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"Doppelpass" auf Sport1:Damit ist nicht zu spaßen

Doppelpass

Ist der Doppelpass nun eine Sendung für Hardliner oder einfach für all jene, die Freude am Belanglosen empfinden?

(Foto: Nadine Rupp)

"Doppelpass" nimmt seit 25 Jahren den Fußball so ernst wie seine Fans: als wichtigste Hauptsache der Welt. Und doch ist erstaunlich, wie wenig sich die Sendung in einem Vierteljahrhundert verändern musste - oder durfte.

Von Thomas Hürner

Hach, dreht sich die Welt inzwischen nicht ein bisschen schnell? Klar, diese ganzen Debatten sind schon wichtig, sie sind aber auch kompliziert, und manchmal will man ja auch Pause haben und nix hören von Progressivität, Diversität, Klimakrise oder Frauenquoten. Sondern sich einfach mal gemütlich in den Sessel fläzen, einen Schluck von seinem Weißbier nehmen und dabei zugucken, wie der frühere Skandalprofi Mario Basler am Sonntagmittag selbiges tut, ehe er zur nächsten Verbaloffensive ansetzt und die Männerrunde ordentlich zusammenfaltet.

Gut, ein paar Frauen haben auch schon Platz nehmen dürfen im Doppelpass, vor ein paar Wochen erst die kundige Zeit-Redakteurin Cathrin Gilbert. Für den Fußballstammtisch, der vor 25 Jahren seine Premiere feierte, lassen sich bei diesem Thema ohnehin mildernde Umstände beantragen, stellen sich der Sportjournalismus und die Kickerbranche im Allgemeinen da auch nicht viel zeitgemäßer an. Die Zuschauer jedenfalls halten zu der Sendung so treu wie zu ihrem Verein, noch immer schaltet regelmäßig ein Millionenpublikum ein, in der Kernzielgruppe (Männer von 14 bis 59 Jahren) sind es manchmal bis zu 15 Prozent Marktanteil. Nicht schlecht für den Nischensender Sport1.

Das sind aber nur Zahlen, der wahre Stellenwert eines Fußballformats bemisst sich natürlich daran, wie oft ein wutschnaubender Uli Hoeneß per spontaner Telefonschalte die Sendung crasht und einem der anwesenden Experten attestiert, dass dieser "ja gar keine Ahnung hat". In der vergangenen Saison: immerhin ein Mal. Die Meisterkrönung gab es aber bereits Jahre zuvor, als Harald Schmidt in seiner Late-Night-Show (Zielgruppe: der männliche Intellektuelle) eine Doppelpass-Folge inszenieren ließ. Damals natürlich mit von der Partie: Moderator Jörg Wontorra und der 2015 verstorbene Udo Lattek, für viele bis heute das Gesicht der Sendung. Lattek war nicht nur Meistermacher in Mönchengladbach, München und Barcelona, sondern auch ein Scharfmacher aus tiefster Überzeugung. "Wie man in den Wald reinruft, schallt es wieder raus", bellte Alphatier Lattek dem Alphatier Hoeneß mal entgegen. Aus dem folgenden Schlagabtausch ergab sich dann ein fast schon erhabener Fernsehmoment: Hoeneß nickte anerkennend und schwieg. Man darf gespannt sein, ob an diesem Sonntag wieder jemand den einstigen Bayern-Boss in die Schranken weisen kann. Bei der Jubiläumssendung wird natürlich auch Hoeneß zu den Gästen gehören.

"Wenn Fußball Religion ist, ist der Doppelpass der Gottesdienst" lautet das Motto

Es ist schon erstaunlich, wie wenig sich der Doppelpass in einem Vierteljahrhundert verändern musste oder durfte. Die Sendung existiert schon länger als Talkshows von politischer Tragweite, Sabine Christiansen ging erst drei Jahre später an den Start. Beim Doppelpass ist aber alles nochmal ideologischer, als Zuschauer bekannte man sich zu einer klaren Geisteshaltung. "Wenn Fußball Religion ist, ist der Doppelpass der Gottesdienst", lautet das offizielle Motto von Sport1, und wie in der Kirche folgt die sonntägliche Veranstaltung gewissen Riten. Nur halt mit Weißbier statt Oblaten, Phrasenschwein statt Klingelbeutel und einer Art Beichtstuhl, auf dem meist ein Trainer oder Funktionär sitzt. An der Hexenjagd beteiligt sich dann auch Volkes Stimme, die über das sogenannte Dopafon eingespielt wird und um radikale Forderungen selten verlegen ist. Trainer Soundso erreicht die Mannschaft nicht mehr, die sportliche Führung hat mal wieder die falschen Spieler verpflichtet, und was ist eigentlich mit dem Boateng los? Können alle weg, am besten sofort!

