ARD-Doku über Profiler Tiefer, als die Leichen begraben sind

Wie ticken Fallanalytiker wie Helen Morrison? - fragt der Film der Österreicherin Barbara Eder.

(Foto: SWR/Belle Epoque Film)

"Blick in den Abgrund": Ein Porträt über sechs Profiler weltweit erliegt der Faszination des Bösen. Die Gewalt der Bilder eskaliert.

Von Benedikt Frank

Helen Morrison sitzt mit ihrer Familie beim Mittagessen. Erst reicht sie noch die Salatschüssel weiter, dann beginnt sie das Tischgespräch: "Es war eine handgezeichnete Weihnachtskarte von John Wayne Gacy, der damals der furchtbarste aller Serienmörder in den USA war." Morrison ist Profiler, zu Deutsch: Fallanalytikerin, aber das Wort trifft es nicht ganz. Sie untersucht nicht nur die Fälle, sie untersucht die Täter, zeichnet psychologische Porträts der Killer. So erstellte sie im Auftrag der Verteidigung ein Gutachten über Gacy, der 33 Menschen ermordete. Irgendwie kam er an ihre Adresse und sie so an seinen Weihnachtsgruß. Beunruhigt ist die Tischgemeinschaft durch diese Geschichte nicht.

Barbara Eder verfolgt in Blick in den Abgrund sechs Profiler aus den USA, Südafrika, Finnland und Deutschland. Immer wieder inszeniert sie diese beim Essen, lässt sie von ihrer unappetitlichen Arbeit berichten, als wäre sie nur irgendein Job. Die Botschaft: Profiler schalten nicht ab, niemals. Und so gestellt die Szenen wirken, sie machen doch neugierig: Wie ticken die Menschen, die herausfinden wollen, wie die schlimmsten Verbrecher ticken?

Eine interessante Frage, zumal sie von den zahlreichen sensationslüsternen Mörder-Dokus im Privatfernsehen nie gestellt wird. Die österreichische Regisseurin kommt ihren Protagonisten nahe. Die Finnin Helinä Häkkänen-Nyholm sagt, dass sie mit einem anderen Beruf vielleicht glücklicher sein könnte. Auch die Mimik ihrer Kollegen zeigt selten Freude, ist meist neutral, nachdenklich.

Herzlich lachen können nur drei FBI-Rentner, wenn sie sich Das Schweigen der Lämmer ansehen und sich dabei an alte Zeiten erinnern. 20 Fuß unter der Erdoberfläche lagen ihre Büros, durch die auch Jodie Foster im Film geht, 10 Fuß tiefer, als die meisten Leichen begraben sind.

Nüchtern und sachlich versuchen sie, grausame Morde zu rationalisieren

Die Protagonisten sprechen nicht nur von ihrem gemeinsamen Beruf, sie müssen dabei auch über die Täter reden. Nüchtern und sachlich, geradezu bürokratisch versuchen sie die grausamen Morde zu rationalisieren. Gérard Labuschagne, investigativer Psychologe aus Südafrika, rechnet sogar auf: Selbst einer, der 16 Morde begeht und für jeden zwei Stunden braucht, hat "nur" 32 Stunden seines Lebens gemordet und war die restliche Zeit normal.

Opfer, Täter, Profiler: Alle Serienmörder haben ein vereinnahmendes Wesen - es vereinnahmt auch diese Doku.

(Foto: SWR/Belle Epoque Film)

Immer wieder stellt sich die Frage nach dem Warum. So rückt die Dokumentation letztendlich doch die Täter ins Zentrum. Alle Serienmörder haben ein vereinnahmendes Wesen, kommentiert Helen Morrison, es vereinnahmt auch die Doku.

Der Film will nicht reißerisch sein. Er verzichtet etwa auf Musik. Und doch eskaliert die Gewalt der Bilder. Erst werden die brutalen Verbrechen nur nacherzählt, plastisch genug. Dann kommen immer mehr Tatortfotos vor, erst schwarz-weiß, dann in Farbe. Nicht erst, wenn vom PC-Bildschirm eines Profilers ein Überwachungsvideo abgefilmt wird, das offenbar einen Mord zeigt, stellt sich eine neue Frage: Braucht es solche traumatisierenden Bilder wirklich? Dem Porträt der Profiler fügen sie nichts hinzu.

Blick in den Abgrund - Profiler im Angesicht des Bösen, ARD, 22.45 Uhr.