Eurovision Song Contest 2017:Alle 26 ESC-Songs im Check

Der Affe tanzt zum Untergang des Abendlandes, eine Jodlerin flirtet mit einem Rapper: Was die Zuschauer zu sehen bekamen.

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Israel

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Imri - "I Feel Alive"

Für Imri Ziv aus Tel Aviv ist es der dritte ESC in Folge. 2015 in Wien und 2016 in Stockholm unterstützte er als Backgroundsänger den israelischen Beitrag. Bei seinem ersten Auftritt als Mann im Vordergrund will er kein Risiko eingehen und fokussiert sich auf den kleinsten gemeinsamen europäischen Nenner. Nein, nicht Freiheit und Frieden. Das Klischee! Also: Für was ist Tel Aviv bekannt? Richtig, für seine ausschweifende Club- und Partykultur. Weshalb Imris "I Feel Alive" wenig mehr ist als stumpf-dröhnender Feelgood-House mit kapitalistischer Erbauungslyrik: "The secret of my life is never giving up." Aber wer beim ESC auf die Texte hört, ist ja auch selbst schuld.

Der Song in einem Tweet: Im Falle der #ESC2017-Pleite: Der Fitnessstudioverband Tel Aviv sucht noch einen Posterboy.

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Polen

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Kasia Moś - "Flashlight"

Man muss es jetzt einmal sagen, dann ist es aus der Welt und man kann sich wieder auf diesen Song konzentrieren: Brüste. Und? Hilft nicht. Die Bilder bleiben: In sehr straffer Wickeloptik präsentierte sich die Polin Kasia Moś im ersten Halbfinale. Man will das nicht so schmierig schreiben, aber sie macht es einem nicht leicht. Burlesque-Review mit Carmen Electra, Playboy-Shooting und dann dieser Auftritt. Alles, was man über diese Frau sagen will, will man nicht sagen. Also bitte weiter zum Song: "Flashlight" ist eine sehr durchschnittliche Ballade, nicht laut und nicht leise. Nicht zart und nicht brachial. Ein paar Stakkato-Streicher und Glockenschläge schaffen Bond-Song-Feeling, aber echter Soul steckt hier nirgends drin - bis auf ein paar Stimmkratzer à la Beyoncé. Mächtige Stimme, ja, aber ganz schön gepresst. Alles sehr gewollt. Und damit ist nicht das Outfit gemeint.

Der Song in einem Tweet: Liebes Polen beim #ESC2017, für die gute Sache des Feminismus müssen wir hier an dieser Stelle leider schweigen.

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Weißrussland

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Naviband - "Story of my Life"

Entschuldigung, sind das die weißrussischen White Stripes? Die strenge Farbdramaturgie und der Dresscode von Naviband (er mit Hut, sie im Flatterkleid) legen die Vermutung nahe. Musikalisch spielt das Duo aber eher Pseudo-Americana à la Mumford & Sons als sich down & dirty in Detroiter Gitarren-Geschrammel zu ergehen. Die Stahlseiten perlen, irgendwo tief in der Soundmischung hüpft ein Banjo herum. Die wirklich ganz wunderschöne Erkenntnis: Folk klingt auf der ganzen Welt gleich. Und ist das nicht die frohe Botschaft des ESC?

Der Song in einem Tweet: Hey, ist das Jack Whites 12-jähriger Sohn für Weißrussland auf der Bühne des #ESC2017? Egal. Wenigstens einmal keine Dröhn-Keyboards.

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Österreich

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Nathan Trent - "Running on Air"

Funky-flockig hingezupfte Gitarrenakkorde, ein junger achttagebärtiger Mann mit Justin-Timberlake-Zahngrinsen. Und der zuckrigste Text des Abends: "I'm sure, there'll be good times, there'll be bad times. But I don't care". Unter den vielen Wohlfühlhymnen des ESC ist der Beitrag von Nathan Trent die wohlfühligste. Nach Bart und Band setzt Österreich in diesem Jahr auf Brachialoptimismus. Aber wie heißt es schon im Gottesbeweis des französischen Philosophen Blaise Pascal: Setze auf gute Laune; wenn du den ESC gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts.

