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Hamburg und der Springer-Verlag:Manchmal sogar freundschaftlich

Zwar tranken Verleger, egal welcher Couleur, auch die im Norden ansässigen, den Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Besten. Bis auf Rudolf Augstein, der Bier vorzog. Zwar waren damals in Hamburg die Bösen von der linken Straßenseite - Zeit, Stern, Spiegel - allzeit zum Kampf bereit gegen die kampfesbereiten Bösen von der rechten - Bild, Welt, BamS. Falls man sich zufällig im Fußballstadion oder in der Oper traf, blieben Hände ungeschüttelt und zur Faust geballt in den Taschen. Die verschiedenen Tränken der auf beiden Seiten fest angestellten Kampftrinker galten für die jeweils andere Seite als No Drink Areas.

Die Verleger dagegen betrieben untereinander gepflegten und manche sogar freundschaftlichen Umgang. Als sich Axel Springer mal bei seinem alten Freund John Jahr beklagte, dass die Bösen vom Stern mal wieder in der ihnen eigenen Gemeinheit über ihn hergefallen seien, antwortete der ungerührt, er habe im Gegensatz zu ihm keinen Einfluss darauf, was in seinem Verlag erscheine, denn Journalisten seien, im Gegensatz zu denen in gewissen anderen Verlagen, bei Gruner + Jahr nun mal freie Geister. Und was den Kern seiner Beschwerden betreffe, solle er sich doch mal anschauen, was in seiner Bild-Zeitung so alles über das Privatleben anderer zu lesen ist.

"Väterchen wünscht . . ."

John Jahr schenkte aber bei passender Gelegenheit auch den Seinen, vertreten durch Henri Nannen, nichts. Hämische Beschreibungen angeblicher und tatsächlicher Liebschaften Springers seien heuchlerisch. Denn ihr seid nun bei Gott auch keine Mönche, nur nicht so bekannt wie Axel, auch nicht so attraktiv wie der (was Nannen anders sah) und deshalb uninteressant. John Jahr verabscheute vieles von dem, was wöchentlich im Stern stand. Aber er kam nie auf die Idee wie Springer oder seine agierenden Hofschranzen - "Väterchen wünscht . . ." war die übliche Einleitung in den Telefonaten - sich in die Redaktion einzumischen. Gerd Bucerius tobte regelmäßig alle paar Wochen und verlangte Entlassungen von diesen und besonders von jenem, aber der wies lustvoll treffend darauf hin, dass die Gewinne des von ihm geführten Schlachtschiffes Stern die damals defizitäre Zeit vor dem Untergang retten würden.

Unterschiedlicher konnten die Eigentümer, jeder auf seine Art im Herzen mehr Journalist als Kaufmann - Frauen spielten in den auf allen Seiten herrschenden Männerbünden nur als Ehefrauen oder bereit liegende Geliebte eine Rolle - nicht sein. Der unheilbare Zweifler Rudolf Augstein. Das selbstverliebte Instinktgenie Axel Springer. Der konservative Rebell Gerd Bucerius. Fürs Geschäft hielten sie sich hochbezahlte Manager, die Springer abschätzig Flanellmännchen nannte und bei mangelndem Erfolg, wie auch Chefredakteure in stattlicher Zahl, gut abgefunden feuerte. Springer ahnte nicht nur den Geschmack der Massen, er teilte ihn, weshalb Bild ein Riesenerfolg wurde, auch sein eigener Geschmack entsprach eher der Operette als der Oper, eher Lehár als Wagner.

Augstein gab öffentlich zu Protokoll, dass König Axel unter allen deutschen Verlegern, eingeschlossen dabei auch den Provinzfürsten Franz Burda, die "auflagenempfindlichste Nase" hatte. Die ihn verließ beim Erwerb der Welt, die über Axel Springers Tod hinaus ein defizitäres Blatt blieb. Henri Nannen, der sich einen Teufel darum scherte, wer unter seinem leuchtenden Stern gerade mal zufällig Verleger war, wurde von denen als gleichberechtigt akzeptiert. Er füllte ihnen die Kasse, sie verliehen ihm Macht. So wuchs zusammen, was zusammengehört, um wirtschaftlichem Druck zu widerstehen.

Allen Verlegern ging es - je nach Perspektive - um den wahren Journalismus und nie nur um die Ware Journalismus. Weshalb Druckerzeugnisse aus dem Bauer-Verlag in jenen Zeiten nicht einmal einer üblen Nachrede wert waren. Daran immerhin hat sich bis heute nichts geändert. Bei den ideologischen Kämpfen mischten außerdem der linksliberale freche Straßenköter Morgenpost in Hamburg mit, und Axel Springers Weltkind in der Mitten, das von ihm ganz persönlich gezeugte Hamburger Abendblatt. Parteienübergreifend abonniert von allen, die Wichtiges aus ihrer Stadt nie versäumen wollten.

Bleibt nur der Blick zurück im Zorn? Ach was.

Hamburg war die Medienmetropole der alten Bundesrepublik. In München, der heimlichen Hauptstadt, wurden zwar bessere Zeitungen verlegt, nicht nur die Süddeutsche, sondern auch die Abendzeitung, die damals wie die New York Times des Boulevard wirkte, also wesentlich. Frankfurt hatte gleich zwei wichtige, die FAZ und die Frankfurter Rundschau, Berlin nur eine, den Tagesspiegel. Aber die großen Dampfer ankerten auf der Elbe.

Die Verleger glaubten an das, was sie machten oder machen ließen. Kauften sich gegenseitig, je nach Standpunkt, die besten Journalisten weg, um an ihrem Standort noch besser zu sein. Was die Welt bewegte, wurde gedruckt: News, Tragödien, Enthüllungen, Aufklärung, Klatsch. Die einen bauten auf Information, die anderen schürten Emotionen, die einen druckten grauwertige Analyse, die anderen gerierten sich als Volkes Stimme.

Bleibt etwa nur der Blick zurück im Zorn über das Heute? Ach was. Wehmut ist zwar erlaubt, aber Schwermut unnötig. Denn die Medienhauptstadt Hamburg lebt.

Der Rauswurf ausgerechnet der vom Gründer Axel Springer besonders geliebten und von ihm gezeugten Blätter Hamburger Abendblatt und Hörzu, die das Fundament bildeten, auf dem er den Verlag zum größten Europas bauen ließ, ist nicht irgendein Deal auf dem Medienmarkt, aber auch kein Anlass für Totenglöckchen, an deren Seilen die üblichen Seilschaften der Theoretiker ziehen. Die Printschiffe mit Heimathafen Hamburg kämpfen in schwerem Seegang - Spiegel, Stern, Zeit, Brand eins, Manager Magazin, Geo, Brigitte usw. usw. - wohl wahr. Das hätte den Altvorderen gefallen, weil sie gefordert gewesen wären, was auch für die Heutigen verpflichtend ist. Denn jetzt müssen sie beweisen, dass sie verdienen, was sie bekommen.

Mathias Döpfner wird für seinen 920 Millionen-Euro-Deal vielleicht zum Unternehmer des Jahres gewählt, denn der Aktienkurs des Konzerns stieg danach um zeitweise fünfundzwanzig Prozent. Aber bei der Wahl zum Verleger des Jahres hat er die Finalrunde verpasst, obwohl er unter uns Journalisten mal zu den schönsten Hoffnungen berechtigte.

© SZ vom 27.07.2013/ihe
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