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"Gestern waren wir Fremde" in der ARD:Alles befreiende Zerstörung

Gestern waren wir Fremde

Sprachlos: Karl (Thomas Thieme) und Tochter Sophie (Lisa Wagner, rechts).

(Foto: ARD Degeto/Bernd Schuller)

Die Mutter stirbt den Unfalltod, doch das vergiftende Familiengeheimnis ist noch da. Was bleibt, ist ein Vater, der aus dem Leben zu kippen droht. Und eine Tochter, die nicht lieben kann. Erst als sie es lernt, beginnt er zu reden - und ermöglicht die notwendige Katharsis.

Man könnte jetzt über die außerordentliche Dramaturgie dieses Films reden, darüber, was ein Familiengeheimnis anrichten kann, wie man es von Anfang an in die Seelen der Menschen einpflanzt und wirken lässt, unausgesprochen, alles vergiftend, bedrohlich.

Wie man es mehr als eine Stunde lang über der Szenerie hängen lässt, mit feinen Andeutungen, unerklärbaren Blicken, verschmähten Geschenken, ohne je alles zu verraten und auch ohne die Charaktere zu erdrücken. Das ist mehr, als der deutsche Fernsehfilm in den allermeisten Fällen zustande bringt.

Was er hingegen immer wieder zustande bringt, sind Eröffnungssequenzen wie diese: Da wird alles, was noch kommen wird, übereifrig angelegt. Menschen reden, wie sie im wahren Leben nie reden. Über allem plätschernde Musik.

Eine junge Frau verlässt den Zug, redet am Telefon von Kostenaufstellungen - Karrieristin. Sie merkt, dass sie etwas im Zug vergessen hat - Chaotin. Zu Hause warten: ein dreckiges Auto, ein leerer Kühlschrank, der Vogel der Nachbarin. Und, was ein Zufall, vor dem Zug steht ein junger Mann, dem sie Unterlagen an den Kopf knallt, beim Metzger steht er gleich wieder: "'N hübsches Kleid." Und dann ist er auch noch ins Penthouse drüber eingezogen.

Aber über all das fegt Lisa Wagner hinweg, ihre Sophie Ferber ist ein Ereignis. Sie ist kurios, zielstrebig, verletzlich, plump, kindlich, emotional, abweisend, alles in einem. Wie sie plötzlich vor der Tür dieses neuen Nachbarn (André Szymanski) auftaucht, im rosa Kapuzenpulli, wortlos; wie sie die Türe schließt von innen und die Augen verdreht und herumkaspert, irritiert von der eigenen Courage, sehr aufgeregt.

Fein und brutal zugleich

Grimme-Preisträgerin Lisa Wagner spielt diese junge Frau, als gäbe es kein Skript. Winzige Bewegungen, Gesten und oft genug Worte, die nicht gesagt werden. Nicht gesagt werden müssen.

Als ihre Mutter (Julia von Sell) sie besucht, mit Blumen im Arm: Wie die Tochter da jeden einzelnen Schrank in der Küche öffnet, nur um dem Blick der Mutter zu entkommen, als die nach dem Neuen fragt. "Ach, Mama." Wie sie Mutter und Freund einander vorstellt: "Mama - Max - Max - Mama." Oder wie sie mit dem Vater im Krankenhaus steht, nach dem Unfall der Mutter. Wie der große, fremde Vater (Thomas Thieme) wankt. Hinter Glas. Kein Arzt, der sagt: Mein Beileid. Kein Wort. Nur der Vater, der fällt, und die Tochter, die ihn hält. So fein und brutal zugleich.

Eine Szene, die ausnahmsweise nicht verwässert wird von der dräuenden Musik, die sich über viel zu viele Szenen legt.

Was bleibt, sind Vater und Tochter, zwei sehr beeindruckende Schauspieler, die es immer weiter mit sich herumtragen, das alles zerstörende Familiengeheimnis. Am Grab der Mutter grummelt der Vater wankend vom Alkohol, dass keiner seine Frau kannte. Als die Tochter endlich weinen kann, ist es das, was sie am meisten verletzt.

Da ist ein alter Mann, der droht, aus dem Leben zu kippen. Und eine Tochter, die nicht lieben kann. Als sie es dann doch endlich kann, muss der Vater reden. Eine alles zerstörende Befreiung.

Gestern waren wir Fremde , ARD, 20.15 Uhr.