Gendersternchen im Radio:"Allein die Ankündigung hat wahnsinnig viele Reaktionen ausgelöst"

Lesezeit: 2 min

Karen Schmied; Karen Schmied

Karen Schmied ist Programmchefin bei Radio Fritz, dem Jugendkanal des RBB.

(Foto: Ben Wolf/rbb)

Radio Fritz spricht als erster Sender der ARD die Nachrichten mit einem Gendersternchen. Programmchefin Karen Schmied erklärt, welche Effekte das hat.

Interview von Viola Blomberg

Seit dem 1. September gibt es bei Radio Fritz die gegenderte Sprechweise. Damit ist der Jugendkanal vom RBB der erste Sender bei der ARD, der zukünftig alle Nachrichten mit einem Gendersternchen sprechen wird. Fritz-Programmchefin Karen Schmied im Interview über die Erwartungen eines sehr jungen Publikums, eine neue Art des Sprechens, und die Kritik, die reinkommt.

SZ: Frau Schmied, wieso halten Sie es für nötig, dass das Gendersternchen in Ihren Nachrichten mitgesprochen wird?

Karen Schmied: Bei Fritz gendern wir ja schon länger, indem wir immer die weibliche und die männliche Form benutzen - auch in den Nachrichten. Das heißt, wir sagen "die Lehrerinnen und Lehrer" statt nur von "den Lehrern" zu sprechen. In der Redaktion haben wir lange darüber diskutiert, aber letztlich haben uns zwei Dinge dazu bewegt, das Gendersternchen auszuprobieren. Erstens herrscht bei unseren Hörerinnen und Hörern, die mit durchschnittlich 14 bis 29 Jahren sehr jung sind, ein größeres Bedürfnis nach Gendergerechtigkeit, auch in der Sprache. Zweitens verbreitet sich das Gendersternchen in der Schriftsprache immer mehr - sei es in Stellenausschreibungen, in den sozialen Netzwerken oder in E-Mails. Im internen Schriftverkehr benutzen wir das auch.

Wie hörst sich das Gendersternchen an?

Ich bleibe bei dem Beispiel "Lehrer*innen": Man deutet eine kleine Pause zwischen dem männlichen Wortstamm und der weiblichen Nachsilbe an und betont dann das "i". Unsere Nachrichtenkolleginnen und -kollegen haben sich auch mal selber aufgenommen und waren überrascht, wie gut das Sprechen mit Gendersternchen funktioniert. Im Endeffekt war die Hürde eigentlich gar nicht so hoch, wie wir selbst angenommen hatten.

Ändert sich dadurch inhaltlich etwas?

Nein, uns geht es wirklich nur darum, wie wir die Menschen ansprechen. Vor zwei Jahren wurde in Deutschland ja auch das dritte Geschlecht im Gesetz verankert. Mit dem Gendersternchen wollen wir diese Haltung zur Vielfalt unterstützen.

Kritiker sagen, das Gendersternchen behindere den Sprachfluss.

Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen. Wir haben es schließlich ausprobiert und gemerkt, dass es klappt. Klar, es ist eine Umgewöhnung, aber es stört nicht. Wir wollen aber auch niemanden zwingen. Wir testen die gegenderten Nachrichten circa drei Monate und schauen, was wir für Reaktionen bekommen.

Rechnen Sie denn mit Beschwerden?

Allein die Ankündigung hat wahnsinnig viele Reaktionen ausgelöst. Dass das Gendern ein polarisierendes Thema ist, haben wir vorher geahnt, aber jetzt haben wir die gesamte Bandbreite gespürt: Es wurde sehr viel und sehr emotional kommentiert. Unterm Strich zur Hälfte pro und zur Hälfte kontra.

Trotz mancher Änderung hat sich das Gendern in deutschen Medien noch nicht in der Breite durchgesetzt. Woran liegt das?

Da kann ich nur vermuten, aber vielleicht liegt es daran, dass viele noch nie richtig ausprobiert haben, wie sich das Gendersternchen gesprochen anhört. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man solche Diskussionen scheut, wie wir sie im Sender jetzt gerade führen.

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