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Fernsehpreis:Emmy Awards - relevanter als die Oscars

Hat gute Chancen in der Kategorie "True Crime": Cuba Gooding jr. als O. J. Simpson in American Crime Story.

(Foto: Ray Mickshaw/AP)

Das Serien-Geschäft boomt, doch wo viel produziert wird, ist viel Mist dabei. Von der Flut an Produktionen profitiert der Fernsehpreis Emmy - er gilt als anerkanntes Gütesiegel.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer derzeit durch Los Angeles fährt, der sieht überall Plakate mit der Aufforderung, ganz dringend für diesen einen Kandidaten zu stimmen. Dieser Wahlkampf, der auch in Zeitschriften, im Fernsehen und im Internet geführt wird, hat jedoch nichts mit Donald Trump oder Hillary Clinton zu tun, es geht um Fernsehserien, die am kommenden Sonntag einen Primetime Emmy Award gewinnen können.

Dieses Werben um die Stimmen der mehr als 20 000 Mitglieder der Television Academy ist freilich nicht neu, schließlich bedeutet die Auszeichnung mit dem wichtigsten Fernsehpreis weltweit nicht nur künstlerische Legitimation, sondern meist auch höhere Einnahmen durch Werbung (für TV-Sender) oder Abonnements (für Streamingportale). An diesem Wochenende werden die Preise bei einer großen Gala vergeben.

Wer für einen Emmy nominiert ist oder gar einen gewinnt, der fällt auf, der muss gesehen werden. Das ist immens wichtig am Ende einer Spielzeit, in der in den USA laut dem Marktforschungsinstitut Moffett Nathanson insgesamt 419 neue Serien ausgestrahlt worden sind. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 waren es noch 210. Das liegt nicht nur an Internetportalen wie Netflix oder Hulu (insgesamt 46 neue Shows), sondern auch an Kabelsendern, die ihren Output (gestiegen von 66 auf 186) beinahe verdreifacht haben. John Landgraf, Chef des Senders FX (American Horror Story, The Strain) warnt deshalb, dass es zu viele Inhalte gebe: "Es ist schwierig, genug Serien zu sehen, um dieses Ökosystem überhaupt noch zu verstehen."

Es ist zwar seit einigen Jahren ständig vom "Goldenen Zeitalter des Fernsehens" die Rede, doch veröffentlichen Sender und Streamingportale auch vieles, das nur glänzt und bei dem goldene Inhalte lediglich kopiert oder weitergeführt werden. Das grandiose Krimidrama The People v. O. J. Simpson etwa ist in 13 Kategorien nominiert. "True Crime" heißt dieses Genre, bei dem wahre Kriminalfälle als Dokumentation oder fiktive Geschichte aufbereitet werden. In diesem Herbst werden sich gleich sechs Produktionen mit der Entführung und Ermordung des sechs Jahre alten Mädchens Jon Benét Ramsey vor 20 Jahren beschäftigen, es wird aber auch zwei weitere Serien zu Simpson geben: O. J. Is Innocent will seine Unschuld beweisen, die Schwester der ermordeten Nicole Brown Simpson kümmert sich um fragwürdige Urteile der Kriminalgeschichte.

Action, Anthologien und Miniserien

Weitere Trend-Genres: Action-Game-Shows wie American Ninja Warrior (eine Nominierung), Anthologien wie Fargo (acht) und Miniserien wie American Crime, die in vier Kategorien für einen Emmy nominiert ist. "Es ist unmöglich, die Anzahl aller Serien zu bestimmen. Das ist, als würde man alle Lemminge zählen, die eine Klippe entlanglaufen: Wenn du fertig bist, sind einige schon in den Ozean geplumpst - und andere hüpfen hinterher", sagt Landgraf: "Ich glaube, dass wir bald eine Sättigung erreicht haben."

Es sieht derzeit nicht danach aus, als würden sich die Produzenten künftig mäßigen: In diesem Jahr sind bereits 322 neue Serien ausgestrahlt worden, im Herbst sollen noch einmal 137 hinzukommen. Wer sich in den vergangenen Monaten die Mühe gemacht hat, auch Produktionen außerhalb des diesjährigen Emmy-Wahlkampfes anzusehen, der konnte unschwer erkennen: In dieser neuen Serienwelt ist nicht nur viel Nachgemachtes, sondern auch ganz schön viel Mist dabei.

Das macht die Verleihung der Emmys umso wichtiger, FX-Senderchef Landgraf sagt: "Diese Auszeichnung ist das einzige Gütesiegel, das allgemein anerkannt ist." Sender und Streamingportale geben in diesem Jahr etwa 80 Millionen Dollar dafür aus, ihre Nominierten zu bewerben. Für die Emmys selbst hat das freilich den erfreulichen Nebeneffekt, selbst immer bedeutsamer zu werden in einer Stadt, in der TV-Serien bis vor wenigen Jahren von den Filmschaffenden noch belächelt wurden. Die Emmys sind - nicht nur in Los Angeles - mittlerweile relevanter als die Oscar-Verleihung.

© SZ vom 16.09.2016/cag

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