American Song Contest:Kein bisschen Freude

American Song Contest: Die Moderatoren Kelly Clarkson und Snoop Dogg flippen zwar bei jedem Beitrag artig aus, aber so recht glauben kann man es ihnen nicht.

Die Moderatoren Kelly Clarkson und Snoop Dogg flippen zwar bei jedem Beitrag artig aus, aber so recht glauben kann man es ihnen nicht.

(Foto: AdMedia /MediaPunch)

Die Amerikaner machen jetzt ihren eigenen Eurovision Song Contest, den sogenannten ASC. Dabei fehlt leider eine ganz entscheidende Zutat.

Von Jürgen Schmieder

Irgendwas fehlt - nur: Was? Nein, Snoop Dogg ist es nicht. Das rappende Gesamtkunstwerk ist immer da, wenn derzeit in den USA irgendwas wegmoderiert werden muss; das tut er beim American Song Contest gemeinsam mit American-Idol-Legende Kelly Clarkson. Musik fehlt auch nicht, es gibt etwa: K-Pop aus Oklahoma, Cowboy-Rap aus Wyoming, Glamour-Pop aus Iowa, Electronic Dance Music aus Nevada, Christliche Dance-Klavier-Mischung aus New Hampshire. Ein Potpourri, dessen Bandbreite auf der Entertainment-Skala von "Möööp" bis Freddie Mercury reicht und bei der Qualität von Gejaule bis, nun ja, fast Freddie Mercury.

Das Prinzip der Show funktioniert auch wie beim Vorbild aus Europa, dem Eurovision Song Contest - nur eben in den USA. Jeder Bundesstaat schickt Kandidaten: Connecticut den When-a-Man-Loves-a-Woman-Schmachthammer Michael Bolton zum Beispiel oder Maryland den Glam-Rapper Sisqó, vor mehr als 20 Jahren bekannt für seinen "Thong Song", eine Hommage an knappste Unterhöschen an Frauenhintern. Aus Alaska kommt die einstige Singer-Songwriter-Ikone (inzwischen aber eher Scheunenparty-Entertainerin) Jewel und aus Ohio Macy Gray. Die vier haben insgesamt 155 Millionen Platten verkauft; an Starpower mangelt es also auch nicht, auch wenn diese Sterne nicht mehr so ganz hell strahlen mögen.

Snoop Dogg nennt den Acht-Folgen-Wettbewerb "Super Bowl der Musikshows", ein arg großzügig bedienter Superlativ, wie sich herausstellen wird. Die Amerikaner kennen den ESC, weil Netflix sich einst die Rechte an den ESCs 2019 und 2020 gesichert hatte, um den Will-Ferrell-Film Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga zu promoten. Darin geht es um talentbefreite Musiker aus Island, die aus hanebüchenen Gründen ins Finale kommen. Es wurde der meistgesehene Netflix-Film am Startwochenende im Juni 2020, der Song "Husavic" war sogar für den Oscar nominiert.

American Song Contest: So durchgeknallt wie das Original kann keine Kopie der Welt sein. Will Ferrell und Rachel McAdams in der ESC-Parodie "The Story of Fire Saga".

So durchgeknallt wie das Original kann keine Kopie der Welt sein. Will Ferrell und Rachel McAdams in der ESC-Parodie "The Story of Fire Saga".

(Foto: Elizabeth Viggiano/AP)

Die Amerikaner sahen diese durchgeknallte Komödie als überkandidelte Persiflage. Die Reaktionen auf sozialen Netzwerken, wie herrlich verrückt das doch sei, führten dazu, das Format mal in den USA zu probieren. Europäer jedoch betrachteten The Story of Fire Saga als eher unverstellten Dokumentarfilm, so ist dieser Wettbewerb nun mal: eine durchgeknallte Komödie und überkandidelte Persiflage auf sich selbst. Das macht ja genau den Charme, den Zauber und damit auch den Erfolg des ESC aus.

Hier versuchen Amerikaner, etwas zu kreieren, das man nicht erschaffen kann

Derzeit treten also 56 Teilnehmer (neben Bundesstaaten sind auch Puerto Rico, Guam, American Samoa, Virgin Islands und Northern Mariana Islands dabei) gegeneinander an, die sich in fünf Runden fürs Halbfinale qualifizieren sollen, regionale Vorausscheidungen gibt es nicht. Eine Woche vor dem echten ESC in Turin findet das amerikanische Finale statt. "March-Madness-Style", sagt Snoop; noch so eine zweifelhafte Sport-Analogie: Beim K.-o.-Turnier im Uni-Basketball fiebern die Amerikaner mit wie die Wahnsinnigen, beim ASC hat sich die Zahl der Livezuschauer seit der ersten Folge (2,9 Millionen) mal schnell halbiert: Nur noch 1,44 Millionen Amerikaner sahen Quali-Runde vier.

Es ist also nicht der Super Bowl (sahen in diesem Jahr 110 Millionen) und auch nicht der Wahnsinn im März, sondern der Versuch der Amerikaner, etwas zu kreieren, das man nicht erschaffen kann, weil es wachsen muss. Was genau passiert, wird beim Auftritt von Jordan Smith aus Kentucky sichtbar: Der hat eine unfassbare Stimme (fast Freddie) und vor sieben Jahren den Gesangswettbewerb The Voice gewonnen. Toller Künstler, toller Song ("Sparrow"), sie überfrachten den Auftritt allerdings mit einer erzwungenen Homestory aus Kentucky und Hinweisen auf den ESC, in dem Fall: Smith hat einen Song für Céline Dion geschrieben, die hat doch 1988 den ESC gewonnen - verrückt!

Wenn die Amerikaner (pop-)kulturelle Phänomene zu sich holen, dann vereinnahmen sie diese komplett und überhöhen sie auf brutalstmögliche Weise: Eine Bratwurst ist dann keine Bratwurst mehr, sondern ein Monstrum mit Käse darin, Luc Bessons Meisterwerk La Femme Nikita wird ein luschiger Langweiler, Spaghetti wird auf Pizza serviert, weil lecker plus lecker natürlich noch viel leckerer sein muss. Der ESC ist bereits in Europa eine auf brutalstmögliche Weise überhöhte Veranstaltung. Wer das nicht glaubt, möge sich die herrlichen Beiträge ansehen, die Moldau und Norwegen in Turin präsentieren werden. Der erste handelt von einer Zugfahrt mit Folk-Rock-Party; der andere davon, einem Wolf doch bitteschön eine Banane zu geben.

Die Moderatoren rasten nach jedem Song aus - kann das echte Magie sein?

Die Amerikaner versuchen, die Tradition des ESC nachzubauen, in ihr Gesangswettbewerb-Schema mit mehreren Folgen zu pressen und das Ganze einfach mal schnell in Los Angeles zu produzieren. Was fehlt, sind Referenzen auf mehr als 60 Jahre Musikgeschichte verbunden mit dem Augenzwinkern, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Der ASC ist das Gegenteil; was Neues, das sich selbst viel zu ernst nimmt und gleichzeitig durchgeknallt-überhöht daherkommen will.

Seine Magie lässt sich nicht erzwingen, und genau das ist es, was dieser Show fehlt: diese Was-in-aller-Welt-war-das-denn-jetzt-Momente, die sich ins Gehirn tätowieren, ob wegen grandioser musikalischer Qualität oder Durchgeknalltheit. Wenn Moderatorin Clarkson nach wirklich jedem Lied ausrastet, als hätte sie Freddie gehört, dann wird es beliebig. Wenn Snoop Dogg nicht aufhört, die größtmöglichen Vergleiche zu bedienen, wird einem klar: Diese Show ist eine weitere amerikanisierte Bratwurst. Völlig überladen und dennoch stinklangweilig.

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