Finale bei "Germany's Next Topmodel" Bereit zum Recycling

Heidi Klum beweist in der achten GNTM-Staffel, dass sie nicht nur strenge Dompteuse, sondern auch liebe Schwester spielen kann. Bei der Final-Show kommt sie aus dem Loben gar nicht mehr heraus - und kürt die 16-jährige Lovelyn zur Siegerin. Nur ein Protest von barbusigen Feministinnen stört Klums Inszenierung.

Eine TV-Kritik von Matthias Kohlmaier

Die Botschaft ist sofort klar. "Heidi Horror Picture Show" steht auf den nackten Oberkörpern zweier Aktivistinnen der Gruppe Femen, die beim live übertragenen Finale von "Germany's Next Topmodel" auf die Bühne stürmen - und es bis vor die Jury, bestehend aus Heidi Klum, Thomas Hayo und Enrique Badulescu, schaffen.

Nun lässt sich wenig überraschend sagen: Der Sexismus-Vorwurf gegen Heidi Klums Model-such-Sendung ist berechtigt und so alt wie die Show selbst. Niemand kann und wird leugnen, dass die Show, die nun mit der 16-jährigen Schülerin Lovelyn die achte Siegerin hervorgebracht hat, ein gänzlich überholtes Frauenbild propagiert. Eines, in dem Heidis "Meeeedchen" als Ware gesehen werden, als Körper, über den Fotografen, Designer und die Modelmama frei verfügen können.

Heidi Klum tat in der achten GNTM-Staffel immerhin eine Menge dafür, das Bild, das die regelmäßigen Zuseher in den vorangegangenen Episoden von ihr bekommen haben zu widerlegen. Sie hat nicht mehr die strenge Dompteuse mit Peitsche und Zylinder gegeben, die sich bei allerlei Gelegenheiten über die Kandidatinnen lustig macht. Sie war die liebe große Schwester, bot gar ihre Schulter zum Ausheulen an. Die schrecklichen Kunstpausen vor Entscheidungen, aus früheren Staffeln hinlänglich und unangenehm bekannt: weg.

Wandelbarer Vollprofi

Wer Heidi Klums Karriere aber ein wenig beobachtet hat, dürfte in der Wandlung der 39-Jährigen keine Neuauflage von "Der Widerspenstigen Zähmung" erkennen. Klum hat sich einfach in die Richtung gebogen, die das Publikum und die durch FDP-Charmebolzen Rainer Brüderle neu entflammte Sexismusdebatte erfordert haben. Als Vollprofi, wie ihr Umfeld seit vielen Jahren nicht müde wird zu betonen, weiß Heidi Klum genau, wie man über Jahrzehnte in diesem mitunter schmutzigen Model-/TV-Geschäft überleben kann. Anpassung, Wandelbarkeit heißen die Maximen, die im Klum-Kosmos gelten.

Perfekt ins Bild passt da Klums Auftritt beim GNTM-Finale: Da kam sie aus dem Loben gar nicht mehr heraus. "So stolz" sei sie auf ihre Finalistinnen, so eine tolle Entwicklung hätten sie alle durchlebt und überhaupt, toll, toll, toll. Die Empathie ging gar so weit, dass Heidi sich bei den letzten verbliebenen Anwärterinnen, Lovelyn und Maike, regelrecht für eine nicht angekündigte Tanzeinlage entschuldigte. "Fandet ihr das gemein, dass wir euch das nicht erzählt haben?" Wandelbar und biegsam wie Knetgummi, die Klum.

Ihre neuen alten Verformungskünste präsentierte die Modelmama am Donnerstag in einer Show, die beinahe schon seltsam viele Überraschungen bot. Also nicht die Show als solches natürlich, die war öde wie eh und je. Vollgestopft mit unnötigem Pomp (die Juroren schwebten zu Beginn in einem alten Militärhubschrauber auf die Bühne) und mit peinlichen Gimmicks versehen (wenig lustiger Sidekick der Show war ein zweieinhalb Meter hoher Roboter, in dem freilich ein Mensch steckte). Spannend waren dagegen die Entwicklungen im Teilnehmerfeld.

Sabrina, die blonde Krankenschwester, flog zuerst raus, danach wurde die zuvor als Favoritin gehandelte Luise zur allgemeinen Verwunderung aus dem Teilnehmerfeld getilgt. Leider schafften es die GNTM-Macher bei den Rauswürfen ein weiteres Mal, ihrem Staffel-Motto "Closer than ever" nur allzu gerecht zu werden. Denn als die ohnehin schon todtraurigen Kandidatinnen die Bühne verließen, wurden sie noch auf selbiger von ihren Angehörigen empfangen. Konsequenz: Tränen flossen, die Kamera hielt so "close" wie möglich drauf. Wenigstens diesen einen Moment Privatsphäre hätte man den jungen Frauen zugestehen können.

Sehr fair wiederum von Pro Sieben, den geschassten Kandidatinnen - und je nach Verlauf auch Siegerin Lovelyn - noch am selben Abend ihre weiteren Karriereoptionen aufzuzeigen. Für Ex-Topmodels und solche, die es gerne geworden wären, bietet der Sender seit jeher mannigfaltige Recycling-Programme an. Da darf Rebecca Mir backstage herumhüpfen und ein paar nichtssagende Interviews führen - dass die Dame vor der Show einen kapitalen Unfall mit einer Flasche Selbstbräuner gehabt haben muss, sei nur am Rande erwähnt. Und Lena Gercke moderiert sogar im Anschluss bei "red!", Verwertungsplattform für GNTM- und sonstige Promi-Themen. Toll, wenn man Optionen hat.

Der Sendeplatz ist sicher

Bleibt noch die Frage, wie es denn nun weitergeht mit "Germany's Next Topmodel". Fans seien hier beruhigt: Es geht weiter, Heidi Klum hat bei Pro Sieben bereits einen neuen Vertrag über "mehrere Jahre" unterschrieben, wie auf der Pressekonferenz mit den vier Finalteilnehmerinnen bekannt wurde. Doch ein Blick auf die harten Fakten macht auch klar: Es werden sich Dinge ändern müssen. Denn am Ende muss sich auch "La Klum" an der Quote messen lassen, und die war in der vergangenen Staffel nicht immer berauschend.

Realistisch betrachtet ist es Pro Sieben jedoch kaum möglich, "Germany's Next Topmodel" mittelfristig abzusetzen. Denn die Quoten der Show mögen zwar nicht mehr auf dem Niveau früher Staffeln sein, liegen aber immer noch deutlich über dem Senderschnitt.

Für die zahllosen über Jahre hinweg mit GNTM sozialisierten jungen Mädchen ist sowieso viel wichtiger, dass nun der Bewerbungszeitraum für die nächste Staffel beginnt. Ex-Kandidatin Rebecca Mir jedenfalls bewarb die CD mit Songs aus der abgelaufenen Episode so: "Mit der Musik kann man zu Hause ganz toll das Posen üben." Den betroffenen Eltern künftiger Möchtegern-Topmodels sei auf diesem Wege alle Gelassenheit der Welt gewünscht.