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Neue Staffel "Germany's Next Topmodel":"Ganz einfach, ich bin zu alt für den Scheiß"

GNTM 2020: Models auf einem Laufsteg im Münchner Olympiapark

Sie laufen wieder, die neue Staffel GNTM hat begonnen.

(Foto: ProSieben)

Heidi Klum trifft in der neuen GNTM-Staffel auf widriges Wetter - und auf Teilnehmerinnen, die die Show in Zukunft vielleicht weniger brauchen als umgekehrt.

Das Wetter macht schon mal nicht mit. Als Ort für den einzigen tatsächlichen Massencasting-Termin hat sich Heidi Klum in diesem Jahr das Münchner Olympiastadion ausgesucht - genauer gesagt: Den Betonplatz davor, auf dem man normalerweise ansteht, wenn man ins Stadion will.

Entsprechend eigenartig sind die wohl irgendwie spektakulär gedachten Drohnenaufnahmen des Geschehens: Aus der Vogelperspektive sehen wir einen weißen Laufsteg, halb überdacht, an dessen Rand ein Häufchen frierender Eltern oder Partner in Regen und Sturmböen, den Dauerstau auf dem Mittleren Ring, darin Autos, die auf Autobahnauffahrten auffahren. Ein Casting im Baumarkt hätte mehr Glamour. Heidis Laune tut das, zumindest vordergründig, keinen Abbruch - sie freut sich natürlich megaaaa, weil so viele Leute gekommen sind und seit Donald Trumps Amtseinführung hat man niemanden mehr eine Menschen-"Menge" so fehleinschätzen sehen.

Jede Teilnehmerin bitte nur ein "besonderes" Merkmal

Bewerberinnen gibt es unterdessen noch genug, auch wenn sich das Feld gegenüber den vergangenen Staffeln verändert hat: Nachdem Klum im vergangen Jahr Diversität noch als Trend der Saison erkannt zu haben glaubte, hat sich diese dann doch als ziemlich beständig erwiesen, weswegen auch in diesem Jahr wieder ein besonderes Augenmerk auf Frauen mit allerlei Merkmalen gelegt wird, die Klums Wahrnehmung von "Einzigartigkeit" entsprechen: Transfrauen, Tätowierte, schwarze Frauen, Frauen mit "Kurven" - natürlich nur in Maßen, und bitte jeweils mit nur einer "besonderen" Eigenschaft: Eine dicke, tätowierte Transfrau würde den Massengeschmack dann doch überfordern.

Das Gros der Bewerberinnen sieht unterdessen weiterhin aus wie eh und je, darf wie immer aufsagen, dass das hier die Chance ihres Lebens sei. Und während wir einen kleinen Teaser auf kommende Folgen sehen, in denen sich die Teilnehmerinnen vollkommen nackt vor einem Millionenpublikum am Strand räkeln müssen, hören wir den Teilnehmerinnen-Satz, dass das hier "einfach der Traum von jedem Mädchen" sei. Gast-Juror und Modeschöpfer Julien MacDonald, der neben Klum erstaunlich herzlich und offen wirkt, sagt an einer Stelle leicht entnervt, dass Models nun mal "nicht gerade die intelligentesten Kreaturen" seien.

Zumindest bei einem Teil der Bewerberinnen dürfte er sich hier aber irren. Einige von ihnen dürfen sich mit einer Selfie-Kamera vorab selbst vorstellen und durch ihren Alltag führen - und anhand dieser Clips merkt man, dass sie das heutzutage im Gegensatz zum antiquierten Laufsteg wesentlich zugänglichere Mittel zur Werbeflächen-Werdung längst mit links beherrschen: das Selbstinszenieren als Influencer. Erniedrigungen durch Klum und dämliche Übungen an senkrechten Catwalks an irgendeinem Ende der Welt sind mittlerweile nicht mehr notwendig, um als kleine, aber lukrative Instagram-Ich-AG völlig unabhängig von Heidis Knebelverträgen zur Marke zu werden.

Wenn nicht bei Heidi, dann eben woanders

Teilnehmerinnen erwähnen ihre Bands, ihre angeblich bereits laufende Karriere in Mailand, schielen mit einem Auge bereits auf das nächste Event, das ihnen mehr Bekanntheit verschaffen könnte. Eine Kandidatin mit Ein-Millimeter-Frisur antwortet hier sympathisch ehrlich, als sie nach dem Grund ihrer Teilnahme gefragt wird: "Wenn ich im Fernsehen auftauche, könnte es mir weiterhelfen". Wenn nicht bei Heidi, dann eben woanders.

Realistisch gesehen ist keine von ihnen länger auf irgendeine Topmodel-Qualifizierung angewiesen. Vielleicht ist es sogar umgekehrt: Heidi ist von ihnen abhängig, um relevant und zeitgemäß zu bleiben. Gerade bei denen, deren heuchlerisch gepriesene "Einzigartigkeit" in den vergangenen fünfzehn Jahren noch absolutes Ausschlusskriterium war, und nun plötzlich jeder Marke als freakiges Accessoire dienen soll - sei es Pro Sieben, Heidi Klum oder die im Gewinnspiel beworbenen Elektroautos. Die erwähnte, ehrliche Kandidatin verlässt die Sendung noch vor Heidis Urteil dann schließlich freiwillig. "Wie kannst du dich einfach so entscheiden, kein Model werden zu wollen?", ruft ihr der Gast-Juror nach. Eine darauf ziemlich passende Antwort hat sie bereits vorher in der Umkleide gegeben: "Ganz einfach, ich bin zu alt für den Scheiß."

© SZ.de/mxm/thba
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