Der Song in einem Tweet: Philosophische Frage für Zwischendurch: Wenn Nietzsche Österreich beim #ESC2017 sehen könnte, würde er Gott dann immer noch für tot halten?

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Armenien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Artsvik - "Fly with me"

Warum eigentlich "Fly with me"? Und nicht "Ride with me"? Erinnert der nach 20 Sekunden einsetzende und konstant hämmernde Beat in Artsviks Song doch eher an einen Prärieritt als einen lockerleichten Höhenflug. Ethno-Pop, wie Armenien ihn gern liefert, nur in diesem Jahr mehr Ethno als Pop. Zumindest vom Sound her und dem gejodelten "Ahahaaa". Poppig sind allenfalls die beiden Background-Girls, die stakkatohaft im Madonna-Gedächtnis-Outfit tanzen und Artsvik dann auch noch als mehrarmige Shiva erscheinen lassen. Aber: Eine ziemlich gute Stimme und nach dem Ausscheiden Montenegros definitiv der Zopf des Abends. Ideal für den nächsten Winnetou-Soundtrack.

Der Song in einem Tweet: Tarkan trifft Shakira und reitet mit ihr durch die Prärie in den Sonnenuntergang oder: Armenien beim #ESC2017.

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Niederlande

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

O'G3NE - "Lights and Shadows"

Was beim ESC ja zwischen all den Videoleinwänden, Bodenhologrammen und Glitzerkanonen schnell in Vergessenheit gerät: Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song. Und der braucht dann auch nichts anderes! Kein Bühnenbild, keine Choreographie, keinen Helikopterzopf. Da stehen dann einfach drei Schwestern in drei leicht unterschiedlichen Funkeloutfits und singen unter dem unaussprechlichen Kollektivnamen O'G3NE ein Lied über Licht und Schatten. Und das hat Dynamik, da geht's hoch und runter, wird es lauter und leiser, einstimmig, zweistimmig, dreistimmig. Kein Ballerbeat, der die ganze Produktion planiert, sondern einer der Haken schlägt, der mal drückt und mal drängelt, mal stampft und mal stolpert. Und drei gute Stimmen sind drei gute Stimmen sind drei gute Stimmen.

Der Song in einem Tweet: Never Mind Atomic Kitten, Here's O'G3NE. #ESC2017

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Moldau

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Sunstroke Project - "Hey Mamma!"

Ein Lied wie die Mittagsstunde am Clubhotel-Pool. Das Saxofon von Sergej Stepanov schwirrt in Dauerschleife durch "Hey Mamma!" wie ein Sonnenstich-Schwindel. Das Sunstroke Project tritt zum zweiten Mal beim ESC auf. 2010 wurde Stepanov mit einem beeindruckenden Saxofonsolotanz zum Internet-Mem, dem "Epic Sax Guy". Das diesjährige Lied ist weniger Karacho-Techno und mehr Retro-Dance mit Swingelementen. Zwischen dem zu erwartenden Balladeneinerlei weckt einen "Hey Mamma!" ziemlich gekonnt auf.

Der Song in einem Tweet: Das Saxofon von "Epic Sax Guy" Sergej Stepanov schwirrt in Dauerschleife durch Moldaus "Hey Mamma!" wie ein Sonnenstich-Schwindel. #ESC2017

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Ungarn

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Joci Pápai - "Origo"

Beim großen Wettbewerb der europäischen Gesangskunst geht es ja sehr wenig um Gesangskunst. Viel wichtiger sind die Inszenierung und das über allem schwebende hehre Ziel der Völkerverständigung. Nie wieder Krieg, ein Fest der Kulturen. Noch bezaubernder ist jedoch mit anzusehen, wie ein Volk sich auf der Bühne des ESC selbst verstehen lernt. Joci Pápai, der ungarische Abgesandte in diesem Jahr, zählt zu der Volksgruppe der Roma, einer ethnischen Minderheit, die bis heute in Ungarn und Europa diskriminiert wird. Beim ESC singt und rappt er zu Gypsy-Pop über seine "Origo" - seinen Ursprung. Dazu tanzt eine schwarzhaarige Frau im langen Gewand. Hier werden Zigeunerklischees zurückgefordert. Selbstermächtigung ohne viel Feuerwerk, die vielleicht größte Geste dieses Abends.

