenheit mehrten sich deshalb Stimmen, die von den Konzernen forderten, klare und transparente Richtlinien aufzustellen. Wie die Argumentationslinie bei vielen im rechten Lager aussieht, zeigte sich in den Reaktionen am Montag. Es handle sich um "politische Zensur", schrieb Infowars-Chefredakteur Paul Joseph Watson bei Twitter. Von Alex Jones gab es dafür einen Retweet.

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