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Filmproduktion in der Corona-Krise:Alles auf Pause

Film Fernsehen Corona Drehstopp

Von Drehpausen betroffen sind auch Shows, Reportagen und Magazine - das könnte sich langfristig auf das Fernsehprogramm auswirken.

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Die Corona-Pandemie stoppt zahlreiche Fernsehproduktionen. Was das für die Sender, Produktionsfirmen und Schauspielerinnen bedeutet - und für das Publikum.

Kontakte reduzieren, Mindestabstand halten, zu Hause bleiben: Mit solchen Maßnahmen soll das Coronavirus eingedämmt werden. Was aber bedeutet das für die Film- und Fernsehbranche, in der Home-Office nicht so einfach ist? Während Talk-Sendungen und Shows ohne Publikum aufgezeichnet werden, melden in diesen Tagen immer mehr Sender und Produktionsfirmen Drehpausen bei Spielfilmen und Serien. Betroffen sind auch Shows, Reportagen und Magazine. Und das könnte sich langfristig auf das Fernsehprogramm auswirken.

Neben den deutschlandweiten Maßnahmen gegen das Virus gibt es weiterhin länderspezifische Regelungen, teils unterscheiden sie sich von Stadt zu Stadt. Das macht die Lage unübersichtlich: In manchen Bundesländern wurden Drehgenehmigungen zurückgenommen. In Berlin sollen Dreharbeiten auf Privatgelände und auf öffentlichen Plätzen aktuell größtenteils weitergeführt werden, heißt es von der Produktionsfirma X Filme, die unter anderem Babylon Berlin produziert. In Bayern sind bis 19. April Drehs auf öffentlichem Grund verboten. In Studios dagegen sollen Dreharbeiten in Bayern und auch in Köln teilweise noch weitergeführt werden, heißt es von X Filme. In München hat das Kreisverwaltungsreferat am Freitag Aufnahmen auf öffentlichem Verkehrsgrund sowie auf Privatgrund einschließlich Innendrehs bis 19. April untersagt, ausgenommen davon ist die journalistische Berichterstattung. Das betrifft auch die Lieblingssendungen der Deutschen.

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Selbst Produktionsfirmen fordern jetzt Drehverbote in ganz Deutschland

In Baden-Baden wurde der Dreh für einen Ludwigshafen-Tatort abgebrochen, während beim Kieler Tatort erst weitergedreht und dann vorläufig unterbrochen wurde. Und in Bremerhaven fiel Ende vergangene Woche gerade noch rechtzeitig die letzte Klappe von Bjarne Mädels Regie-Debüt Sörensen hat Angst.

Weil in der Branche üblicherweise für abgeschlossene Produktionen bezahlt wird, kann für kleine und mittelständische Produktionsfirmen bereits eine einzige ausgefallene Produktion die Insolvenz bedeuten, besonders betroffen sind auch die vielen Freiberufler. "Für viele, die in der Filmbranche tätig sind, kommen jetzt unsichere Zeiten", schrieb der Schauspieler Marcus Mittermeier auf Instagram. Denn Cast und Crew sind für Drehs oft nur kurzfristig beschäftigt, aber schon lange im Voraus an Drehpläne gebunden.

Dennoch haben in den vergangenen Tagen viele Filmschaffende auch kritisiert, dass die Arbeit an manchen Sets weitergeht. Der Schauspieler Jonas Nay schrieb auf Instagram: "Ich stehe heute für eine von öffentlichen Geldern finanzierte Filmproduktion vor der Kamera und muss dafür von Schleswig-Holstein nach NRW und zurück pendeln, um einer Vertragsstrafe zu entgehen." Seine Kollegin Nikola Kastner schrieb, dass es unmöglich sei, an einem Filmset die Sicherheitsvorgaben einzuhalten.

