Hörspiele:Engel sein, das wäre schön

Lesezeit: 2 min

Hörspiele: Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Ayeda Alavie und Jan Costin Wagner erfinden in ihren Hörspielen sympathische Figuren, die nur noch einen sehr losen Kontakt zur Realität haben.

Von Stefan Fischer

Wenn man stumm wird und unsichtbar, wenn man verschwindet - dann kann einem doch nichts mehr passieren, oder? So reimt sich die Hauptfigur aus Ayeda Alavies Hörspiel Die, die besser sind als wir die Dinge zusammen. Sie ist ein sechsjähriges Mädchen, gespielt von Enea Boschen, und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sie gemeinsam mit ihrer Mutter unsichtbar wird.

Die beiden leben inzwischen in einem geheimen Haus, wie es das Mädchen nennt - ein Frauenhaus, in dem die Mutter Zuflucht gefunden hat vor ihrem gewalttätigen Freund. Dem Mädchen hat er die Hand gebrochen, so fest hat er zugepackt, weil ihm irgendeine Kleinigkeit nicht gepasst hat.

Lärm zum Beispiel mag er nicht, und so hält sich das Mädchen selbst in dem Frauenhaus, in dem es sicher vor ihm ist, Ameisen als Haustiere, die es mit Brotkrümeln füttert. Weil das die leisesten Tiere sind, die es kennt. Leiser noch als Schildkröten.

Was diese Ich-Erzählerin berichtet über ihr Leben und das ihrer Mutter, hält sie für die Normalität. Insofern spricht sie ganz unbefangen. Einerseits schützt ihre kindliche Naivität sie. Andererseits lässt sie sie abgleiten in Fiktionen, aus denen sie womöglich nicht wieder so leicht herausfinden wird. Alexandra Distler hat diesen nuancierten Text behutsam inszeniert. Sie lässt Dinge offen, erklärt nichts aus, psychologisiert nichts. Sondern lässt sich gemeinsam mit Enea Boschen ein auf diese eskapistische Weltwahrnehmung.

Der Vater lebt in der Zukunft, die Mutter in der Vergangenheit. Und die Kinder?

Auch Jan Costin Wagner bewegt sich in seinem Hörspiel Sakari lernt, durch Wände zu gehen an den Rändern dessen, was die meisten Menschen als die Realität bezeichnen würden. Vordergründig ist es ein Krimi. Ein junger Mann, der sich auffällig verhält - er steigt nackt und mit einem Messer bewaffnet in einen Brunnen am Stadtplatz - wird von einem Polizisten erschossen. Der Beamte kann sich sein Handeln nachträglich nicht erklären.

Um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, versucht er, mehr über den Jungen namens Sakari herauszufinden. Der Polizist landet schnell bei einem Unglück und bei einer aus der Bahn geworfenen Nachbarsfamilie: "Ein Vater, der in der Zukunft lebt, die nicht kommt. Eine Mutter, die in der Vergangenheit verharrt, die nicht vergeht. Und die Kinder allein im Hier und Jetzt."

Die Krimihandlung treibt lediglich die Handlung voran. Im Kern geht es um Figuren, die keine Anker mehr haben, nicht in der Wirklichkeit um sie herum, nicht mehr in einem sozialen Kontext, in Freundschaften oder der Familie etwa. Nicht nur Sakari möchte, als er noch lebt, am liebsten ein Engel sein und durch Wände gehen können. In eine andere Welt, in der nichts von dem existiert, was ihn belastet. Wieder geht es nicht darum, Figuren zu psychologisieren oder zu pathologisieren. Sondern parallele Möglichkeitsräume auszuloten, sich eine Fiktion mit ihren eigenen Gesetzen auszumalen.

Die, die besser sind als wir, Bayern 2, 27. August, 15.05 Uhr.

Sakari lernt, durch Wände zu gehen, DLF Kultur, 29. August, 22.03 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Serien des Monats Juli
:Die Frage nach Walter White

Matthias Brandt in "King of Stonks", Psychospielchen im Knast und die finale Staffel von "Better Call Saul": die Serien des Monats.

Lesen Sie mehr zum Thema