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Maybrit Illner:Fragen, Sorgen - und ein Lichtblick

Maybrit Illner

Maybrit Illners Runde erfindet das Corona-Rad nicht neu, aber stellt die richtigen Fragen und benennt Aufreger-Themen in der Pandemie.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Der Talk mit Maybrit Illner erfindet das Corona-Rad nicht neu, sorgt aber gerade darum für wohltuende Unaufgeregtheit.

TV-Kritik von Hans Hütt

Illners Runde treibt erneut das Virus um. Bei Corona gibt es da eine neue Gefährdungslage. Sind die Mutationen schon im Land? Warum wissen wir das nicht?

Im abwaschbaren Studio befinden sich neben der Moderatorin: Claudia Kade, die Politik-Ressortleitung der Welt, dann Karl Lauterbach, der Epidemiologe und Gesundheitsökonom von der SPD. Als lockerndes Element und wohltuend besonnen: Eckart von Hirschhausen, selbst Arzt und gerade Proband einer klinischen Corona-Impfstudie. Zugeschaltet sind Eva Hummers, Mitglied der Ständigen Impfkommission, etwas an den linken Bildrand gedrängt der Ministerpräsident Sachsens, Michael Kretschmer von der CDU, und mittig wie das Bild vom röhrenden Hirsch in Großvaters Wohnzimmer: der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU im "Einzel-Gespräch".

Man erfindet auch bei Illner das Corona-Rad nicht neu, aber stellt die richtigen Fragen, benennt auch Aufreger-Themen: In Berlin war ein Weihnachtsbesuch aus Großbritannien mit der neuen Mutation infiziert. Deutschland ist bei der Überwachung des Virus nicht so schnell wie die Briten. Deutschland kann immer nur mutmaßen. Lauterbach: "Das ist höchst gefährlich." Sachsens Ministerpräsident Kretschmer: "Wir werden darüber sprechen, was wir zusätzlich tun können." Impferin Hummer: "Es fehlt an Impfstoff." Journalistin Kade: "Das Virus hat Jens Spahn schon wieder überholt."

Die Bundeskanzlerin sei höchst besorgt, sagt Kade. Weitere Verschärfungen, davon ist Merkel überzeugt, seien unvermeidlich. Die Impfstoffentspannung in vielleicht sechs Monaten bietet aktuell nur schwachen Trost.

Lauterbach ist noch besorgter als sonst. Niemand habe mit einer so großen Mutation gerechnet. Das sei, als starte eine neue Pandemie. Wenn sich das ungebremst verbreite, komme das Impfen zu spät. Die Mutation sei nicht gefährlicher. Aber wenn zu viele sich infizieren, gebe es auch sehr viel mehr Tote.

Eckart von Hirschhausen will mit seiner Teilnahme an einer klinischen Studie für den Impfstoff einer Tübinger Firma zeigen, was in der Forschung passiert. Es sollte alles viel schneller gehen. Das können sie alle mit Gastgeberin Illner gemeinsam im Chor singen.

Die Mutation gibt der Krise eine neue Dimension, da widerspricht Lauterbach niemand. In der Schalte sagt Jens Spahn: Einreiseregeln würden überarbeitet. So umgeht er die Frage, ob die Mutation nicht längst schon hier angekommen ist. Weil das Virus sich "durch uns" verbreitet, dürften wir uns nur noch so wenig wie möglich bewegen. Das langwierige Zulassungsverfahren in der EU sorge für mehr Vertrauen in die Impfstoffe. Das klingt wie der Eintrag in ein Poesiealbum. Später sagt Illner: "Es wird zu viel in den Heimen gestorben." Was für ein Satz!

Lauterbach lenkt die Aufmerksamkeit auf Babyboomer mit Übergewicht. Bei ihnen komme es oft zu schwersten Verläufen, nicht nur bei Greisen. Frau Hummer berichtet von ihren Impfeinsätzen in den Pflegeheimen. Die alten Menschen seien froh und dankbar. Bei Pflegekräften sei noch Überzeugungsarbeit nötig. Mit Pflicht komme man da nicht weit.

Michael Kretschmer hatte sich im Oktober gegen härtere Maßnahmen gewehrt. Er habe, wie er kürzlich berichtete, erst Mitte Dezember nach einem Krankenhausbesuch erkannt, wie dramatisch die Lage sei. Das ist, angesichts der Daten, über die seine Staatskanzlei verfügt, auch bedrückend spät.

Der Lichtblick in der Runde ist Hirschhausen. Er findet das Wort "Herdenimmunität" furchtbar. Besser sei es, von "Gemeinschaftsschutz" zu reden.

Nun geht es aber wieder um das Impfen. Was kann der Impfstoff? Er kann schwere Erkrankungen verhindern. Die ganze Welt schaut nach Israel, den Impfweltmeister, mit hohen Ansteckungszahlen. Schaffen sie die Wende? Oder kommt es auch bei Geimpften zu Infektionen?

Die Länderchefs werden in der kommenden Woche entscheiden, was sie den Menschen an weiteren Härten zumuten. Es gelte, die Infektionswelle zu stoppen, mahnt Lauterbach wieder. Er plädiert dafür, die dramatische Lage gut zu erklären, plädiert dann aber auch für einen harten Lockdown. Alle sollen zwei bis drei Wochen zu Hause bleiben, dann wäre das Virus tot. Michael Kretschmer meint dagegen: Das Land dürfe aber auch nicht wirtschaftlich kollabieren. So klang er schon im Oktober. Versöhnlich räumt er ein, es gebe noch Luft nach oben für Verbesserungen.

Der Zuschauer ist coronaerschöpft, die Talkshows sind es immer noch nicht. Mal sehen, was kommende Woche im Kanzleramt herauskommt.

© SZ/beg
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