Der Song in einem Tweet: Orbán-Ungarn schickt zum ersten Mal einen Roma zum #ESC2017. Große Geste. Und dann ist der Song auch noch gut.

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Italien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Francesco Gabbani - "Occidentali's Karma"

Das Problem beim Eurovision Song Contest ist ja, dass selten tatsächlich der beste Song gewinnt. Das könnte in diesem Jahr anders sein. Denn die Buchmacher sehen den italienischen Beitrag von Francesco Gabbani ganz weit vorne. So sperrig der Titel ("Occidentali's Karma", etwa: das Karma der Westler), so eingängig der Song. Überwältigungsproduktion, die große Soundwelle, unmöglich zu sagen, was hier Gitarre und was Synthesizer. Der Text? Ein irrer Zeichenzirkus mit ganz viel Sinn, den aber niemand versteht: Yoga und Buddha, Namaste und Allez, "Alles fließt" und "Singing in the Rain". Ist aber auch egal. 20 Sekunden braucht der Song zum Warmlaufen, dann schraubt er sich minutenlang durch immer größere Refrains. Woher Francesco Gabbani das hat? Vielleicht von Oasis. In deren Vorprogramm hat der Italiener mit seiner Band einst gespielt.

Der Song in einem Tweet: Das Abendland tanzt in den Untergang. Mit Affen. Zu einem Italo-Pop-Überhit wie von Pharrell Williams. #ESC2017

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Dänemark

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Anja Nissen - "Where I Am"

Mal eine Beobachtung abseits musikalischer Relevanz: Anja Nissen hat ein winziges bisschen eine Körpersprache, wie man sie eher beim Powerforward einer Basketballmannschaft erwarten würde. Viel panterhafte Kraft also und darin eine ganz eigene Eleganz - aber ein wenig beißt es sich mit der wehenden Abendgarderobe, in der sie singt. Außerdem kann sie, selbst während sie den Mund weit zum letzten Refrain-Extraschub aufreißt, immer noch lächeln. Musik läuft auch. Viel mehr kann man zu ihrem Song "Where I Am" nicht sagen.

Der Song in einem Tweet: Wenn dir Anastacia zu indie ist, bleibt dir immer noch Anja Nissen. #ESC2017

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Portugal

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Salvador Sobral - "Amor pelos dois"

Süß an dem portugiesischen Favoriten ist, wie sein Körper viel zu groß für seinen Kopf aussieht. Ein schlecht sitzendes Sakko, ein schmachtender Blick, Violinenseeligkeit - wer wäre nicht sofort überwältigt? Während die einen heimlich "Salvador Sobral girlfriend" googeln, merken die anderen: Er singt ja Portugiesisch! Kein Englisch im Text, Respekt! Bemerkenswert auch der reduzierte Auftritt Sobrals: linkisches Nesteln am Aufschlag, spastische Zuckungen folgen unvermittelt auf tuntige Moves. Man kreuze Nerd, portugistischen Machismo und Conchita Wurst, und heraus kommt etwas Unwiderstehliches. In "Amor pelos dois" ist das ganze Schmachten einer alten Seefahrernation in den Musicaltopf gefallen und wurde kurz vor dem Ertrinken gerettet. Gott sei Dank!

Der Song in einem Tweet: Und alle googeln heimlich "Salvador Sobral girlfriend". #ESC2017

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Aserbaidschan

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Dihaj - "Skeletons"

Der Beitrag aus Aserbaidschan hatte im Halbfinale ein sehr lustiges Setup: ein Typ mit einem Pferdekopf auf einer Leiter. Leider setzt er den Pferdekopf irgendwann ab. Aber Dihaj als "die bleiche Killerin vom Kaukasus" hat schon was. Zum Beispiel einen Dracula-Backup-Chor. "Amazed by thorn jeans" ist eine klasse Textzeile. "Have my skeletons / bring out the guns bad boy" hat als Ausdruck des Begehrens bei einer Sängerin, die aus einer in Ölmilliarden schwimmenden mafiösen Diktatur kommt, auch einen ganz eigenen Klang. Ein Hauch von harmonischer und rhythmischer Spannung im ESC-Stampfbrei. Und wie sie als robotisches Gespenst ihren Song aushaucht, ist auch sehr liebreizend.

