Debatte um Henri Nannen:"Eine höfliche Bitte"

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Debatte um Henri Nannen: Henri Nannen an seinem Arbeitsplatz als "Stern"-Chefredakteur im Januar 1978 - gestritten wird nun über seine Rolle in der früheren Vergangenheit, der NS-Zeit.

Henri Nannen an seinem Arbeitsplatz als "Stern"-Chefredakteur im Januar 1978 - gestritten wird nun über seine Rolle in der früheren Vergangenheit, der NS-Zeit.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Eine NDR-Recherche zur NS-Vergangenheit Henri Nannens löste Debatten aus. Nun fordern Angehörige des "Stern"-Gründers Änderungen des Beitrags.

Von Moritz Baumstieger

Mitte Juni ließ sich bestaunen, wie schnell sich Konflikte in Harmonie auflösen lassen: Die journalistischen Erben des Stern-Gründers Henri Nannen hatten in den Hamburger Osthafen geladen, um jenen Preis zu vergeben, den sie wieder in Nannens Namen ausgeschrieben hatten. Als Mitnominierte für eine Guantánamo-Recherche waren die Mitglieder der Redaktion des NDR-Formates STRG_F geladen, die die Gastgeber noch im Mai hart angegangen hatten: "Wir haben dem Stern 14 Fragen gestellt - keine einzige wurde beantwortet", schloss ein im Medienmagazin "Zapp" ausgestrahlter Beitrag zur Rolle Nannens im NS-Propagandasystem.

Die dann folgende Debatte führte jedoch zu einer Reaktion: Die Auszeichnung, die die STRG_F-Macher an jenem Abend in der Kategorie "Investigation" mitgewinnen sollten, hieß nun schlicht "Stern-Preis". "Manchmal braucht es Anstöße von außen", sagte der neue Chefredakteur des Blatts, Gregor Schmitz - nach kurzer Überlegung habe man Nannens Namen erst einmal gestrichen.

Sein Schreiben bezeichnet der Anwalt als "höfliche Bitte"

Zwei Wochen später zeigt sich, dass nicht alle aus dem Nannen-Kosmos so entspannt mit dem STRG_F-Beitrag umgehen. Medienanwalt Christian Schertz hat im Auftrag von Nannens Sohn Christian und der Enkel Stephanie und Jan-Oliver Nannen ein Schreiben an den NDR geschickt, das der SZ vorliegt. In dem Brief, der im Einvernehmen mit Nannen-Witwe Eske Nannen entstanden sei, wie Schertz im Gespräch mit der SZ betont, legt die Familie NDR-Intendant Joachim Knuth nahe, Teile der Recherche mit redaktionellen Hinweisen zu versehen, andere offline zu nehmen. "Angesichts der erheblichen Resonanz, die der Beitrag ausgelöst hat, ist unser Schreiben immer noch eine höfliche Bitte", so Schertz. Juristische Schritte behält sich die Familie jedoch vor.

Vor allem zwei Punkte stören die Angehörigen: Zum einen wird Nannen mit mehreren antisemitischen Flugblättern in Verbindung gebracht, die bei Nannens Propagandaeinheit "Südstern" entstanden und die NDR-Rechercheure nun in einem Archiv fanden. "Der Beitrag liefert aber keinen Beweis für eine Beteiligung Nannens", so Schertz, tatsächlich werde hier eindeutig das postmortale Persönlichkeitsrecht verletzt. Zum anderen fordern die Angehörigen den NDR auf, den Titel eines Zapp-Beitrags offline zu nehmen. "Nannen: Seine Rolle als Chef einer SS-Propagandaeinheit" ist der überschrieben - und damit recht zugespitzt.

Nannen war weder SS-Mitglied noch der nominelle Chef der Gruppe, das wird auch im Beitrag klar. Dass er informell aber eine führende Rolle bei Südstern innehatte, war schon 2014 im Stern zu lesen: "Sir Henri war der Boss", stand dort in einem Beitrag über die dunkleren Seiten des Übervaters. In diese Richtung argumentiert nun auch der NDR: Die Verantwortung von Henri Nannen für die Propagandaarbeit des "Südstern" sei "unstrittig", so eine Sprecherin.

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