Hörspiel "Dankbarkeiten":Sprachlos

SWR2 Hörspiel am Sonntag

Wahlverwandtschaften: Für Marie etwa ist die ehemalige Nachbarin Michka (Hedi Kriegeskotte) wie eine Großmutter.

(Foto: Christian Koch/SWR)

Im Hörspiel "Dankbarkeiten" verliert eine Frau ihre Worte - und hilft trotzdem ihrem Umfeld.

Von Stefan Fischer

"Ich verliere viel", sagt Michka. Die alte Dame meint damit nicht ihre Schlüssel oder ihr Portemonnaie. Auch nicht wirklich das Gedächtnis. Denn sie erinnert sich noch sehr gut an die meisten Dinge in ihrem Leben. Und obwohl sie nur noch die Überschriften liest, sieht sie jeden Morgen Le Monde durch, die ihr seit Jahrzehnten vertraute Zeitung. Michka ist ein kritischer, immer noch wacher Geist, sie liebt die Literatur von Virginia Woolf und Sylvia Plath.

Was Michka verliert, sind Worte. Sie leidet an einer beginnenden Aphasie. Diese Sprachstörung lässt sie die korrekten Begriffe vergessen. Dadurch kann sie sich anderen Menschen immer schlechter mitteilen. Doris Heinemann hat den Roman Dankbarkeiten von Delphine de Vigan sehr kreativ übersetzt, denn die falschen Bezeichnungen, die Michka findet, ähneln den korrekten. Das lässt sich mit einer wortgetreuen Übertragung aus dem Französischen nicht wiedergeben. Michka sagt schwerlich, wenn sie schwierig meint, Dante für Danke, Beischätzung für Beisetzung.

Insgeheim ist es die weise Michka, die die beiden anderen therapiert

Das kann, wenn man nicht den richtigen Ton trifft, ins Kalauerhafte abgleiten. Doch Irene Schuck entwickelt in ihrer Hörspielinszenierung des Stoffes eine große Sensibilität für die Nöte der Hauptfigur, die von Hedi Kriegeskotte gespielt wird. Michka trifft sich regelmäßig mit Marie und Jérôme, gesprochen von Jenny König und Nico Holonics. Für Marie, eine ehemalige Nachbarin, ist Michka wie eine Großmutter. Sie hilft der alten Frau, ein Ehepaar zu finden, das ihr einst das Leben gerettet hat. Jérôme ist ein Therapeut, der Sprachübungen mit ihr macht.

Insgeheim ist es jedoch die weise Michka, die mit ihrer Lebensklugkeit die beiden anderen therapiert. Ganz sanft, über die Umwege einer verschobenen Sprache, die manchmal genau ins Schwarze trifft. Und so helfen sich in dieser Geschichte drei Menschen in komplizierten Lebensphasen, indem sie Empathie füreinander entwickeln.

Dankbarkeiten, SWR 2, Sonntag, 18.20 Uhr.

© SZ
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