bedeckt München

ARD-Doku "V-Mann-Land":Untiefen des Spitzel-Geschäfts

V-Mann-Land

Die Doku V-Mann-Land - Spitzel im Staatsauftrag zeigt die Untiefen im Spitzel-Geschäft.

(Foto: Thorsten Backofen/rrb)

In der rechten Szene sind V-Leute oft selbst Extremisten. Der Film "V-Mann-Land - Spitzel im Staatsauftrag" beleuchtet das V-Mann-Wesen - doch auch ehemals militante Neonazis dürfen erzählen.

Von Tanjev Schultz

Wenn Wolfgang Frenz sich mit den Beamten des Verfassungsschutzes traf, gingen sie oft in ein chinesisches Restaurant. Frenz war jahrzehntelang ein sogenannter V-Mann: Er verriet dem Geheimdienst Informationen aus der rechten Szene und der NPD. Nun speist der alte Herr vor der Kamera, wieder beim Chinesen, und erzählt, wie es so war mit der Spitzelei. Sein V-Mann-Führer habe "Siegfried" geheißen, mit ihm habe er sich über Frauen und übers Angeln unterhalten. Siegfried sei in Ordnung gewesen, er habe nur einen Fehler gehabt: "Man kam nicht zu Wort. Er redete ohne Unterlass."

Jetzt spricht Frenz. Und andere ehemalige V-Männer, die in diesem Film von Katja und Clemens Riha auftreten. Die Perspektive wird schnell klar: Der Staat betreibt ein gefährliches Geschäft. V-Leute in der rechten Szene sind in der Regel selbst Extremisten. Es geht ihnen ums Geld, nicht um den Kampf gegen den Extremismus. Einer, der angeblich zur Vernunft gekommen ist, sagt: "Ich habe im Prinzip im Auftrag des Staates Leute dazu gebracht, Straftaten zu begehen."

Das NPD-Verbot scheiterte an den V-Leuten

Frenz behauptet gar, ohne das Geld vom Verfassungsschutz hätte die NPD nicht gegründet werden können. Ob das stimmt, hinterfragt der Film nicht. Sicher ist, dass der erste Anlauf für ein NPD-Verbot an den V-Leuten scheiterte, die bis in die Parteispitze platziert wurden. Das Bundesverfassungsgericht wies 2003 einen Verbotsantrag zurück, weil der Staat einen steuernden Einfluss auf die NPD gehabt haben könnte. Frenz wurde damals enttarnt, seitdem plaudert er von Zeit zu Zeit öffentlich über seine Zeit als Spitzel.

Der V-Mann Kai D. zeigt sich nur mit einer Sturmhaube, bei der nicht einmal die Augen frei bleiben. So sieht er aus wie ein Protagonist der Sado-Maso-Szene. Kai D. ist ein großer Schwätzer, wie man unlängst auch im Prozess gegen die Täter des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) feststellen konnte, in dem er als Zeuge auftrat. Wie die meisten Ex-Spitzel stellt er sich selbst als friedfertigen Zeitgenossen dar und schiebt alles Böse anderen zu.

Der Geheimdienst dementiert die Aussage des V-Manns. Wer lügt?

Verdienstvoll beleuchtet der Film das V-Mann-Wesen. Problematisch ist, dass die zwielichtigen Charaktere ihre Geschichten zum Teil ohne ausreichende Einordnung ausbreiten können. Zwar nehmen Politiker und Experten Stellung, die nötige Distanz entsteht aber nicht immer. So darf Michael von Dolsperg, einst ein militanter Neonazi, unwidersprochen erzählen.

Unter dem Decknamen "Tarif" arbeitete er für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Wie andere V-Leute hatte er früher womöglich auch Kontakt zu den Neonazis aus Thüringen, die den NSU gründeten. Als Dolsperg enttarnt wird und das Bundesamt ihm nicht hilft, sein Leben neu zu ordnen, packt er aus: Dem Spiegel und auch der SZ erzählt er, ein Kamerad habe ihn 1998, nach dem Untertauchen des Thüringer Trios, nach einer Bleibe für die drei gefragt. Dolsperg will sich beim Bundesamt erkundigt haben, was er tun sollte; es wäre die Gelegenheit gewesen, das Trio zu fassen. Doch das Amt habe gesagt, er solle nichts tun. Diese Geschichte kann stimmen - oder auch nicht. In dem Film darf Dolsperg, der offenkundig ein Interesse daran hat, seine Geschichte zu verkaufen, alles noch einmal erzählen. Das Bundesamt hat die Version dementiert. Wer lügt?

Der Film zeigt gut die Untiefen im Spitzel-Geschäft. Der Geheimdienst darf den V-Leuten nicht trauen. Journalisten sollten es auch nicht. Sie haben aber noch ein weiteres Problem: Auch dem Geheimdienst können sie nicht immer alles glauben.

V-Mann-Land - Spitzel im Staatsauftrag. Das Erste, 22.45 Uhr.

© SZ vom 20.04.2015/ebri

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite