"Guardian"-Chef vor Innenausschuss Stiller Star Rusbridger

Die Parlamentarier wollten am Dienstag von Rusbridger wissen, ob er zustimme, dass sein Blatt die nationale Sicherheit gefährde. Rusbridger verneinte. Er wies darauf hin, dass jede Veröffentlichung sorgsam geprüft werde. Zudem habe der Guardian rund hundert Mal Kontakt zu Regierungsstellen aufgenommen, um eventuell mit der jeweiligen Veröffentlichung verbundene Risiken auszuschließen.

Innerhalb des Ausschusses herrschte eine klare Teilung. Die konservativen Abgeordneten sind gegen die Veröffentlichungen, sie befragten Rusbridger scharf und vorwurfsvoll. Die Abgeordneten von Labour und Liberaldemokraten waren ihm eher wohlgesonnen. In den etwas absurderen Momenten sollte Rusbridger darüber Auskunft geben, ob er sein Land liebe ("Ja"), und ob er, wenn er im Zweiten Weltkrieg in Besitz des geheimen Enigma-Codes gelangt wäre, diese Information an die Nazis weitergegeben hätte ("Nein").

Viel Kritik in den USA

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Drei Herren zeigen ihr Gesicht

In London stehen die Spitzen der britischen Geheimdienste im Parlament Rede und Antwort - erstmals vor den Augen der Öffentlichkeit. Besonders der Chef des GCHQ sieht sich nach den jüngsten Abhörskandalen unangenehmen Fragen ausgesetzt.   Von Christian Zaschke, London

Rusbridger ist im Zuge der Enthüllungen eine Art stiller Star geworden. Besonders internationale Medien wollten wissen, wer dieser 59 Jahre alte Mann mit der Wuschelfrisur und der schwarzen Brille ist, der, wie der New Yorker in einem elf Seiten umfassenden Portrait treffend feststellte, aussieht wie ein netter Bibliothekar. Seine Mitarbeiter sagen, die äußere Erscheinung des Chefs täusche darüber hinweg, wie hart und entschlossen er sein könne. Der Investigativ-Reporter Nick Davies sagt: "Er verfügt über ein wirklich nützliches Stück Ausstattung, das nicht viele Chefs ihr eigen nennen: ein Rückgrat."

Dass Rusbridger vor dem Ausschuss erscheinen musste, hat besonders in den USA viele Kritiker auf den Plan gebracht. Der Journalist Carl Bernstein, berühmt geworden durch die Enthüllung der Watergate-Affäre, die 1974 zum Rücktritt des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon führte, hat einen offenen Brief an Rusbridger geschrieben. Die Vorladung des Guardian-Chefs nennt er darin einen "Versuch von höchsten Stellen, den Fokus von der Politik und der exzessiven Geheimniskrämerei der Regierungen in den USA und in Großbritannien auf das Verhalten der Presse zu lenken".

Das amerikanische Komitee für Pressefreiheit hat direkt an das britische Parlament geschrieben, zwölf große Medienhäuser haben das Schreiben unterzeichnet, darunter die New York Times, der New Yorker und die Washington Post. In dem Brief heißt es: "Es ist unklug und kontraproduktiv, die Berichterstattung über die Snowden-Dokumente reflexhaft mit dem Verweis auf Sicherheitsbedenken zu kontern und Medien der Unterstützung von Terroristen zu bezichtigen, wenn sie ihrer Pflicht nachkommen, die Öffentlichkeit zu informieren." Die Amerikaner ziehen das Fazit: "Für den Rest der Welt sieht es dieser Tage so aus, dass die Pressefreiheit im Vereinigten Königreich bedroht ist."

Der Guardian, sagte Rusbridger am Dienstag, werde weiterhin mit der gebotenen Sorgfalt Snowden-Material veröffentlichen. Bisher habe das Blatt erst ein Prozent seiner Informationen öffentlich gemacht. Insgesamt, sagte er freundlich, liegen dem Blatt 58 000 Dokumente vor.