Die Produktionsfirma X Filme fordert deshalb ein generelles Drehverbot: "Solange uns von keiner offiziellen Stelle juristisch gesichert jegliche Dreharbeiten untersagt werden", sei man "nicht in der Lage, einen Drehabbruch auf eigene Initiative und Haftung durchzuziehen, ohne Schäden in Millionenhöhe und damit das Überleben der Firma zu gefährden." Denn Sender und Produzenten entscheiden im Moment über jede Produktion einzeln. "Wir prüfen in jedem Einzelfall, ob Dreharbeiten unterbrochen werden oder ob sie aufgenommen werden, in Abhängigkeit von öffentlichen Auflagen, dem spezifischen gesundheitlichen Risiko sowie den praktischen Alternativen und finanziellen Konsequenzen", heißt es beim Südwestrundfunk. Der hat neben dem Ludwigshafen-Tatort die Dreharbeiten für einen weiteren Tatort sowie die Serie Die Fallers abgesagt. Der NDR meldet, dass die Drehs für die Serie Da is' ja nix unterbrochen seien, das Medienmagazin Zapp ist vorerst gestrichen, so wie beim WDR die Comedy-Sendung Dittsche und beim RBB das Heimatjournal und die Abendshow. Der BR lässt bis 19. April die Dreharbeiten für die Vorabendserie Dahoam is Dahoam ruhen, auch beim München- und Franken-Tatort wird ausgesetzt. Drehpausen bei knapp 20 Produktionen meldet die auf fiktionale Stoffe spezialisierte ARD-Tochter Degeto. Etwa bei der Telenovela Rote Rosen und beim Film Meine Mutter ist verknallt. Bei Bavaria Fiction wurden die Arbeiten für den ZDF-Film Alle Nadeln an der Tanne am neunten Drehtag gestoppt, bei der Telenovela Sturm der Liebe wurde die Produktionspause vorgezogen, die normalerweise im Sommer stattfindet. Beim ZDF sind diverse Shows abgesagt, auch das Traumschiff muss pausieren, auch wenn das Risiko einer Infektion an Bord laut ZDF "momentan gering ist". Und RTL teilte gerade mit, dass auch die Vorabendserien Gute Zeiten, Schlechte Zeiten, Unter uns und Alles was zählt ruhen, ebenso wie die der RTL2-Reality-Soaps Berlin - Tag & Nacht und Köln 50667. Pro Sieben Sat 1 musste das Finale von Germany's Next Topmodel absagen. Auch Streamingdienste melden überall auf der Welt Drehstopps. Bei Netflix sollen allein in den USA 70 Produktionen betroffen sein, darunter die Serie Stranger Things.

ARD und ZDF haben angekündigt, die Hälfte der Mehrkosten zu tragen. Aber reicht das?

Heißt das, dass bald nur noch Wiederholungen im Fernsehen laufen? "Der Nachschub an neuen Programmen für die gesamte Senderfamilie ist aufgrund eines wirtschaftlichen Vorlaufs gesichert", antwortet das ZDF auf Anfrage. Tägliche Formate allerdings haben meist kürzere Vorlaufzeiten, da droht womöglich schon eher ein ungewollter Cliffhanger. Für Sturm der Liebe etwa wird jede Folge etwa acht Wochen vor der Ausstrahlung produziert.

Welche langfristigen, auch finanziellen Auswirkungen die Produktionsverschiebungen und -unterbrechungen haben, kann man bei den Sendern noch nicht abschätzen. Die Produzentenallianz forderte vergangene Woche von ARD, ZDF, RTL, Pro Sieben Sat 1 und RTL2 einen gemeinsamen Schutzschirm, der für Zusatzkosten aufkommt. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben bereits angekündigt, freiwillig die Hälfte der Mehrkosten zu tragen, wenn es zu Drehverschiebungen kommt. Bei Pro Sieben Sat 1 sind im Moment mehr als 120 Produktionen in Vorbereitung oder Umsetzung. Die Sendergruppe will sich an den Mehrkosten beteiligen, "je nach Ausgangslage deutlich über, aber auch unter 50 Prozent". Auch Netflix hat einen 100 Millionen US-Dollar umfassenden Hilfsfonds versprochen. Aber reicht das?

Marco Mehlitz aus dem Vorstand des Produzentenverbandes sagte gegenüber der Branchenplattform medienpolitik.net, dass Sender wie ARD und ZDF 50 Prozent der Mehrkosten übernehmen, sei "nicht ausreichend". Produktionsunternehmen könnten die anderen 50 Prozent "schwerlich selber tragen". Für die Mehrkosten könnten die Sender demnach auf Mittel der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) zurückgreifen.

Und auch wenn die Zeit der Drehstopps vorbei ist, dürfte es in der Branche turbulent werden - weil sich dann womöglich viele Engagements überschneiden. Aber wann das sein wird, weiß bislang niemand.

© SZ vom 24.03.2020/cag
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