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"Über Land" im ZDF:"Der österreichische Einschlag beim Harald ist wirklich grenznah"

Über Land

Spielt nun die Rolle des Richter Bachleitner: Harald Krassnitzer.

(Foto: ZDF und Elli Fot)

An diesem Freitag tritt Harald Krassnitzer in der ZDF-Reihe "Über Land" als Amtsrichter an. Ein Gespräch mit Regisseur Franz Xaver Bogner über Justizdramen und den aussterbenden bayerischen Dialekt.

Interview von Christian Mayer

Franz Xaver Bogner hat die Ruhe weg, die es braucht, um das ganz normale Leben zu beschreiben. Kleine Gaunereien, Behördenfilz, Schlitzohrigkeiten aller Art: Die Welt, in der seine Reihe Über Land spielt, ist beinahe in Ordnung. Das Amtsgericht im Berchtesgadener Land hat dennoch genug zu tun, Nachfolger von Franz Xaver Kroetz ist nun der Schauspieler Harald Krassnitzer als Richter, der von der stets renitenten Chauffeurin Maria Simon durch die Gegend kutschiert wird. Wie schafft man es, in diesen Zeiten ein wenig bayerische Gelassenheit zu bewahren? Ein Gespräch mit dem Filmemacher und Drehbuchautor, der mit 71 voller Ideen steckt.

Franz Xaver Bogner.

(Foto: Stephan Rumpf)

SZ: Herr Bogner, in vielen Serien und Filmen geht es heute um Extremsituationen, um psychische und physische Gewalt. Warum finden Sie die Dramen des Alltags spannender?

Franz Xaver Bogner: Nach 147 Folgen von Café Meineid ist mein Auge geschärft für Geschichten, die vor Gericht spielen und die den großen Vorteil haben, dass sie so wirklich passiert sind. Echte Geschichten. Das ist die perfekte Grundlage, um gewisse Menschentypen dort einzubauen, ohne dass man sich sehr weit ins Autobiografische bewegt.

Wo finden Sie diese Justizgeschichten?

Überall, im Internet, in Lokalzeitungen. Ich habe seit Café Meineid auch Kontakte zu Leuten, die im weitesten Sinne mit der Gerichtsbarkeit zu tun haben. Wenn ich die anspreche, ob sie eine bestimmte Art von Fall im Kopf haben, die ich für einen Film verwenden möchte, bekomme ich oft gutes Material.

In Ihrer neuen Folge von Über Land geht es auch um einen One-Night-Stand im Hotel: Eine Frau verliebt sich dort in einen Gast, geht mit ihm am gleichen Abend ins Bett, wird schwanger und will das Hotelmanagement zwingen, den Nachnamen des werdenden Vaters herauszurücken.

Das ist genauso passiert! Und zufälligerweise waren in der besagten Nacht vier Männer mit dem gleichen Vornamen im Hotel, die als Kandidaten infrage kamen. So etwas kann man sich gar nicht ausdenken. Ich mag ja ganz besonders die Fälle beim Amtsgericht, wo das Strafmaß nicht mehr als ein Jahr beträgt. Alles was großflächig darüber hinausgeht, finde ich nicht mehr komisch: Raub, Mord, Vergewaltigung. Eine Mordgeschichte grotesk zu überhöhen, das würden nur die Engländer mit ihrem schwarzen Humor schaffen, das ist nichts für mich.

Sie sind im Osten von München groß geworden. Nicht gerade ein Biotop für Schwerverbrecher.

Richtig, in Markt Schwaben, unser Amtsgericht war in Ebersberg. Aber man hat die Polizei relativ selten gesehen damals. Man hatte ein grundsätzlich freieres Gefühl als heute, was die Staatsmacht anging.

Was ist Ihr Ideal eines guten Richters?

Ein Richter sollte sich gut im Leben auskennen, nicht nur in den Paragrafen. Weil die Menschen, die vor Gericht stehen, vielschichtig sind. Letztlich sollte in jedem Urteil auch die Möglichkeit zur Besserung liegen. Es gibt sicher Kriminelle, bei denen das nicht zu erwarten ist, aber noch mehr Menschen, die eher über Umwege oder Zufälle in etwas hineingerutscht sind. Ein guter Richter wird das erkennen, glaube ich. Vielleicht ist das mein Wunschdenken, denn ich ahne, dass Richter auch schlechte Tage haben - wenn sie etwa zwanzig Fälle in einer Sitzung runterreißen müssen.