Der Song in einem Tweet: Ein Herz für auf Handwerkerleitern rumhampelnde Pantomimepferde oder: Aserbaidschan beim #ESC2017.

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Kroatien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Jacques Houdek - "My Friend"

Wenn man hier so floskelfroh über den Eurovision Song Contest schreiben könnte, wie die Interpreten singen, man würde den alten Goethe bemühen, um Jacques Houdek aus Kroatien zu beschreiben: Zwei Stimmen wohnen, ach, in seiner Brust. Was bei Faust jedoch nur theatralisches Akademiker-Gejammer war, manifestiert sich hier schon in echter Janusköpfigkeit. Der Musiker als Two-Face. Links Anzug, rechts Lederkutte. Tiefes Opern-Grollen und glitzernder Falsett-Pop. "My Friend" ist die große "Dr. Jekyll und Mr. Hyde"-Show. Sie entscheiden, wer von beiden der Arzt ist und wer das Monster.

Der Song in einem Tweet: Sollte es jemals eine Musical-Adaption vom Herrn der Ringe geben, Jacques Houdek wäre für die Doppelrolle Sméagol/Gollum gesetzt. #ESC2017

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Australien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Isaiah - "Don't Come Easy"

Apartes Störgeräusch am Anfang! Ein Hauch von Avantgarde umweht den ESC - und dann mitten hinein ins Störgeräusch dieses tragische Klavierpathos! Wow! Derweil schaut Popsänger Isaiah Firebrace aus Australien mit braunen Augen und gefurchten, gut gekämmten Brauen traurig in die Kamera. Wieder schlägt die Synthpad-Keule zu, aber diesmal mit absteigendem Stotterröcheln. Das ist ein richtig guter Sound, der leider später im klanglichen Pathos-Tsunami untergeht. Aber: Der Sänger kann sich einen echten C-Part leisten! Kühne Modulation für einen ESC-Song. Es gab Beschwerden über seine Livegesangs-Qualitäten. Ein etwas unfairer Vorwurf: Sicher singt er nicht immer sauber und hat nicht das Stimmvolumen Adeles, aber für ESC-Verhältnisse ist viel Soul in seinem Gesamtauftritt.

Der Song in einem Tweet: Aborigines sind eh die besseren Europäer. #ESC2017

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Griechenland

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Demy - "This Is Love"

Eine Minute lang ist alles ziemlich okay: "This Is Love" vom griechischen Pop-Star Demy, der bürgerlich Dimitra Papadea heißt. Ein sanftes Ballädchen, Piano, im Hintergrund klappert ein Beat. Ganz friedlich, ganz idyllisch. Doch dann bricht die EDM-Hölle los. Das "Final Countdown"-Keyboard pumpt sich durch alle Strukturen. Dynamik adé. Eurodance, geplant, geschrieben und choreographiert vom Team des russischen Vorjahresteilnehmer und Drittplatzierten Sergey Lazarev. Damals schied Griechenland zum ersten Mal in der ESC-Geschichte im Halbfinale aus. In diesem Jahr soll es ein Liebeslied richten, das die Faust in der Luft ebenso will wie die Träne im Auge.

Der Song in einem Tweet: Griechenland beim #ESC2017 und die Frage: Träumen pumpende EDM-Keyboards eigentlich von der Liebe? Oder doch vom Fitnessstudio?

