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Schwerpunkt: Männlichkeit in der Literatur:"Na, biste am Händchenhalten?"

JJ Bola

Setzt sich für diversere Männlichkeit ein: Der Schriftsteller und Sozialarbeiter JJ Bola.

(Foto: Hanser Verlag)

Der Autor und Streetworker JJ Bola erklärt, dass die Idee des dominanten Mannes ein Hindernis für Nähe ist, wie Männer unter überholten Klischees leiden - und warum Gangsta Rap ein Teil des Problems ist.

Interview von Jonathan Fischer

In Zeiten von Trump, "Me Too" und der von männlichen Machtfantasien getriebenen Attentäter wird der Begriff "Männlichkeit" oft mit Adjektiven wie "toxisch", "fragil" und "überholt" verbunden. Das verunsichert viele Männer. Der in London lebende Autor und Sozialarbeiter JJ Bola flüchtete im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie aus dem Kongo, wuchs in Tottenham auf, studierte Psychologie und Kreatives Schreiben. In seinem Buch "Sei kein Mann" untersucht er, wie Männer alte, von populären Mythen gespeiste Formen der "Männlichkeit" verlernen können.

SZ: Herr Bola, Jahrzehnte des Feminismus haben alte Männerklischees längst aufgeweicht, denkt man. Warum sie jetzt noch einmal ins Gespräch bringen?

JJ Bola: Der feministische Diskurs hat Erfolge für Frauen gezeitigt, das zeigt schon das öffentliche Interesse an der "Me Too"-Debatte. Wir müssen aber einmal darüber sprechen, dass Männer nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer ihrer Selbstbilder sind. Wenn man ihnen die alten Rollen nimmt und keine neuen anbietet, dann bleibt vor allem Verunsicherung, Wut, Leiden. Ich arbeite seit vielen Jahren in London in der Sozialarbeit für Männer mit psychischen Problemen. Da erlebe ich, dass wir Männer viel verletzlicher sind, als wir zugeben. Unsere Selbstbilder verursachen enormes Leiden.

In welcher Hinsicht?

Schauen Sie, wie viele Männer unter seelischen Krankheiten leiden. Männer werden mit größerer Wahrscheinlichkeit als Frauen obdachlos, drogenabhängig, gewalttätig oder bringen sich um. Das alles, weil sie es nicht schaffen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Weil sie glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Weil sie in ein Bild passen wollen. Ich habe als Jugendlicher auch den Sonnyboy gegeben und mir um keinen Preis anmerken lassen, unter welchen inneren Qualen ich litt.

Sie haben eine Rolle gespielt?

Pausenlos. Das kostete eine Menge Kraft. Dabei war ich ein sportlicher Typ, spielte Basketball in der nationalen Liga, und wusste, welche Codes ich zu benutzen hatte, um den Respekt der anderen in meinem Brennpunktviertel zu gewinnen. Ich hatte keine Ahnung, dass Männlichkeit in verschiedenen Kulturen und Kontexten ganz anders aussehen könnte.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie kongolesische Freunde Ihr Rollenbild ins Wanken brachten.

Eine Gruppe älterer Männer aus unserer Kirchengruppe hatte mich eingeladen, mit ihnen essen zu gehen. Ich freute mich, bis wir in die Hauptstraße in Tottenham einbogen, wo ich sonst mit Jugendlichen aus einem komplett anderen Umfeld abhing. Ich hatte wie immer Hoodie, Sporthose und Nike-Air-Force-1-Schuhe an. Meine Begleiter aber waren nach kongolesischer Mode in exzentrische Designs gekleidet und zogen durch laute Gespräche und Gelächter Aufmerksamkeit auf uns. Was für mich noch schlimmer war: Wir gingen in Zweierpaaren, wie das unter kongolesischen Männern üblich ist, Hand in Hand. Ich bemerkte, wie einige Jugendliche aus der Siedlung uns musterten. Einer rief in meine Richtung: "Na, biste am Händchenhalten?" Es war, als ob sich in diesem Moment all der Respekt, den ich mir als großer, muskulöser Mann verdient hatte, in Luft auflöste.

Wie würden Sie heute reagieren?

Ich muss meine Männlichkeit nicht mehr vor anderen Männern beweisen. Aber es gehört gerade als Jugendlicher ein enormes Selbstbewusstsein dazu. Auch ich war in dem Glauben aufgewachsen, dass ein bestimmtes Verhalten für heterosexuelle Männer tabu sei. Mein Ideal war der coole Macker. Ich durfte nicht nur keine Rührung zeigen. Es war auch unmöglich, mich zu entschuldigen, selbst wenn ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht habe. Erstaunlich, denn ich war von meinen Eltern überhaupt nicht so erzogen worden.

Sie haben dann aber doch Strategien entwickelt, um mit Ihren weichen Anteilen klarzukommen.

Ich dachte, als Mann musst du das alles mit dir selbst ausmachen. Da war es meine Rettung, Tagebuch zu schreiben. Und dadurch meine Gefühle zu verstehen.

Inzwischen haben Sie auch drei Lyrikbände veröffentlicht.

Eine Art, mich zu zeigen. Bei Lesungen kamen anschließend Männer zu mir und bedankten sich: Du hast ausgedrückt, wie wir uns fühlen. Aber auch als Basketballspieler kannte ich diese Männergespräche.

Ist der Leistungssport denn nicht die Arena für Machogehabe schlechthin?

Im Gegenteil: Weil wir uns da gegenseitig nichts beweisen mussten, schien oft eine sensible Seite durch. Man braucht als junger Mann auch Vorbilder außerhalb der eigenen vier Wände.

Sie schreiben, dass Männlichkeit an vielen Orten vielschichtiger gelebt wird als in unserer Kultur. Haben Sie da von Ihrer Migrationsgeschichte profitiert?

In der kongolesischen Kultur gelten tatsächlich andere Männlichkeitsideale: Es ist selbstverständlich, dass Jungs ihre Kleider waschen, flicken und alles dafür tun, ordentlich auszusehen. Gepflegte Mode gehört dazu. Du hast als Mann auch Kochen und viele der Haushaltsarbeiten gelernt, die anderswo als Frauensache gelten.

Auch die Sexualität ist ja bei uns ein vermintes Thema.

Die Idee des "dominanten Mannes" habe ich immer wieder als Hindernis für wahre Nähe erlebt. Viele Männer erlauben sich nur über Sex eine gewisse Intimität zu erleben. Warum aber gilt ein Mann als schwach, wenn er gerade nicht auf Sex steht? Warum darf er nicht andere Arten der Verbindung eingehen? Wir Männer haben da eine toxische, fast pornografische Erwartung an uns selbst.

Ist die Angst vor Nähe nicht noch größer, wenn es um Intimität zwischen Männern geht?

Der Gruppenzwang ist da gewaltig. Oft hängen junge Männer, die sich Komplimente machen, zur Sicherheit an: "Ist jetzt nicht schwul gemeint." Ständig diese Angst: Wer bin ich, wenn ich mit meinen femininen Anteilen in Berührung komme? Diese Unsicherheit hat zusammen mit dem Einfluss der Religion zur Verfolgung von schwulen oder Bi-Männern beigetragen.

Und auch die sozialen Medien bombardieren uns mit Männlichkeitsidealen.

Das weckt besonders bei meinen jüngeren Klienten riesige Erwartungen und Ängste. Auch was das Äußere betrifft. Da werden Körperbilder propagiert, die bestenfalls Berufsathleten hinbekommen. Das ist Gift für das Selbstbewusstsein. Bei vielen Männern, die sowieso schon Probleme mit sich haben, verstärken sie das Leiden.

Gibt es einen Unterschied, wie Sie als schwarzer Mann - im Gegensatz zu Weißen - solchen Stereotypen begegnen?

Schwarze Männer werden in westlichen Medien oft als wütend und sexuell getrieben dargestellt - ein Bild, das so gar nicht in die kongolesische Kultur passt, aus der meine Familie kommt. Gangsta Rap ist ein Teil des Problems. Aber auch populäre Figuren aus Mafiafilmen, die manche jungen Männer als Vorbilder für ihr Beziehungsverhalten missverstehen. Die Mainstreamkultur verkauft männliche Gewalt. Das wäre kein Problem, wenn sie auch Gegenmodelle anbieten würde.

JJ Bola: Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist. Aus dem Englischen von Malcolm Ohanwe. Hanserblau, Berlin 2020. 176 Seiten, 18 Euro.

An was denken Sie?

Jazz zum Beispiel ist genauso Teil schwarzer maskuliner Kultur wie Hip-Hop, aber mit etwas anderen Männlichkeitsidealen. Auch die Sänger im K-Pop mit ihren geschminkten Gesichtern stellen unsere binären Stereotype infrage. Da hat das Internet wieder sein Gutes: Du findest das heute, und niemand muss sich mehr so ausgesondert fühlen wie früher.

Befürchten Sie nicht, dass der Titel Ihres Buches "Sei kein Mann" auf verunsicherte Männer abschreckend wirken könnte?

Letztlich geht es aber darum, diese "Sei ein Mann"-Nummer als unnötige Quälerei zu entlarven. Warum sich nicht einfach entspannen? Dabei kommt erst die wirkliche Stärke eines Mannes zum Tragen.

© SZ vom 07.09.2020/tmh
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