Hörspiel "Goldmädchen":Die Zauberlehrlinge

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(Foto: Stefan Dimitrov (Illustration))

Wehe, wenn Wünsche sich radikal erfüllen: Ein Hörspiel über das fatale Glück von vier Frauen.

Von Stefan Fischer

Was wäre, wenn Menschen etwas in absoluter Perfektion beherrschen würden? Oder wenn ihre hervorstechendste Eigenschaft über alle Maßen dominant wäre? Sébastien David spielt vier solcher Szenarien durch in seinem Hörspiel Goldmädchen, das Anouschka Trocker für den Saarländischen Rundfunk und Deutschlandfunk Kultur inszeniert hat.

Um vier Frauen geht es, die ihren ins Monströse wuchernden Fähigkeiten oder Prägungen nicht mehr entgehen können. Da ist zum einen das Goldmädchen aus dem Titel, die Frau arbeitet in einer Bank. Und der Wunsch, vollkommen zu sein in ihrem Beruf und in ihrem Leben, führt dazu, dass sie irgendwann alles, was sie berührt, in Gold verwandelt. Auch ihre Sekretärin, auch Stück für Stück ihren eigenen Körper, wenn sie sich berührt.

Die zweite Frau ist eine erfolglose Schriftstellerin und große Zweiflerin. Von ihren Texten fürs Theater gibt es jeweils Dutzende Fassungen, sie kann sich nicht entscheiden, welche die richtige ist, die beste, diejenige, die sie an Theatern und bei Verlagen einreichen soll. Irgendwann tauchen erste Doppelgängerinnen auf und dann immer mehr von ihnen. Die Zahl der Möglichkeiten und Textfassungen und Haltungen dazu steigt demnach exponentiell an. Gibt es noch ein Original, einen Ursprung? Und wenn nicht: Ist das schlimm?

Der größte Traum? Ein Pixel sein in einem Musikvideo von Kurt Cobain!

Nummer drei ist tot, wühlt sich jedoch aus ihrem Grab hervor - und wird gefeiert von den Lebenden. Ein Zombie, das finden die Lebenden cool, sie himmeln ihn an, von einem solchen wird man nur zu gerne Fan. Und so wird die (un)tote Frau, die so sehr nach dem Leben giert, von den Lebendigen nicht als Mensch gesehen, sondern nur als Projektionsfläche.

Aus dem realen Leben verschwindet schließlich auch die vierte Frau, die sich so tief in digitale Sphären begibt, dass sie zu einem Pixel wird. Das bringt sie zwar ihrem Jugendidol Kurt Cobain sehr nahe, weil sie sich in eines seiner Musikvideos hineinschmuggelt und zu einem Punkt direkt neben ihm wird. Aber was ist das für eine Nähe, wenn sie nicht verbunden ist mit Wärme und Emotion?

Goldmädchen lebt gleichermaßen von der Komik wie von der Tragik dieser vier Geschichten. Mit psychologischen Deutungsmustern halten sich der Autor und die Regisseurin nicht groß auf. Eher zielen sie auf gesellschaftliche Realitäten, die sie durch diese vollkommene Überdehnung und Verzerrung besonders kenntlich machen. Und welche Konsequenzen es letztendlich hat, welche Opfer es fordert, wenn man dem nachjagt, was besonders erstrebenswert erscheint.

Goldmädchen, DLF Kultur, 7. Juni 2023, 22.03 Uhr.

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