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Spanien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Manel Navarro - "Do it for your Lover"

Wenn Instagram-Accounts singen könnten, was bestimmt bald der Fall sein wird, dann klängen sie wie der spanische Wettbewerbsbeitrag "Do it for your Lover". Manel Navarro, ein Surfer mit blonden Wuschellocken, singt Reggae-Pop, der nicht viel mehr will als abends am Lagerfeuer vor dem VW-Bus ein bisschen gute Stimmung zu machen. Kann er, kriegt er hin, mit Akustikgitarre, Hawaiihemd und Karibikbeats. Chill halt mal, ESC, du alte Tante. Wenn Manel Navarro hier nichts gewinnt, dann fährt er morgen an den Schwarzmeerstrand.

Der Song in einem Tweet: Wenn Instagram-Accounts singen könnten, klängen sie wie "Do it for your Lover" von Manel Navarro aus Spanien #vanlife #surfing #ESC2017

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Norwegen

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Jowst - "Grab The Moment"

Geht doch! "Grab The Moment" zeigt, wie gut das wird, wenn echte Musiker tun, was ihr Job ist: Instrumente bedienen, hinter Masken verborgen im Hintergrund stehen und unter dunklen Kapuzen ein bisschen mysteriös aussehen. Und wenn Interpreten das tun, was sie am besten können: tätowiert sein, Hüte aufsetzen und die Texte, die man ihnen hinlegt, schön locker um den Beat herumwickeln. Jowst, der Kandidat, der diesen ja tatsächlich eher klischeefreien Club-Track mit dem herrlich verbogenen C-Part komponiert hat, ist nämlich die Maske hinter der Gitarre. Aleksander Walmann hat er nur zum Singen vorne hingestellt. Guter Spirit!

Der Song in einem Tweet: Daft Punk waren zu teuer - und SBTRKT zu bekifft, um die Halle zu finden. Haben wir Jowst genommen. Ist in der Hüfte eh lockerer. #ESC2017

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Großbritannien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Lucie Jones - "Never Give Up On You"

Mitstoppen macht hier besonders Spaß. "Never Give Up On You", der britische Balladen-Beitrag von Lucie Jones, ist nämliche reinste Songwriting-Arithmetik. Malen nach Zahlen. Nur mit Musik. Und mit Schablone, was heißt, dass wirklich jeder Baustein genau da liegt, wo ein Komponierroboter ihn fallen lassen würde. Nach fünf Sekunden setzt der Gesang ein. Die zwei exakt 15-sekündigen Strophendurchläufe sind für Abwechslungssimulation zweigeteilt und steigern sich, ohne sich dabei zu steigern. Nach 35 Sekunden bremst eine Mini-Bridge alles ein bisschen ab, ohne richtig abzubremsen. Nach 44 Sekunden blättert sich der Refrain auf, ohne sich richtig aufzublättern. Die zweite Strophe ist halb so lang. Aber dafür mit Beat. Bei 2.10 Minuten ist C-Part. Danach ist nur noch Refrain, bei dem der Beat richtig schiebt. Ohne richtig zu schieben. Versteht sich. Der Song macht also wirklich absolut überhaupt nichts falsch - was ja grob das Gegenteil von irgendwas richtig machen ist. Dafür klingen die dunkel gravitätischen Sounds, als hätten sie viel Geld gekostet.

Der Song in einem Tweet: Kompositions-Algorithmus mit Big-Data-Analyse von Céline Dion gefüttert. "Traurig" als Klangfarbe gewählt. Lucie Jones bekommen. #ESC2017

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Zypern

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Hovig Demirjian - "Gravity"

Hovig Demirjian aus Zypern singt verhältnismäßig schlecht. Er neigt live dazu, "flat" zu werden - man möchte also hingehen, und die Töne ein winziges bisschen nach oben schieben. Dafür haben die Beats und Projektionen bei "Gravity" ein paar düster-elegante Sci-Fi-Weltall-Momente. Ansonsten: Höhenflüge, Himmelsberührungen, hohe Berge, tiefe Meere. Alles da! Der Mensch, ein Embryo in der Unendlichkeit. Zum Glück hat Newton irgendwann die Schwerkraft erfunden.

