Chile: Reporter am Grubenunglück:Breaking News vom Bohrloch

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Stars aus der Unterwelt: Das bizarrste Pressezentrum der Erde steht in Chiles Wüste. Journalisten aus aller Welt berichten von dort über das Grubenunglück.

Peter Burghardt

Alicia Campos hat ihren Posten an dicken Felsen aufgeschlagen und gleich bei der Schranke mit den Polizisten, dahinter soll zur Wochenmitte ihr Sohn aus dem trockenen Boden geholt werden und noch berühmter werden. Seit zwei Monaten sitzt die Mutter von Daniel Herrera an einer Feuerstelle unter Zeltplanen und hofft, dass ihr Sohn wie 32 andere Bergarbeiter aus dieser Mine San José 700 Meter unter Chiles Atacama-Wüste befreit wird.

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Medienrummel in der Wüste: Der für Bergbau verantwortliche chilenische Minister Laurence Golborne spricht während einer Pressekonferenz über den Stand der Rettungsarbeiten am der eingestürzten Grube.

(Foto: AFP)

"Wir warten auf dich, Daniel", steht auf einem Plakat, Millionen Zuschauer haben solche Bilder gesehen. Denn dieses Feldlager mit dem Namen La Esperanza, die Hoffnung, ist längst ein globales Studio. Gerade erzählt Señora Campos drei deutschen Journalisten, einem Chilenen und einer Spanierin von ihrem Jungen. Nebenan rattert der Kompressor von CNN. Kaum ist man aufgestanden, da nimmt sie bereits Canal 13 aus Argentinien in Beschlag wie eine Schauspielerin beim Endlosinterview. Der Nächste bitte.

Als Alicia Campos aus der Gegend von Rancagua im Süden nach dem Einsturz zu diesem Bergwerk in den Norden eilte, da war dies Einöde. Noch vor wenigen Wochen kehrte spätestens am Abend Ruhe ein hinter den Bohrtürmen, wo sich Angehörige versammeln, Techniker, Helfer, Polizisten und Politiker. "Und schaut euch das jetzt an", sagt sie. Jetzt werden Daniels Mama und die anderen Verwandten belagert in einer Wagenburg aus Zelten, Übertragungsstationen, Satellitenanlagen und Internetcontainern.

Seit die Bergung bevorsteht, sind zwischen den kahlen Hügeln 1500 Medienleute aus 33 Nationen eingefallen. Die 50 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Copiapó war Etappenziel bei der Dakar-Rallye, aber so wie in diesen Tagen ging es in dieser Mondlandschaft noch nie zu. Dies ist das bizarrste Pressezentrum der Erde.

Da staunt auch Jorge Medina von Radio Cooperativa, er war einer der ersten. Der Lokalkorrespondent des chilenischen Rundfunkkanals fuhr am 5. August in die sandigen Berge hinauf, nachdem das Grubenunglück bekannt geworden war. Ein Unfall wie viele dieser Art, vermutete Medina, "wir dachten nicht, dass da noch einer lebt." Chilenische Kollegen rückten nach, man schien einem nationalen Trauerfall an der Peripherie der Weltgeschichte beizuwohnen. Sie sprachen mit den Verwandten, recherchierten die Namen der Vermissten. In den internationalen Nachrichten kamen die Kumpel als Kurzmeldung vor - wie eine gekenterte Fähre in Bangladesh. Als Chiles Präsident und früherer Fernsehsenderbesitzer Sebastián Piñera TV-gerecht bekannt gab, dass die 33 Männer wohlauf seien und ein Schacht gebohrt werde, begann der Ausnahmezustand.

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