Hörspiel "Die Don Quijotinnen":Zum Wohl aller

Lesezeit: 1 min

Im Namen des Volkes: Alleinerziehenden Müttern wird im Hörspiel "Die Don Quijotinnen" der Prozess gemacht.

Von Stefan Fischer

"Alle beteiligen sich an Wachstum und Weiterentwicklung mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften", bellt der Richter den drei Angeklagten entgegen. Man lebe schließlich in einer Leistungsgesellschaft, sogar in einer solidarischen. Solidarisch sein bedeutet für den Richter jedoch nicht, dass die Stärkeren die Schwächeren schützen, sondern dass alle der Wirtschaft umfassend zur Verfügung stehen.

Inszeniert hat diesen absurden Gerichtsprozess die Autorin Ulrike Müller in ihrem Hörspiel Die Don Quijotinnen oder Was kostet die Kindheit? Auf der Anklagebank sitzen drei alleinerziehende Mütter, E., S. und P., die sich vorhalten lassen müssen, sowohl das Gemeinwohl als auch das Kindeswohl ihrer Söhne und Töchter zu missachten. Das Gemeinwohl, weil sie nicht genügend zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, das Kindeswohl, weil ihre Kleinfamilien materiell schlechtergestellt sind als der Durchschnitt.

Müller hat für das Stück Interviews mit Alleinerziehenden geführt und dieses dokumentarische Material anschließend fiktionalisiert. Nun könnte man den Richter mit seiner Fixierung auf Geld und zählbaren Nutzen natürlich als Lachnummer abtun. Doch in dieser Karikatur einer Figur - Care-Arbeit kenne er nicht, nur Kehrwoche - kulminiert vieles von dem, was es an gesellschaftlichen Vorbehalten gegenüber Alleinerziehenden und ihren Kindern gibt.

Die Angeklagten müssen sich rechtfertigen für ihre Lebenssituation

Die drei Frauen müssen sich entblößen vor diesem Gericht: in biografischer, finanzieller, sexueller, emotionaler Hinsicht. Müssen sich rechtfertigen dafür, dass sie keinen Mann haben und trotzdem Kinder, nicht mehr in ihrem erlernten Beruf arbeiten, andere Ideale als Karriere und klassische Mutter-Vater-Kind-Familien haben.

Am Ende sollen die Frauen ein Lebenspuzzle zusammensetzen und den Beruf der einen, die Gesundheit der anderen, die finanziellen Mittel der Dritten miteinander verbinden. Wenn es ihnen glückt, ein zufriedenstellendes Bild zu erschaffen, würde er sie freisprechen, verspricht der Richter. Sie müssten sich halt mal ein bisschen anstrengen.

Die Don Quijotinnen oder Was kostet die Kindheit?, RBB Kultur, Freitag, 19 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Podcast-Tipps im Juni
:Das sind die Podcasts des Monats

Kantaten, Kicker und Klone: unsere Empfehlungen für Juni.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB