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Livestreams von Künstlern:Dürfen die das?

Wenn die Konzertsäle schließen, dann eben Streaming: Pianist Igor Levit überträgt ein privates Live-Konzert für seine Fans im Internet. Screenshot: pscp.tv

In der Corona-Krise spielen Pianisten Twitter-Konzerte und Autorinnen halten Online-Lesungen ab. Medienrechtlich waren solche Livestreams bislang heikel - das sorgte vor allem bei Gamern für Ärger. Was sich nun ändert.

Jasmin Schreiber hat gerade viel Zeit zum Telefonieren. Die geplanten Lesungen ihres Romans Mariannengraben wurden wegen der Corona-Pandemie abgesagt. "Nachdem ich gesehen habe, das geht jetzt die nächsten Monate so weiter, habe ich überlegt, wie ich trotzdem mein Buch promoten kann", erzählt die Autorin. Viele Menschen im Kulturbetrieb beschäftigen derzeit ähnliche Fragen: Was bleibt Schauspielern ohne Theatervorführungen, Musikern ohne Konzerte? Insbesondere für die weniger bekannten Künstlerinnen und Künstler kann die Frage schnell existenziell werden. "Ich bin Debütantin und habe keine Stammleserschaft", sagt Schreiber. Ihre Lösung, Lesungen im Live-Stream zu veranstalten, dürfte auch einem Publikum gefallen, das zuhause nicht auf Kultur verzichten will. Bis Freitagmittag war diese Lösung medienrechtlich allerdings heikel. In der Krise wird nun aber sogar das bisher sehr streng ausgelegt Rundfunkrecht von den Medienhütern lockerer interpretiert.

Am 12. März kündigt Jasmin Schreiber auf Twitter eine Online-Lesung für den nächsten Tag an, per Stream auf Twitch. "Wir werden Pyjamas tragen", ergänzt sie einige Minuten später. 4500 Menschen schauen zu. "So eine große Lesung hätte ich nie hingekriegt", meint sie. Die Anfragen von Autorinnen und Autoren, die mitmachen oder selbst streamen wollen, werden nun immer mehr. Die Kulturszene entdeckt gerade den Livestream als virtuellen Auftrittsort: Nicht nur der Pianist Igor Levit spielt jeden Abend Hauskonzerte, Saša Stanišić liest im Stream, Hasnain Kazim, Hatice Akyün und Anja Rützel ebenfalls, das Münchner Marionettentheater zeigt die Zauberflöte und Musiker um Max Giesinger veranstalten ein "Wir bleiben Zuhause"-Festival, natürlich per Livestream. Die Videospielszene bespielt diese digitale Bühne seit Jahren. Es waren Jahre voller Unverständnis darüber, dass streamende Gamer rechtlich gesehen als Rundfunk gelten und eine Genehmigung brauchen.

Es mag kleinlich sein, das in der aktuellen Situation zu fragen, aber: Dürfen die das? Die Krise konfrontiert die breite Masse mit einem Problem der deutschen Mediengesetze, das bisher eher in Nischen für Ärger sorgte. "Aktuell dürften tatsächlich viele Live-Streams dem klassischen Rundfunk ähneln", schreibt der Medienrechtsanwalt Christian Solmecke auf Nachfrage: "Insofern wäre bei zahlreichen Live-Streams durchaus an eine Sendelizenz zu denken."

Noch am Montag konnten die Medienanstalten, die für die Rundfunkaufsicht zuständig sind, auf Nachfrage keine konkrete Antwort geben, wie sie mit den Kulturstreamern umzugehen gedenken. Nun setzen sie die Lizenzpflicht von kulturellen oder religiösen Veranstaltungen sowie von Bildungsangeboten vorerst bis zum 19. April aus. Einfach los streamen darf man allerdings auch weiterhin nicht. Die Medienanstalten erklären, ab wann ein Stream Rundfunk ist: "Handelt es sich um lineare, also zeitgleich ausgestrahlte Bewegtbildangebote, die journalistisch-redaktionell gestaltet sind und im Rahmen eines Sendeplans verbreitet werden", heißt es auf ihrer gemeinsamen Website: "dann sind sie wie Fernsehen zu behandeln und bedürfen einer Zulassung." Wer Videos nur zum späteren Abruf anbietet, ist also nicht betroffen. Die Streams macht aber gerade der Reiz der Livesituation attraktiv. Wenn man schon auf das Erlebnis der Präsenz gezwungenermaßen verzichten muss, möchte man doch wenigstens das Gemeinschaftsgefühl behalten, einem einmaligen Ereignis zu folgen.

"Wenn jetzt alle selbst streamen, greift das natürlich ein bisschen Funk und Fernsehen an", sagt Jasmin Schreiber: "Aber es ist Nothilfe." Sie hat mit Gleichgesinnten den Twitter-Account Streamkultur ins Leben gerufen. Dort sammelt sie die wachsende Zahl an Angeboten, "damit man mittags immer schon weiß, was abends sozusagen im Kulturfernsehen im Internet läuft". Ein Sendeplan liegt bereits dann vor, wenn ein Stream angekündigt wird. Wer etwa auf Twitter schreibt, dass er morgen um 20 Uhr streamt, erfüllt dieses Kriterium. "Wenn Igor Levit mit seinem Hauskonzert live geht oder ich mich auf meinen Sessel setzte und eine Lesung mache, dürfte es schwierig sein, nachzuweisen, dass wir redaktionell arbeiten", lacht Jasmin Schreiber. Doch für die Medienhüter waren bisher mitunter schon Schnitte und Zooms, spätestens Kommentare und Moderationen redaktionelle Gestaltung.

Große Gaming-Streamer wie Gronkh oder Piet Smiet mussten sich deshalb Rundfunklizenzen besorgen. Nun genügt, der zuständigen Landesmedienanstalt einen geplanten Livestream vorab anzuzeigen. Nötig sind nur Name, Adresse und Kontaktdaten, der Inhalt des Streams und wie er umgesetzt werden soll. Damit geht diese "pragmatische Lösung mit Augenmaß", wie sie der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten Wolfgang Kreißig nennt, sogar noch weiter als der kommende Medienstaatsvertrag.

Der soll ab September den alten Rundfunkstaatsvertrag ersetzen. Dann würde nur noch Streamer mit durchschnittlich mehr als 20 000 Zuschauern eine Genehmigung brauchen. Jetzt dürfen zunächst etwa einen Monat lang alle frei streamen, denn die Ankündigung der Medienanstalten enthält keine Obergrenze für Zuschauer.. Beachten müssten sie aber weiterhin den Jugendschutz und die journalistische Sorgfaltspflicht. Rechtlich handelt es sich lediglich um eine Duldung mit einem vereinfachten Verfahren. Corona macht offensichtlich Ausnahmen möglich.

© SZ vom 21.03.2020
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