Die erste Szene mit dem neuen Richter Bachleitner, gespielt von Harald Krassnitzer, ist eine Trauerrede: Er wolle seinen Freund "mit der Wahrheit" verabschieden, sagt er unter Tränen. Aber was weiß man eigentlich über die besten Freunde oder Ehepartner?

Ich denke, es ist angenehm, mit jemandem alt zu werden, wenn man nicht lang herumstochert, um die letzte Wahrheit herauszukriegen. Das will man ja selbst auch nicht, so eine peinliche Befragung.

Mit Krassnitzer haben Sie einen Salzburger als Hauptdarsteller. Müssen Sie schon auf Österreicher zurückgreifen, weil es so wenig bayerische Native Speaker gibt?

Na ja, der österreichische Einschlag beim Harald ist wirklich grenznah. Das geht. Aber es ist auch gar nicht mehr so einfach, bayerische Schauspieler zu finden, die den Dialekt richtig beherrschen. Bei den Sendern gibt es die Tendenz zur großen Vereinheitlichung. Einerseits will man Filme aus Bayern, andererseits soll man die Schauspieler überall mühelos verstehen. Manchmal fehlt mir da die Authentizität.

Warum ist Franz Xaver Kroetz eigentlich nicht mehr dabei in Über Land?

Seine klare Absage beruhte darauf, dass er gerade seine Memoiren schreiben muss und da ziemlich hinterherhinkt. Diese Begründung finde ich absolut schlüssig - schließlich ist er eine bayerische Charakterfigur. Jetzt haben wir mit Harald Krassnitzer auch wieder einen herausragenden Schauspieler, absolut allürenfrei und zugewandt. Eine tolle Arbeit ist da entstanden, gemeinsam mit Maria Simon, die eine Eigenschaft mitbringt, die ich sehr schätze: Sie ist sperrig. Und sie hat Lust an den kurzen Dialogen, am Zweideutigen.

Sie sind Experte für bayerische Dialoge. Beim Sächsischen müssen Sie dann ja wohl auf Ihre Schauspielerin vertrauen, oder?

Ja, ich spüre aber auch, ob einer wirklich mit seinem Dialekt aufgewachsen ist. Es gibt ja ab und zu Bewerbungen von Darstellern, mit der Liste der Filme, der besonderen Eigenschaften und den Sprachkenntnissen. Da gibt es Schauspieler, die vereinen angeblich sämtliche Dialekte Deutschlands. Da steht dann im Formular: Berlinerisch, Sächsisch, Hessisch, Bairisch. In solchen Fällen weiß ich hundertprozentig: Der spricht das alles garantiert nicht.

Ist das Berchtesgadener Land eigentlich wirklich so schön wie in Ihren Filmen?

Erstens sieht man im ZDF immer sehr gern Berge. Zweitens ist es in Verbindung mit den richtigen Typen auch sehr legitim. Dann gehen die halt in dieser schönen Gegend umeinander. Ich habe aber darauf geachtet, dass die Geschichte nicht durch übertriebenen Schnickschnack und Klischees kaputtgemacht wird.

Sie haben für Ihren neuen Film auch in München gedreht: im Schrebergartenmilieu, wo ein Investor die Leute mit allen Mitteln vertreiben möchte.

Auch das ist ein realer Fall aus einer Siedlung im Münchner Nordwesten. Es kam dort wie im Film zu einer Rebellion der Parzellenbesitzer, nachdem Investoren versucht haben, den Leuten das Leben im Kleingarten zu versauern, um bauen zu können. Das Witzige war, dass wir von dieser Geschichte erfahren haben, als wir gerade auf Motivsuche in Münchner Schrebergärten waren. Die Wirklichkeit ist eben unschlagbar.

Sehen Sie sich eigentlich als Unikum mit Ihrer Art, Filme zu machen?

Eher wie ein Fossil! Aber ich habe das große Glück, dass die Leute meine Filme mögen.

Über Land, ZDF, Karfreitag, 21.15 Uhr.

© SZ vom 09.04.2020/luch
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