Es wäre aber mindestens - drei Euro ins Phrasenschwein! - ein gelbwürdiges Foulspiel, wenn man den Doppelpass auf einfältigen Fußballpopulismus reduziert. In den 25 Jahren saßen schon sämtliche Branchengrößen in der Runde, beginnend bei "A" wie Assauer, "B" wie Beckenbauer, "C" wie Calmund, die Liste lässt sich erweitern um den Namen Jürgen Klopp und endet noch lange nicht mit dem früheren Bundestrainer Rudi Völler oder Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Auch Gelehrte des Ballsports kommen gerne ins Münchner Flughafenhotel, von dem aus in die Republik gesendet wird: Der Philosoph Wolfram Eilenberger war schon da, genauso wie die FAZ-Koryphäe Roland Zorn oder 11 Freunde-Chef Philipp Köster, der sich dann mit spitzbübischer Freude über die Auswüchse des globalen Fußballkapitalismus hermacht. Seit 2015 wird der Doppelpass von Thomas Helmer moderiert, als ehemaliger Libero geht er die Sache umsichtiger an als seine Vorgänger. Einige Fans hatten deswegen schon den Untergang ihrer Unterhaltungsshow prophezeit. Sie irrten: Es wird nur nicht mehr ganz so scharf geschossen.

"Wir sind das Zentralorgan der deutschen Fußballfans geworden"

Trotzdem überwiegt manchmal das merkwürdige Erscheinungsbild der Sendung, was nicht nur an den schlecht geschnittenen Sakkos einiger Gäste liegt. Ein bisschen dick aufgetragen wird ja auch, wenn aus Hamburg oder Gelsenkirchen in Live-Schalten wie aus Krisengebieten berichtet wird, nur weil die ortsansässigen Vereine mal wieder im Schlamassel stecken. Der Doppelpass nimmt sich selbst und den Fußball auch dann noch todernst, wenn ein Augenzwinkern das geeignetere Stilmittel wäre. Andererseits gibt es ja genug Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass mit Fußball nicht zu spaßen ist.

Ist der Doppelpass nun eine Sendung für Hardliner oder all jene, die Freude am Belanglosen empfinden? Eine Antwort können vielleicht zwei seiner Gründungsmitglieder geben. In einer Art Dopafon-Konferenz grüßen Kai Blasberg, der Erfinder, und Rudi Brückner, der erste Moderator des Fußballtalks. "Wir sind das Zentralorgan der deutschen Fußballfans geworden", sagt etwa Brückner, was durchaus überzeugt klingt für einen, der anfangs gar nicht Teil der Revolution sein wollte. Als sein damaliger Programmchef Blasberg ihm die Moderation offerierte, habe Brückner noch geantwortet: "Ich rede doch nicht jeden Sonntag mit alten Männern über Fußball!"

Tat er dann doch, ohne zu ahnen, was damit in Gang gesetzt würde. Angedacht war der Doppelpass als sportliches Pendant zum Internationalen Frühschoppen, dem zigarettenverrauchten Intellektuellentreff des Westdeutschen Rundfunks. Auch der Doppelpass habe dann "den Zeitgeist beeinflusst", sagt Erfinder Blasberg. Man will dem selbsternannten "Impresario aus Grünwald" da auch nicht widersprechen, ergeben sich aus dem unendlichen Bundesliga-Epilog doch beruhigende Gewissheiten.

Um die Welt kann es so schlecht nicht stehen, solange darüber diskutiert wird, ob kalibrierte Abseitslinien fehleranfällig sind, warum es auf Schalke wieder kurz vor zwölf ist und ob der Labbadia bei der Hertha jetzt langsam mal die Kohlen aus dem Feuer holt. Und welches Fernsehformat kann schon von sich behaupten, einem Stück Porzellan zu nationaler Bekanntheit verholfen zu haben? Das erste Phrasenschwein hat Blasberg übrigens selbst beim Marktkauf in Unterföhring erstanden, die Runde musste ja ein bisschen diszipliniert werden. Kostenpunkt: 1,99 Mark. Dürfte sich also amortisiert haben.

Die Essenz der Sendung hat aber nie jemand so gut erklärt wie Zuschauer Heinz. Der war während eines Endlosmonologs eines Experten mal weggenickt, gut sichtbar für das Publikum vor den Fernsehern. Hinterher wurde er vor der Kamera zur Rede gestellt. "Ich hab' nicht geschlafen", sagte Heinz, "ich hab' von den alten Sendungen geträumt."

© SZ/hy/ebri

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