Der Song in einem Tweet: "Gravity" von Hovig Demirjian klingt, als würden die Imagine Dragons ihren Namen tanzen. Im Weltall. #ESC2017

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Rumänien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Ilinca feat. Alex Florea - "Yodel It!"

Hat die Menschheit denn rein gar nichts verstanden? All die Fehler der Vergangenheit, hat denn niemand aus ihnen gelernt? Wenn die Pop-Geschichte eines zeigt, dann doch, dass musikalische Crossovers nie - ich wiederhole: niemals - funktionieren. Hallo? Rap-Metal? Electro-Swing? Klassik trifft Teufelsgitarre? Weil aber der ESC aus der Vergangenheit nicht lernt, kommt in diesem Jahr aus Rumänien ein Beitrag, der Rap und Jodeln miteinander vermählt. Marschtrommel. Ein Beat, den der kleine Gangster aus der Grundschule besser programmieren würde. Und zwei Künstler, die nicht wissen, ob das jetzt Ernst oder Spaß sein soll. "Der Rapper und die Jodlerin, die keine Tracht braucht", kommentierte Peter Urban im Halbfinale. Soll uns dieser emanzipatorische Fortschritt jetzt etwa freuen?

Der Song in einem Tweet: Haben Sie sich jemals gefragt, wie Ariana Grande als Alpenbäuerin klingen würde? Wir auch nicht. #ESC2017

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Deutschland

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Levina - "Perfect Life"

Zweimal Letzter. Nach Ann Sophie und Jamie-Lee soll jetzt die dritte junge Frau mit kreativem Vornamen die nächste Enttäuschung verhindern. Isabella Levina Lueen ist 25, klassisch schön und hat eine angenehm tiefe Reibeisenstimme. Das deutsche Vorentscheidspublikum hat ihr "Perfect Life" zum Singen ausgesucht. Ein eingängiges, optimistisches Lied, zu dem man schön auf zwei und vier klatschen kann, wie die Deutschen es mögen. Nur der Text, der klingt ein bisschen arg nach modernem Karriereratgeber: "Ich habe keine Angst, Fehler zu machen", "Vielleicht blühe ich außerhalb meiner Komfortzone auf." Ja, vielleicht. Eigentlich passen solche Losungen besser ins Führungskräfte-Coaching als zum ESC - aber vielleicht sind sie dort auch, als Kitsch unserer Zeit, genau richtig.

Der Song in einem Tweet: "Keine Angst vor Fehlern", "Komfortzone": Nach zwei letzten Plätzen schickt Deutschland einen Song wie aus dem Coachingseminar zum #ESC2017.

22 / 26

Ukraine

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

O.Torvald - "Time"

Es soll der politischste Eurovision Song Contest seit Jahren sein. Und mittendrin: die Ukraine. Gastgeberland, Bürgerkriegsland. Nur konsequent also, dass der ukrainische Beitrag in diesem Jahr ein Protestsong ist. Irgendwie. "Let's take time to find a place without violence", singt Frontmann Zhenia Halych zu kniekehlentiefer Gitarre. "Ein bisschen Frieden" in der Nu-Metal-Version. Aber auch wenn da eine echte, fünfköpfige Rockband mit selbstgeschriebenem Song auf der ESC-Bühne steht, "Time" von O.Torvald ist ordentlich glatt geföhnt. Seit 2005 gibt es die Band, die Besetzung wurde so lange ausgetauscht bis auch der Sound austauschbar war. Bisschen Mucker-Riffs, bisschen Keyboard-Tapete, bisschen Botschaft. Es soll ja der politischste Eurovision Song Contest seit Jahren sein.

Der Song in einem Tweet: Hätten Linkin Park nicht schon vor Jahren Relevanz und/oder Rick Rubin verloren, sie klängen heute wie O.Torvald aus der Ukraine. #ESC2017

23 / 26

Belgien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Blanche - "City Lights"

Eine der Favoriten. Keine Ahnung warum, die Belgierin klingt ein bisschen, als würde sie von Bankräubern mit vorgehaltener Waffe gezwungen zu singen. Musikalisch eine Mischung aus Frozen-Madonna und Housepop zum Einschlafen.

