bedeckt München 20°

Deutscher Fernsehwahnsinn:Jürgen Werner - die Schreibmaschine

Jürgen Werner

Jürgen Werner schrieb seine ersten Texte für die Waiblinger Kreiszeitung, bevor er anfing, Drehbücher zu verfassen. Heute ist er einer der meistgebuchten Autoren.

(Foto: WDR/Herby Sachs)

Jürgen Werner gehört zu den schaffenfreudigsten Drehbuchautoren des Landes - weil er lustige Nonnen und ähnlich gute Menschen genauso ernst nimmt wie "Tatort"-Kommissare, die vom Leben ramponiert sind.

Von Katharina Riehl

Neulich hatten die Nonnen im Kloster Kaltenthal mal wieder alle Hände voll zu tun. Ein Vater hatte sein Kind in einer Gaststätte zurückgelassen, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Da mussten sich Schwester Hanna und die anderen Ordensschwestern natürlich um das Mädchen kümmern, danach auch noch die Ehe seiner Eltern retten und - klar - dem Bürgermeister Wöller ordentlich den Marsch blasen, denn der war selbstverständlich auch diesmal schuld an der ganzen Misere.

Seit Mitte Januar läuft die 15. Staffel der Serie Um Himmels Willen in der ARD. Seit 2002 kämpfen darin ein paar Nonnen gegen das Übel in Kaltenthal (hauptsächlich verkörpert von jenem Bürgermeister Wöller), und zum Erfolgsgeheimnis der Serie gehört zweifellos die Tatsache, dass es am Ende immer gut ausgeht. Oder wie Jürgen Werner es formuliert: "Um Himmels Willen hat eine sehr klare Struktur, ähnlich wie das Traumschiff eine hat: 30 Minuten auf dem Schiff, 30 Minuten an Land, dann wieder zurück aufs Schiff, und am Schluss kommt die Eisbombe."

Deutsches Fernsehen funktioniert nach altem Rezept

Um Himmels Willen ist quotenmäßig eine der erfolgreichsten Serien im deutschen Fernsehen, und Jürgen Werner ist ihr Drehbuchautor; nach 13 Staffeln hat er sie von seinem Vorgänger und Freund Michael Baier übernommen. Zugetraut hat man ihm das große Erfolgserbe, weil Jürgen Werner schon die ein oder andere Erfahrung mit dem deutschen Serienalltag gemacht hatte.

Er schreibt Traumschiff-Episoden und von 2003 bis 2012 erdachte er die Geschichten zur ZDF-Serie Forsthaus Falkenau, in der anstelle der Nonnen eben ein Förster gegen die Übel des Welt kämpfte. Das Forsthaus ist zwar inzwischen geschlossen, aber bei allen Debatten um Zustand und Zukunft des deutschen Fernsehens ist klar: Nonnen, Ärzte, Bergretter und ähnlich gute Menschen sind der deutsche Serienalltag. Und so lange sie jede Woche den Quotenschnitt ihrer Sender nach oben jagen, wird das auch so bleiben.

...und Jürgen Werner kennt es

Jürgen Werner, den Mann aus dem Maschinenraum des deutschen Fernsehwahnsinns, trifft man an einem kalten Januartag in Stuttgart nahe des Hauptbahnhofs. Werner kommt gerade erst an und muss auch bald wieder weg, zum WDR, um über seine neue Tatort-Folge zu sprechen, aber dazu später. Erst einmal sagt er: "Wenn ich die teilweise sehr zynischen Kommentare von Kritikern über Formate wie das Traumschiff lese, wie sie das Produkt, aber auch die Zuschauer, fertigmachen, denke ich mir immer: Habt ihr keine Mutter zu Hause, die das sonntags gerne guckt? Das sind doch nicht alles Idioten."

Um Himmels Willen XV. Staffel, Folge 191

Kopf steht die Welt bei Schwester Hildegard (Andra Sihler) und den Nonnen von Kloster Kaltenthal regelmäßig - manchmal sogar im Wortsinn.

(Foto: ARD/Barbara Bauriedl)

Es ist sehr lustig, sich mit Jürgen Werner, 52, über sein Leben und das deutsche Fernsehen zu unterhalten, was in weiten Teilen durchaus deckungsgleich ist. Jürgen Werners Name taucht in schon fast unglaublicher Regelmäßigkeit im Stab deutscher TV-Projekte auf, es gibt kaum eine Reihe, für die er noch nicht geschrieben hätte, von Schloss Einstein über den Bergdoktor bis zu drei Folgen Schimanski.

