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Serie "For Life" auf Sky:Der Anwalt, der ein Häftling war

For Life; Nicholas Pinnock For Life Sky

Vor Gericht tauscht Aaron Wallace seine orangefarbenen Häftlingsklamotten gegen einen grauen Anzug.

(Foto: Giovanni Rufino; Sony Pictures Entertainment)

In "For Life" kämpft Aaron Wallace gegen das amerikanische Justizsystem. Die Serie, produziert von Rapper 50 Cent, behandelt ein hochaktuelles Thema, verheddert sich aber in ihrem überreichen Stoff.

Von Carolin Gasteiger

Wenn Menschen zu Unrecht beschuldigt und bestraft werden, haben sie zwei Möglichkeiten: sich ihrem Schicksal er- und schließlich aufgeben - oder kämpfen. Aaron Wallace tut in der Sky-Serie For Life letzteres und entwickelt dabei eine schier unermessliche Ausdauer. Das ist bemerkenswert, denn: Wallace ist Häftling, sein Gegner das amerikanische Justizsystem. Und zweitens: Wallace ist schwarz.

Der Klubbesitzer wurde wegen Drogenhandels verurteilt, obwohl er gar nicht wusste, dass im Klub hinter seinem Rücken gedealt wurde. Nun verbüßt er zu Unrecht eine lebenslange Haftstrafe. Aber, und das ist der Clou der Serie: Wallace hat sich während seiner ersten Jahre im Gefängnis zum Anwalt ausbilden lassen und vertritt nun seine Mitinsassen vor Gericht. Immer wieder verlässt er im orangefarbenen Overall den Bus, der ihn vom Gefängnis zum Gericht bringt. In den Händen, die auf dem Rücken in Handschellen liegen, eine Aktenmappe. Vor dem Richter steht er dann im grauen Anzug und hält Plädoyers.

Man ahnt es schon: For Life ist inspiriert von einer wahren Geschichte. Nämlich der von Isaac Wright Jr., der Anfang der Neunziger wegen Drogenhandels verhaftet und zu Unrecht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Auf die Idee, Wrights Geschichte zu verfilmen, kam der ursprünglich als Rapper bekannte Curtis "50 Cent" Jackson, der damit nun seine zweite Serie nach Power produziert hat. "Isaacs Story ist einzigartig", hat Jackson der New York Times in einem Interview gesagt: Wright sei tougher als die toughsten Typen, die er kenne.

Tatsächlich ist es teilweise kaum auszuhalten, wie Wallace immer wieder an der Verschlagenheit der Staatsanwaltschaft und an der Routine der Richter abprallt. Bald schon wird klar, dass er gegen die intriganten Spielchen der Staatsanwaltschaft kaum etwas ausrichten kann.

An aufregendem Stoff mangelt es der Serie nicht: Schwarzer US-Bürger, zu Unrecht im Knast, Opfer des Systems, aber gewieft und voller Idealismus - und all das während in den USA "Black Lives Matter"-Proteste laufen. Außerdem eine wahre Geschichte! Und exzellent besetzt: Nicholas Pinnock, bekannt aus Fortitude, spielt Wallace mit Hingabe und Überzeugungskraft. Aber For Life verhebt sich ein wenig an all den Konflikten, die es in Gefängnis und Gerichtssaal zu schildern gibt.

Die Fälle seiner Mithäftlinge, die Wallace verhandelt, sind zwar für sich tragisch, dienen insgesamt jedoch nur als Kitt für die Erzählung seiner eigenen, persönlichen Geschichte: Wallaces Frau lebt mittlerweile mit seinem besten Freund zusammen und will sich scheiden lassen, seine Tochter ist schwanger. Die vielen parallelen Erzählstränge bremsen sich gegenseitig aus - und die Rückblenden in Wallaces Vergangenheit ziehen die Handlung unnötig in die Länge.

Eine spannende Justizserie ist For Life trotzdem geworden. Nur eben nicht das große Werk zur sozialen Situation in Amerika, das die Serie hätte sein können. Fans von 50 Cent werden sich immerhin über einen Gastauftritt freuen: als Wallaces Gegenspieler lässt er unwiderstehlich fies seine Goldzähne aufblitzen.

For Life, auf Sky Atlantic.

© SZ/khil/ebri
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