Der Song in einem Tweet: Blanche aus Belgien klingt, als würde sie von Bankräubern mit vorgehaltener Waffe zum Singen gezwungen - und dabei einschlafen. #ESC2017

24 / 26

Schweden

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Robin Bengtsson - "I Can't Go On"

Robin Bengtsson, Castingshow-Star aus Schweden, ist so Typus David Beckham mit der Stimme eines Erdmännchens. Das suggestive Jackett-Aufreißen seiner Tänzer während des Halbfinales war etwas verstörend, aber der funky Synthbass von "I Can't Go On" hat durchaus was - wenn er nur nicht alsbald von der totkomprimierten Wall Of Sound erschlagen würde. Im letzten Drittel des Songs gibt es mikrotonales orientalistisches Getröte, das sehr hübsch ist, zumal es so überhaupt nichts mit der sonstigen Klangwelt des Songs zu tun hat. Schamlos hirnverbrannter Eklektizismus. Dazu der Refrain: "I just can't go on no more / When you look this freaking beautiful". Wobei die Frage bleibt, womit er eigentlich nicht weitermachen kann, weil ersiees so erschreckend schön aussieht. Womit? Warum? Werden wir es je erfahren? Wenn, dann im Finale.

Der Song in einem Tweet: Robin Bengtsson, David Beckham mit der Stimme eines Erdmännchens, kann nicht weitermachen. Aber warum? #ESC2017

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Bulgarien

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Kristian Kostov - "Beautiful Mess"

Nennen wir es: das Justin-Bieber-Dilemma. Ein sehr guter Musiker betritt die Bühne und singt einen sehr durchschnittlichen Song, das aber sehr gut. Ist dem Publikum aber sowieso egal, weil es sich einzig und allein auf das Alter des Interpreten konzentriert und seine ganze Kunst vor dieser Folie rezipiert. Es wurde zu diesem ESC schon viel geschrieben über Kristian Kostov aus Bulgarien, den jüngsten Teilnehmer des Wettbewerbs. Über seine Wuschelhaare, seine Schlafzimmerblick, aber nicht über seine Kunst. Das würde man nun gerne ändern. Das Problem: Der Song, den er mit seiner sehr guten und sehr wendigen Stimme singt, ist leider tatsächlich sehr durchschnittlich. Ein bisschen zeitgemäßes Klapper-Trapper auf der Beat-Spur, warmer Wumms-Bass, einsame Gitarrennoten. Zack, Zirkelschluss. Justin Bieber hat das Justin-Bieber-Dilemma übrigens gelöst. Mittlerweile singt er sehr gute Songs. Die muss sich der junge Kristian Kostov erst noch schreiben lassen.

Der Song in einem Tweet: Lieber #ESC2017, an Kristian Kostovs "Beautiful Mess" nochmal kurz Skrillex und Diplo ranlassen, dann wird's ein Megahit.

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Frankreich

Eurovision Song Contest 2017

Quelle: dpa

Alma - "Requiem"

"Requiem" ist ein klassisches Liebeslied. Jedenfalls, wenn man nur auf den Text hört: "Küss mich, sag mir, dass du mich liebst", singt die 28-jährige Alma im Refrain. Was das mit einer Totenmesse zu tun hat? Selbst mitten in einem Requiem soll der Liebste sie noch zum Lächeln bringen. Aber auch im französischen ESC-Beitrag kann man eine subtil politische Botschaft hören, vor allem nach diesem Wahljahr. Alma singt nämlich ihren klassischen Lovesong zum klassisch französischen Thema Liebe zu einer Melodie und Musik, die extrem nach Orient klingen, nach der Weltregion also, deren Kultur Marine Le Pen viel zu unfranzösisch ist. Ihr Songschreiber ist Nazim Khaled, der auch schon am französischen Wettbewerbsbeitrag von 2015 mitgearbeitet hat.

Der Song in einem Tweet: Ein Liebeslied für die Einwanderungsgesellschaft: Almas "Requiem" erzählt klassisch französisch von Liebe und klingt nach Orient. #ESC2017

© SZ.de/doer/luch
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