Eine Karriere von ganz unten

Werner ist eigentlich Fernmeldeelektroniker von Beruf, machte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und fing währenddessen an, in einem Buchladen zu jobben. "Dort gab es Lesungen mit Menschen wie Dieter Hildebrandt. Ich kam in Kontakt mit einer Welt, die mir bis dahin völlig fremd war. Ich hatte es vorher nie so mit dem Bücherlesen."

Irgendwann kam er mit einem Freund auf die Idee: Wir könnten doch Drehbücher schreiben. "Unsere ersten Bücher wurden allesamt abgelehnt. Einmal bekam ich es sogar schriftlich, dass ich das Drehbuchschreiben lassen soll, weil ich leider völlig talentfrei" sei.

Er ging dann, das sagt er selbst, so lange irgendwelchen Menschen auf die Nerven, bis er irgendwann in die Autorenförderung des ZDF aufgenommen wurde, was aber immer noch keine Früchte trug, bis er Mitte der Neunzigerjahre schließlich Assistent des Script Editors bei der erfolglosen Sat 1-Soap So ist das Leben! Die Wagenfelds wurde: "Darunter kommt nur noch der Wasserträger." Von dort aus hat er sich nach und nach vom Script Editor über den Dialog Editor über den Chefdramaturg zum Autor "hochgearbeitet".

Jetzt könnte man den Werdegang des Jürgen Werner natürlich leicht als Beleg dafür verwenden, dass im deutschen Fernsehen Menschen mit wenig Talent Serien mit wenig Tiefgang verfassen. Aber, wie in einem guten Drehbuch: So einfach ist die Geschichte nicht. Vor etwa vier Jahren hat Jürgen Werner für den WDR eines der besten Teams der Tatort-Reihe erfunden, das aus Dortmund mit Jörg Hartmann und Anna Schudt in den Hauptrollen. Er schrieb die ersten fünf Folgen, entwickelte den vom Leben ramponierten Kommissar Faber. Weiter weg vom Forsthaus kann eine Fernsehfigur kaum sein.

Der Mensch im Mittelpunkt

Man kann viel lernen über das deutsche Fernsehen, über Kunst, über Handwerk und über die Arroganz der Kritiker, wenn man von Jürgen Werner wissen will, wie das alles zusammengeht: die Abenteuer der patenten Nonnen, die Försterfamilie aus Küblach ("Der Erfolg war sicher die heile Welt und dass Bambi durchs Bild lief") und der düstere, oft anspruchsvolle Dortmunder Tatort.

Jürgen Werner erklärt es so: "Bei Serien wie dem Forsthaus lernt man, Geschichten aus den Figuren heraus zu entwickeln. Es passiert ja im Grunde nicht viel, trotzdem müssen die Figuren miteinander sprechen, etwas erleben, etwas durchleben. Du bist gezwungen, dich mit den Menschen zu befassen." So ungewöhnlich es vielleicht klinge: "Ohne Forsthaus Falkenau, kein Tatort Dortmund: Das eine baut auf dem anderen auf."

Routine statt Genie? Höchste Ehren verweisen auf anderes

Natürlich ist Um Himmels Willen eine schlicht gebaute Serie, die mit immer ähnlichen Geschichten die Intelligenz ihrer Zuschauer nicht strapaziert. Das muss man nicht toll finden, aber wahr ist: Freundliche Serien wie diese - oder wie sie in den Neunzigern im Vorabendprogramm von ARD und ZDF Erfolg hatten, Alle meine Töchter, Aus heiterem Himmel, Samt und Seide (auch Jürgen Werner) - sind handwerklich oft gut gemacht.

Nicht von allen Serien der vergangenen Monate, die mit großem Hallo die Zukunft des deutschen Fernsehens einläuten sollten, kann man dasselbe behaupten. Jürgen Werner hat in manchen Jahren 20 bis 30 Drehbücher geschrieben: Routine statt Genie. Sein Dortmund-Tatort jedenfalls war im vergangenen Jahr für den Grimme-Preis nominiert.

Derzeit übrigens entwickelt Jürgen Werner noch einen Tatort, den neuen aus dem Schwarzwald mit Harald Schmidt. Dessen Verpflichtung sei, sagt er, "ein großer PR-Coup und zugleich eine große Herausforderung". Ein Alleinunterhalter im Ermittlerteam. "Wir sind noch mittendrin in der Entwicklung, mal sehen, wohin die Reise letztendlich geht", sagt Jürgen Werner. Ganz sicher an einen Ort irgendwo zwischen Kaltenthal und Dortmund.

Um Himmels Willen, ARD, 20.15 Uhr.

© SZ vom 09.02.2016/roho
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema