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Zweiteiler "Gotthard" im ZDF:Grenzenlose Unterhaltung

Gotthard

Kampf durch den Berg: Am 29. Februar 1880 kurz nach 11 Uhr morgens gelang den Mineuren beim Bau des Gotthardtunnels - hier in der Filmversion - der Durchbruch.

(Foto: ZDF und Daniel Ammann)

Deutsch-Schweizer Koproduktionen waren früher beliebt. Zuletzt schien das Verhältnis allerdings etwas abgekühlt. Jetzt ist mit dem Zweiteiler "Gotthard" ein neues Projekt der Zusammenarbeit zu sehen.

Vor dem Fenster von Hansruedi Schoch fliegt ein Flugzeug vorbei, ganz schön nah, Schoch schaut nicht einmal auf. Er ist in Gedanken im 19. Jahrhundert, damals, als der Tunnel zwischen Göschenen und Airolo ganz Europa in seinen Bann zog. Man könne so vieles an diesem Tunnel erklären, sagt Schoch, die Entstehung der schweizerischen Arbeiterbewegung zum Beispiel, die Vernetzung Europas. Insofern sei es nur logisch gewesen, diese Geschichte in einem großen Spielfilm zu erzählen, einem Zweiteiler, genau in dem Jahr, als ein neuer Tunnel zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin eröffnet wurde - und wieder einmal ganz Europa über die Überwindung der Berge nachgedacht hat. Gotthard, wie der Film ganz reduziert heißt, lief am dritten Adventswochenende im Schweizer Fernsehen an, von Montag an nun auch im Deutschen.

Für Hansruedi Schoch, Programmdirektor beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), ist die Koproduktion ein Beleg dafür, dass sich die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den Nachbarländern gut entwickelt. ZDF und ORF haben den elf Millionen Franken (gut zehn Millionen Euro) teuren Zweiteiler mitfinanziert, alleine, das sagt Schoch ungeniert, "kann SRF einen solchen Spielfilm nicht stemmen". Die Schweizer übernahmen die Hälfte der Kosten.

Wer an die Zusammenarbeit zwischen deutschem und schweizerischem Fernsehen denkt, hat vielleicht noch Thomas Gottschalk im Ohr, der enthusiastisch die Wetten, dass . . ?-Zuschauer in der Schweiz begrüßt. Kurz vor Einstellung der Show stiegen die Schweizer aus, weil es ihnen nicht schweizerisch genug war. Und sonst?

Der eingestellte Bodensee-Tatort, ein paar alte Aktenzeichen XY-Sendungen. Und: Die 1954 in Genf gegründete Eurovision, zu der früher einmal Sendungen wie Wünsch dir was oder Einer wird gewinnen gehörten - und die heute vor allem für den Eurovision Song Contest verantwortlich ist. Die Liste der Eurovisionssendungen, die man im Internet finden kann, enthält vor allem: sehr viele ehemalige Eurovisionssendungen.

Schnell entsteht der Eindruck: Die Zeiten der ganz großen Liebe sind irgendwie vorbei. Auch der Tatort aus Luzern, den die Deutschen anfangs aus Qualitätsgründen verschoben haben, wird oft kritisiert - nicht nur wegen seiner mittelprächtigen Synchronisation. Kann es sein, dass sich die Schweizer heute lieber auf ihre Regional-Kompetenzen konzentrieren?

Eine der beliebtesten Sendungen heißt SRF bi de Lüt, SRF bei den Leuten, also unterwegs zu der Schweizer Landbevölkerung, die ihrem Programm vor allem dann die Treue hält, wenn das eigene Dorf möglichst regelmäßig auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Ideen würden unbürokratisch hin- und hergeschickt, schwärmt der Programmdirektor des SRF

Hansruedi Schoch schüttelt den Kopf. Nein, absolut nicht. Es gebe eine ganze Reihe von Kooperationen, Quizsendungen wie Spiel für dein Land, Verstehen Sie Spaß? oder Volksmusik. "Allein in diesem Jahr acht Samstagabend-Produktionen", sagt Schoch, das sei doch nicht wenig. Dazu Gotthard - und viele weitere Projekte im fiktionalen Bereich, einige schon etwas länger her, wie zum Beispiel die Krimi-Serie The Team, bei der auch Belgien, Dänemark und Österreich beteiligt waren, andere "noch nicht spruchreif", wie zum Beispiel ein Wirtschafts-Zweiteiler aus der Bankenwelt.

Aber natürlich habe sich die Zusammenarbeit verändert. Es gebe weniger institutionalisierte Happenings wie Wetten, dass . . ?, bei denen die Schweizer immer "der kleine Bruder" waren. "Heute wägt man genauer ab, an welchem Punkt eine Zusammenarbeit sinnvoll ist", sagt Schoch, "und man ist mehr auf Augenhöhe." Drehbücher und Ideen würden unbürokratisch zwischen Mainz und Zürich-Oerlikon hin- und hergeschickt, schwärmt Schoch.

Es klingt jetzt doch etwas zu gut, um wahr zu sein. Unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Apparat?

Auf der anderen Seite beeilt man sich, diesen Eindruck zu bestätigen. Man produziere "immer wieder" gemeinsam Fernseh- und Kinofilme, heißt es zum Beispiel vom Südwestdeutschen Rundfunk (SWR), etwa den Fernsehfilm Stärke sechs oder den aktuellen Kinofilm Toky Heidi - Der Polder. Zudem habe sich das Schweizer Fernsehen nach 30 Jahren Pause in diesem Herbst wieder einmal an einer Folge Verstehen Sie Spaß? beteiligt.

Beim ZDF hört man Ähnliches. "Der SRF beteiligt sich trotz der Stärkung lokaler Produktionen weiterhin an der Realisierung vieler ZDF-Programme, beispielsweise bei Die Chefin, Der Alte oder Ein Fall für zwei", heißt es aus der Programmdirektion. Gotthard sei das bislang größte gemeinsame Projekt, man gehe davon aus, dass er "Ausgangspunkt für weitere Projekte" sein werde. Euphorie klingt anders. Zerwürfnis aber auch.

"Wir sind alle dabei, uns dem Medienwandel anzupassen" sagt Schoch in seinem Büro im Norden Zürichs. Mal hätten die Schweizer eine gute Idee, mal die Deutschen. "Es ist extrem interessant, sich da intensiver auszutauschen". Große Zweiteiler wie Gotthard, die richtig als Event beworben werden, haben in der Schweiz kaum Tradition, zu teuer. Ein guter Anlass, vom deutschen Know-how zu profitieren.

In der Schweiz reichten die Reaktionen auf den Zweiteiler von gnädig bis giftig

Nachdem Gotthard am 11. und 12. Dezember im SRF lief, kann man sagen: Mit Erfolg. Etwa eine Million Zuschauer sahen zu, wie sich die italienischen Mineure im späten 19. Jahrhundert durch den Berg kämpften, wie sie von Steinen erschlagen, von Seuchen dahingerafft wurden. Wie ihr Aufstand für bessere Arbeitsbedingungen mit Gewalt niedergeschlagen wurde - und wie sich ein deutscher Ingenieur, ein italienischer Marxist und eine geschäftstüchtige Schweizerin in einer vorhersehbaren Dreiecksgeschichte verstricken. Gedreht wurde in den Bündner Bergen, bei Prag und in einem Studio in Köln. Das Ergebnis ist für einen Fernsehfilm in Ordnung, Kino-Stimmung kommt aber nicht auf.

Die Kritik, die der Film in der Schweiz bekam, war durchwachsen: Die Neue Zürcher Zeitung etwa schnappte sich eins der absurdesten Zitate des Films ("Wir haben hier eine schöne Frau. Und du denkst nur an Steine!") und befand: "Hätten sie bei diesem Film doch nur etwas mehr an Steine gedacht." Andere waren gnädiger. Sie schrieben von "solider Fernsehunterhaltung" und freuten sich, dass dieser Meilenstein der Schweizer Geschichte überhaupt einmal filmisch umgesetzt worden ist.

Eines ist an dieser Kooperation in jedem Fall typisch: Die Schweizer Zuschauer sind schneller dran als die Deutschen. Gotthard lief eine ganze Woche früher. Beim Tatort sind es jeden Sonntag immerhin zehn Minuten.

Gotthard , ZDF, Teil 1 Montag, 20.15 Uhr, Teil 2 Mittwoch, 20.15 Uhr.